Debüts, erzählend

Shani Boianjiu: Das Volk der Ewigkeit kennt keine Angst

9783462045581„Heute will uns das Militär zeigen, wie es sich anfühlt, wenn man erstickt.“ Willkommen bei der israelischen Armee.
Die junge Autorin Shani Boianjiu weiß, worüber sie schreibt, hat sie doch selbst ihre zwei Jahre Dienst an der Waffe abgeleistet. Ihre Erfahrungen verarbeitet sie nun zu einem zutiefst verstörenden Romandebut – einer Mischung aus absurdem Kriegsspiel, post-pubertärer Selbstfindung und blankem Horror.

Was ist so verstörend an diesem Erstling? Nicht so sehr, was tatsächlich geschieht, obwohl es uns an den Frieden gewöhnten Lesern befremdlich genug erscheint:
Shopping-Touren der etwas anderen Art, bei denen man endlose, von der Truppe kurz vor Dienstantritt an alle Rekruten versandte Einkaufslisten abzuarbeiten hat, sieben Paar Socken in Olivgrün, Damenbinden für zwei Monate, Sonnenschutz.
Eine Grundausbildung mit Inititationsriten wie dem gefürchteten Tränengaszelt, erst mit Gasmaske und dann ohne, und während dir der Schleim übers Gesicht läuft, nehmen dich brüllende Vorgesetzte mit Fragen ins Visier: „Liebst du dein Land?“
Oder Schießtraining mit sexy, aber gedankenlosen Rekruten, die „bumm, bumm, bumm“ auf arabische Jungs schießen, oder das angeödete Herumhängen auf dem Stützpunkt, oder das Attentat am Checkpoint, oder doch plötzlich Krieg.

Boianjiu könnte all dies dramatisch und hochemotional erzählen. Doch sie wählt einen weitaus brutaleren Weg.

Obwohl sie über weite Strecken des Romans so nah wie möglich an ihren jungen, unbedarften Figuren bleibt und sie selbst erzählen lässt, kann man als Leser kaum eine emotionale Verbindung herstellen zum Schicksal der drei Protagonistinnen Lea, Yael und Avishag.

Denn es geht der jungen Autorin –  eine kluge Entscheidung – gerade nicht um emotionale Bindung und Identifikation, sondern um den Schock. Der Atem soll uns wegbleiben, der Boden unter den Füßen wanken, und das gelingt Boianjiu nur zu gut: Erklärt, gedeutet, reflektiert wird hier gar nichts, sondern wir Leser werden gezwungen, an der beschränkten Gedankenwelt von drei Jugendlichen teilzunehmen, die Militärdienst als Alltag verstehen und deren Leben, vom Schulunterricht übers Militär bis ins Private, durch und durch von Gewalt geprägt ist. Hat man Pech, fällt man ihr zum Opfer (was den dreien in der Tat passieren wird), hat man mehr Glück, kann man Täter sein (auch das wird eine Rolle spielen), und das war es auch schon mit den verfügbaren Optionen.
Beschränkt wie die Protagonisten ist ihre Sprache. Poetisch meint hier Sätze wie „Die Sonne knallt bumm bumm bumm auf meinen Kopf“, und viele Absätze lesen sich mit ihren knapp hervorgestoßenen Sätzen als stehe man in einem Kugelhagel – nicht mangelndes Erzähltalent der Autorin, sondern nur konsequent: In einer Welt ohne Optionen ist auch die Sprache eng begrenzt.

Das Volk der Ewigkeit kennt keine Angst: Nichts für schwache Nerven.

Shani Boianjiu: Das Volk der Ewigkeit kennt keine Angst.
Aus dem Englischen von Maria Hummitzsch und Ulrich Blumenbach
ISBN: 978-3-462-04755-4
336 Seiten.
9, 99 Euro.
Kiepenheuer & Witsch.

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