Debüts, erzählend

Ayana Mathis: Zwölf Leben

 

Dem Süde516PcjJb7uLn der USA, wo die Schwarzen als Menschen zweiter Klasse behandelt werden, ist Hattie Shepherd glücklich entkommen. Doch ihr neues Leben in Philadelphia ist hart: Neun Kinder, ein winziges Haus, und auf ihren unnützen Ehemann kann sie sich auch nicht verlassen.

Hattie hält die Familie zusammen und bringt alle durch, irgendwie. Die Kinder erleben sie als strenge, unbarmherzige Mutter, ohne Liebe und Verständnis – und sie werden jedes auf seine Weise noch lange an den Folgen dieser harten Kindheit zu tragen haben…

Die Autorin erzählt in einzelnen Episoden: Jedes Kapitel handelt von einem anderen Sprößling des Shepherd-Clans und ist entsprechend benannt – in „Ella“ beispielsweise holt die reiche Verwandtschaft Hatties jüngste Tochter zu sich, um ihr ein Aufwachsen in Armut zu ersparen, in „Franklin“ zieht Hatties Sohn, Soldat in Vietnam, die bittere Bilanz seines Lebens, in „Alice und Billups“ haben die Geschwister mit einem Kindheitstrauma zu kämpfen.

Nicht jedes Kapitel ist der Autorin gleich gut gelungen – so kommt etwa die Geschichte von Franklin, der als Soldat fern der Heimat um seine verlorene Liebe trauert, schon ziemlich klischeebeladen daher.

Aber wenn es auch manchmal knirscht oder nach angelernter Creative-Writing-Methode aussieht: Die Aufteilung in Episoden beteiligt den Leser am Geschehen. Sie bewirkt, dass man sich bei all den verschiedenen Stimmen, die im Shepherd-Clan zu Wort kommen, ein eigenes Urteil bilden und selbst entscheiden muss, wem man recht gibt und zu wem man hält – ganz so, als wäre man selbst Teil dieser Großfamilie.

Und man ist auch Teil der Welt, die Mathis zum Leben erweckt – man meint die feuchte Hitze im tiefen Süden zu spüren und schaudert mit der jungen Hattie in der Winterkälte von Philadelphia. Und man meint die Figuren zu kennen: Die stolze und starke Hattie, ihr gutherziger, aber schwacher Ehemann, die Kinder mit ihren Ängsten und inneren Konflikten, und als Konstante, die immer wieder erscheint und ihre weisen Kommentare abgibt oder auch einmal beherzt eingreift, die alte Willie aus der Nachbarschaft mit ihrem dicken Südstaatler-Akzent und den Juju-Zauberkräften.

„Zwölf Leben“: Die in weiten Teilen überzeugende Chronik einer Familie in harten Zeiten.

Ayana Mathis: Zwölf Leben.
Aus dem Amerikanischen von Susanne Höbel
368 Seiten
9,90 Euro
ISBN 978-3-423-14436-0

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