Debüts, englisch, erzählend

Chimamanda Ngozi Adichie: Purple Hibiscus

Nigeria, die 1990er Jahre. Die 15-jährige Kambili und ihr Bruder Jaja lieben ihren Vater – und sie fürchten ihn: Hinter der Fassade des jovialen Patriarchen verbirgt sich ein fanatisch frommer Tyrann.

Eines Tages gelingt es der warmherzigen Tante Ifeoma, die Geschwister für einen Kurzbesuch zu sich zu holen. Die wenigen Tage in ihrem fröhlichen Haushalt vermitteln der schüchternen Kambili und dem stillen Jaja zum ersten Mal im Leben eine Ahnung von einem freien Leben nach eigenen
Vorstellungen, ganz ohne Angst und Gewalt.
Und als sie der Vater wieder nach Hause holt, bringt es vor allem Jaja nicht mehr über sich, weiterhin den gehorsamen Sohn zu spielen …

Besonders spannend liest sich „Purple Hibiscus“, wenn man den Roman als die selbstbewusste Antwort einer neuen (weiblichen) Schriftstellergeneration auf einen berühmten Klassiker der nigerianischen Literatur versteht: Auf  „Things Fall Apart“  des großen Chinua Achebe nämlich, der erklärtermaßen verehrtes Vorbild der jungen Autorin ist.
Und gleich im ersten Satz ihres Romans stellt sich Adichie in Beziehung zu ihrem Idol, indem sie den Titel seines berühmten Werks fast wörtlich zitiert:

Things started to fall apart at home when my brother, Jaja, did not go to communion and Papa flung his heavy missal across the room and broke the figurines on the étagère.“

In diesem ersten Satz wird auch klar, dass Adichie auf ganz andere Art und Weise als ihr großer Schriftstellerkollege vom Zerbrechen alter Regeln und Ordnungen zu erzählen beabsichtigt.
Denn anders als Chinua Achebe, der das bittere Schicksal eines Familienvaters und Patriarchen vor dem Hintergrund der brutalen Kolonialisierung Nigerias durch die Engländer schildert, interessiert sie sich weniger dafür, was es mit den Trägern der Ordnung macht, wenn eben diese Ordnung in Auflösung gerät. Ihr Augenmerk gilt den Söhnen dieser strengen Väter, den Töchtern und Ehefrauen: Was bedeutet für sie die Auflösung alles Altgewohnten, die Entwertung alter Rituale?

Und ihre erfrischende, so gar nicht resignative Antwort lautet: Für diese zweite Generation meint Zerfall zwar auch Zweifel und Unsicherheit, und gefahrvolles Überleben in einem zwischen Tradition und Moderne hin- und hergerissenen Land. Aber vor allem für die Frauen (ohnehin nie die großen Gewinner väterlicher Ordnungen), bedeutet Zerfall des Gewohnten und die schwindende Bedeutung althergebrachter Traditionen auch und vor allem Befreiung.

Lebender Beweis dafür ist bei Adichie ihre starke weibliche Hauptfigur, Tante Ifeoma, das Gegenbild zu aller väterlich-männlichen Resignation. Den Widersprüchen des modernen Nigeria begegnet sie nicht, wie der nach außen so starke, und dabei innerlich haltlose und verzweifelte Vater von Jaja und Kambili, mit der Flucht in über-devotes Christentum kolonialherrschaftlicher Prägung, sondern mit der Rückbesinnung auf eigene Stärken, und einer offenen, toleranten Haltung, die sich auf ihr gesamtes Umfeld auswirkt:

Ihre drei Kinder sind klug und wach und beten ebenso selbstverständlich den Rosenkranz wie sie an den Zeremonien der Igbo teilnehmen. Der schwer erkrankte Großvater wird ohne viel Umstände im Wohnzimmer einquartiert, in alle Diskussionen mit einbezogen und um Märchen und Geschichten aus seinem Heimatdorf angebettelt, der junge Priester kommt zum Abendessen vorbei und diskutiert bereitwillig über Politik, Fußball, Gott und die Welt, und die Wohnung ist bei aller Knappheit der Mittel liebevoll dekoriert und blitzt vor Sauberkeit, ganz zu schweigen von Ifeomas Garten, einem farbenprächtigen Blickfang für die Nachbarschaft.

Dass nur diese Haltung der Offenheit und kreativen Neugier die Antwort sein kann auf ein Leben in einem Land, das schwer an alten und neuen Traumata trägt, und dessen Regierung seinen erschöpften Bürgern so vieles schuldig bleibt, dafür steht denn auch der Titel des Romans: Hibiskus in Blauviolett kommt in der Natur gar nicht vor, nur im Garten der Tante sieht man ihn in dieser Farbe leuchten – stolzes Ergebnis ihrer botanischen Experimentierfreude.

Purple Hibiscus: Eine starke Stimme aus dem modernen Nigeria, und der erste Paukenschlag einer Autorin, deren Romane inzwischen zum Kanon zeitgenössischer Literatur zu zählen sind.

Chimamanda Ngozi Adichie: Purple Hibiscus.
307 Seiten.
£8.99
ISBN: 978 0 00 718988 5
4th Estate Books.

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