Bloß nicht!

Steven Uhly: Glückskind

Steven Uhly - GlückskindEin Mann, allein. Mann haust verwahrlost und auf Hartz IV in seiner vermüllten Wohnung. Mann findet eines Tages in Mülltonne ein Baby. Mann sorgt für Baby – und ändert sein Leben.

Zu diesem Roman liegen euphorische Rezensionen vor: Starkes Thema! So voller menschlicher Wärme! Ein Buch, das wieder an den Menschen glauben lässt! Herzerwärmend.

Ich kann mich diesen Begeisterungsstürmen nicht anschließen. Ich finde „Glückskind“ vor allem eines: Unerträglich.

Zugegeben: Der Anfang, also in etwa bis zur dritten (!) Seite, ist gut. Es beginnt mit dem schönen Satz „Wieder so ein Scheißtag“ und gibt dann das interessante Portrait von einem, der sich konsequent allem verweigert und in dessen Wohnung Trampfelpfade durch den Staub Zeugnis seiner immer gleichen Wege geben, vom Bett zum Bad zum Fernseher zum Bett.

Aber so geht das natürlich nicht, und deshalb muss bald die große Kehrtwende erfolgen: Fund des Kindes in der Mülltonne, und schon wird die Wohnung geputzt, die Wäsche gewaschen, der Bart geschnitten, der Kontakt zu den Nachbarn hergestellt, die natürlich goldene Herzen und dazu noch so viel Interessantes aus ihrer Heimat, dem Iran, zu erzählen haben. Ein fremdes Kind, und schon wird nach Jahren der Anarchie alles gut und kann das Fest der Nachbarschaftshilfe und heilender Selbsterkenntnis beginnen – das soll man als Leser ernsthaft glauben?

So wenig er die Intelligenz der Leser ernst nimmt, so wenig Respekt hat Uhly vor den brisanten Themen, die sich unter dem Zuckerguss der Handlung verstecken: Die Vereinsamung und gesellschaftliche Ächtung von Erwerbslosen, das trostlose Leben eines Mannes allein, die anonyme Existenz in den tristen Wohnblocks unserer Städte – Sprengstoff genug für mehr als einen Roman. Doch Uhly, so scheint mir, erwähnt dies alles lediglich, um eine Folie für ein bisschen Realitätsflucht zur Hand zu haben, und um umgehend naive Lösungen auf dem Betroffenheits-Niveau der achtziger Jahre zu liefern: Denkt nicht an euch selbst, sondern an andere! Sprecht miteinander! Seid offen für andere Kulturen! Dann wird alles, alles gut. „Glückskind“: Zu schön, um wahr zu sein.

Steven Uhly: Glückskind.
288 Seiten
9,99 Euro
ISBN: 978 3 442 746125
btb

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