Debüts, erzählend

Anna Gavalda: Zusammen ist man weniger allein

Im winterlich kalten Paris finden drei Gestrandete zusammen: Philibert, mit hochadligem Stammbaum, aber extrem verschüchtert, Franck, Sterne-Koch im Dauerstress mit pflegebedürftiger Großmutter, und Camille, als Malerin hochbegabt, aber aufgrund lange verdrängter Traumata kurz vor der Magersucht.

Philiberts einst noble, inzwischen ziemlich in die Jahre gekommene Stadtwohnung mit ihrem verblichenen Belle-Epoque-Charme wird zur Arche Noah für diese drei Gestalten, den Hauptfiguren in Anna Gavaldas herzerfrischendem Erstling.
Herzerfrischend vor allem deswegen, weil sich die Autorin erst gar nicht mit mühsamer Bestseller-Prosa aufhält, sondern von ihren drei jungen Wilden und ihrem buntgemischten Umfeld – der Concierge, dem Junkie, den Mädels von der Putzkolonne – fast ausschließlich in Dialogform erzählt. Folglich wird diskutiert, monologisiert, gewitzelt, geflirtet, gepredigt, gestottert und gewütet, dass es nur so kracht (und wenn einmal jemandem die Worte fehlen, kommt als treffendes Bild vorübergehender Sprachlosigkeit ein so stummes wie schönes „…“ zum Einsatz).
Nie wird das künstlich oder klingt nach Papier, sondern Gavalda gelingt das Kunststück, jeder Figur ihre ganz eigene Sprache zu verleihen – vom brodelnden Proleten Franck bis zum wohlgesetzt-adlig sich ausdrückenden, dabei herrzereißend sprachbehinderten Philibert.

„Zusammen ist man weniger allein“ liest sich auch als eine Liebeserklärung an Frankreich. Nicht nur spielt der Roman, natürlich, in Paris, und dreht sich ein charmanter Handlungsstrang darum, die fast-magersüchtige Camille mit bester französischer Küche wieder aufzupäppeln. Sondern es treffen hier auch, beinah wie in den „Drei Musketieren“, nicht nur drei Menschen, sondern ganz klassisch auch drei Stände zusammen: Adel (Philibert), gebildetes Bürgertum (Camille), und „einfaches Volk“ (Franck) – mit einem pflegebedürftigen D’Artagnan in Gestalt von Francks Großmutter (denn die darf irgendwann auch in die Chaos-WG einziehen und die Ersatzfamilie damit komplett machen).
Und obwohl kein König weit und breit zu sehen ist, könnte Gavaldas Botschaft ganz ähnlich lauten wie in Dumas‘ berühmtem Werk: Haltet zusammen!
Denn nur gemeinsam klappt das mit einer Gesellschaft und mit dem Leben – nur wenn man Unterschiede wie Stand, Herkunft oder Sprache mutig und neugierig überwindet.
Ganz im Sinne des Originaltitels eben: Ensemble, c’est tout.

Zusammen ist man weniger allein: Der Lebensretter für graue Tage. Vive la France!

Anna Gavalda: Zusammen ist man weniger allein.
9,95 Euro.
ISBN: 978-3-596-17303-7
S. Fischer Verlage

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