Junge Leser

Ingeborg Kringeland Hald: Vielleicht dürfen wir bleiben

 

Vielleicht dürfen wir bleiben (2)

Flucht steht im Zentrum dieses Romans, gleich zweimal. Einmal in der Gegenwart der Romanhandlung: Die Familie von Albin Prek, elf Jahre alt, darf nicht in Norwegen bleiben, wo ihnen während des Bosnienkriegs Asyl gewährt wurde. Als die Polizei kommt, um die Familie zu holen, läuft Albin weg – mit dem vagen Plan, sich irgendwie nach Oslo durchzuschlagen und dort unterzutauchen.

Unterwegs im winterlichen Norwegen suchen ihn die Erinnerungen heim, an den Krieg in Bosnien: Wie der Vater von Soldaten erschossen wurde, die Flucht mit der Mutter und den beiden kleinen Schwestern, das Gedränge, die Hast, die Toten am Wegrand.

Die Autorin lässt Albin sprechen. Nur aus seiner Perspektive wird erzählt. Und wie er spricht, das vergisst man nicht so leicht: Die Sätze knapp und kurz, häufig auf wenige Worte beschränkt. Vielleicht. Für immer. So ist das nun mal.

Was für ein Unterschied zu den unbeschwerten Albereien der beiden norwegischen Mädchen, zwei Schwestern, die Albin schließlich auflesen und ihm weiterhelfen. Diese beiden machen Urlaub bei den Großeltern und haben nicht nur die Zeit, sorglos herumzualbern, sondern auch dafür, Oma und Opa mit verwöhnten Wünschen auf die Nerven zu fallen. Sie können es sich leisten, suggeriert der Roman. Albin nicht mehr. Seine Kindheit ist vorbei.

Leider war es mit dem Zusammentreffen von Albin mit den beiden Schwestern auch mit meiner Bewunderung für das Buch vorbei.

Hald kann beeindrucken und verstören, wenn es um Albins Erinnerungen geht und um seine, plötzlich ganz poetisch erzählten, (Alp)Träume, in denen sich Erinnerungen und Gegenwart vermischen.

Aber der zweite Handlungsstrang beeindruckt mich weniger: Hier gewinnt, mit der Kontrastierung von Albins hartem Schicksal mit dem sorglosen Leben der beiden Mädchen, ein störendes, an ein behütetes Lesepublikum gerichtetes „Seht her wie gut ihr es habt“ die Oberhand. Als ob die Autorin dies selbst geahnt hätte, bemüht sie sich um mehr Leichtigkeit: Albin darf trockenen Humor beweisen, und die Witzeleien der Schwestern nehmen einigen Raum ein. Es hilft nicht: Man fühlt sich von da an als Leser belehrt, zu deutlich mit einer (gut gemeinten) Absicht konfrontiert. Und das reichlich unglaubwürdige Beinah-Happy-End zum Schluss macht es auch nicht besser.

Vielleicht dürfen wir bleiben: Höchstes Erzählniveau, leider gegen Schluss enttäuschend.

Ingeborg Kringeland Hald:
Vielleicht dürfen wir bleiben.
9,99 Euro.
112 Seiten.
ISBN: 978-3-551-55597-7
Carlsen.

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