Junge Leser

Adina Rishe Gewirtz: Zebrawald

9783641137618Annie und ihr Bruder Rew haben es nicht leicht: Eine Großmutter mit Messie-Syndrom, die Mutter weg, der Vater tot, und immer wieder muss man sich gut klingende Lügen für die Sozialarbeiterin ausdenken: Wir kommen zurecht! Granny räumt das Haus auf und kocht für uns! Ja, wir gehen in die Schule.

Aber die beiden tun sich nicht leid. Sie lesen gemeinsam „Die Schatzinsel“ und stören sich nicht daran, dass in ihrer zerlesenen Ausgabe die ersten Kapitel fehlen. Und besonders in den Sommerferien können sie viele Stunden im Wald verbringen, der direkt hinter dem Haus beginnt und den sie „Zebrawald“ getauft haben: Von weitem ähneln dort die Birken und Eichen mit ihren weißen und dunklen Stämmen einem schwarz-weiß gestreiften Zebrafell.

Dann gibt es im benachbarten Staatsgefängnis eine Ausbruchswelle. Und plötzlich haben Gran, Rew und Annie einen entflohenen Sträfling bei sich im Haus …

Aber so schlimm ist das gar nicht: Der ungebetene Gast räumt stundenlang das Haus auf, putzt die Fenster, kocht für alle. Und er versucht wieder und wieder, mit Gran zu sprechen, die sich in ihrem Zimmer eingeschlossen hat. Wer ist dieser Häftling? Und wieso kennt er Gran?
Annie und Rew wissen nicht, ob sie die Wahrheit überhaupt herausfinden möchten…

Der Roman ist in den USA gefeiert worden – sicher auch, weil die Autorin nicht davor zurückschreckt, ihre jungen Leser mit harten Themen zu konfrontieren: zerrissene Familien, eine Existenz am Rand der Gesellschaft, Armut, Gewalt, Gefängnis.

Aber wirklich überzeugt bin ich von „Zebrawald“ trotzdem nicht. Vielleicht, weil die Hauptfiguren nicht so recht überzeugen – als bliebe der Autorin vor lauter Handlung, die weiterentwickelt und logisch begründet sein will, vor lauter Gefängnis-Ausbruch, Geiselnahme und Befreiungsversuchen kein Platz mehr für die Charaktereigenschaften ihrer Helden. Am meisten interessiert noch der entflohene Häftling selbst: Wie ausgerechnet er im Messie-Haus der Großmutter Ordnung schafft, die Küche aufräumt und den Kindern Kochen beibringt, ist schön und spannend zu lesen.

Von dieser Spannung der besonderen Art abgesehen steuert die Handlung jedoch relativ vorhersehbar auf den Showdown im titelgebenden Zebrawald zu, der wohl symbolisch für die Gegensätze und alles Ungeklärte und Ungesagte stehen soll, das die Familie der Romanhandlung, stellvertretend für alle anderen Familien, umtreibt.

Familie als tiefer Wald, voller Licht und Schönheit, aber eben auch voller Finsternis und krummer Pfade: Nicht das orginellste Bild vielleicht. Aber das will ich Gewirtz gar nicht vorwerfen – nichts gegen klare Bilder für junge Leser. Ihr ist eher der Vorwurf zu machen, die Schatten in den Familienwäldern nur zu nennen, um sie zu verharmlosen: Mag es auch manchmal finster sein, letztlich geht Familie eben doch über alles. Was macht es schon aus, in einem Messie-Haus ohne verantwortungsvolle Bezugsperson aufzuwachsen, solange man nur zusammenhält!

Mir reicht es so langsam mit all den Jugendbüchern, deren junge Helden nach dem Willen der Autoren zu diesem Schluss kommen und immer so schrecklich stark sein müssen, um das bisschen Familie, das man noch hat, zu retten (nur um sich dann voller Sehnsucht in die nächstbeste Liebesbeziehung/Abhängigkeit zu stürzen, siehe „Twilight“). All die egoistischen Erwachsenen – wo ist der Autor, der ihnen an den Kragen geht? Nirgends, offenbar : Family is all we have in the end – auch wenn man den Enkeln nichts Richtiges zu essen gibt und sie in die Schule gehen lässt, wenn sie gerade dazu Lust haben.
Rolf Lapperts gefeierter Jugendroman „Pampa Blues“, der einer Mutter verzeiht, ihrem einzigen Sohn, der noch nicht einmal erwachsen ist, den dementen Vater zur Pflege aufzuhalsen, während sie mit ihrer Jazz-Band durch die Lande tingelt, ließe sich da im gleichen Atemzug nennen.

Zebrawald: Schwarz-weiß-Malerei mit nur vordergründig spannender Handlung.

Adina Rishe Gewirtz: Zebrawald.
256 Seiten
14, 99 Euro
ISBN: 978-3-570-16309-2
cbt

 

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