englisch, erzählend

Ian McEwan: Atonement

Ein heißer Sommertag im England des Jahres 1935. In der stattlichen Villa der Familie Tallis, im weitläufigen Park scheinen die bedrohlichen Entwicklungen in Nazi-Deutschland und der bevorstehende Krieg weit weg zu sein.
Die älteste Tallis-Tochter, Cecilia, vertreibt sich die Zeit mit vagen Zukunftsplänen und damit, dem gutaussehenden Robbie, ihrem Spielgefährten aus Kindertagen, aus dem Weg zu gehen.
Ihre kleine Schwester Briony, fest entschlossen, später einmal Schriftstellerin zu werden, nimmt derweil auf der Suche nach erzählenswerten Inhalten ihre Umgebung genau unter die Lupe – ohne dabei aber alt genug zu sein, aus zufälligen Beobachtungen die richtigen Schlüsse zu ziehen. Was, zum Beispiel, hat es nur zu bedeuten, dass Robbie und Cecilia in letzter Zeit so ganz anders als gewohnt miteinander umgehen? Was tun die beiden draußen am Brunnen, wieso nur zieht Cecilia sich, vor den Augen von Robbie, plötzlich die Kleider aus und steigt, fast nackt!, ins Wasser?!

In der schwülen Nacht, die auf den ungewöhnlich heißen Tag folgt, wird etwas Schlimmes geschehen. Alle werden sich, gemeinsam mit der Polizei, um Aufklärung bemühen und für jeden Hinweis dankbar sein – die große Stunde von Briony, die der Versuchung nicht widerstehen kann, den Erwachsenen ihre ganz eigene, für die gerade erst begonnene Liebesgeschichte von Robbie und Cecilia katastrophale Version der Ereignisse zu präsentieren …

Mit dem zweiten Teil des Romans vollzieht sich sowohl ein abrupter Schauplatzwechsel wie ein zeitlicher Sprung: Vom ruhigen Park mitten im Frieden ins vom Krieg gezeichnete Nordfrankreich des Jahres 1940.
Dort dient Robbie als einfacher private in der britischen Armee. Und seine Kameraden wundern sich: Wieso hast du keinen höheren Rang, mit deiner Bildung und deinem guten Französisch? Ihnen bleibt Robbie die Antwort schuldig. Nur den Leser lässt er an seinen Gedanken und Erinnerungen teilhaben, und so erfährt man nach und nach, während auf der ersten Handlungsebene das Kriegschaos seinen Lauf nimmt, wie es für Robbie weiterging nach jenem schicksalhaften Sommertag:
Brionys falsche Aussage hat ihn für Jahre ins Gefängnis gebracht. Erst der Beginn des Krieges bot mit dem Eintritt in die Armee, und sei es nur als einfacher Fußsoldat, die Chance auf vorzeitige Entlassung.
Cecilia hat er in all den Jahren nur einmal wiedergesehen, und während Robbie und zwei treue Kameraden sich in Richtung Küste durchschlagen, dabei von Tieffliegern ins freie Feld gehetzt werden, hastig Gräber für Gefallene schaufeln, abgetrennte Gliedmaßen in den Bäumen hängen sehen, klammert er sich an die Erinnerung an ihren leidenschaftlichen Abschiedskuss, damals in London, bevor er einberufen wurde.
Briony zu hassen, so hält er sich Nacht für Nacht vor, ist weder fair noch gerecht. Aber hat sie nicht ihn und Cecilia auseinandergerissen, für immer vielleicht? Denn wer weiß, ob Robbie lebend nach England zurückkehren wird …

Auch Briony, inzwischen erwachsen geworden, quält diese Frage. Während Robbie in der britischen Armee kämpft, lässt sie sich in London zur Krankenschwester ausbilden, was zur erzählten Zeit nicht ohne beträchtlichen Drill und beinah militärische Strenge abging.
Briony, im erwachenden Bewusstsein ihrer Schuld, ist das zunächst gerade recht.
Doch auf die Dauer kann keine noch so harte Arbeitsroutine, keine schreckliche Nacht im Dauereinsatz, als die ersten schwerverletzten Soldaten aus Frankreich zurückkehren und noch die unerfahrenste Schwester mit anpacken muss, ihr Ablenkung oder gar Erleicherung bringen: „She was unforgivable“, schildert es McEwan.
Als aus der Familie eine unerwartete Nachricht eintrifft, entschließt sich Briony dazu, ihrer Schwester Cecilia nach so vielen Jahren des Schweigens einen Besuch abzustatten, in der Hoffnung, was geschehen ist, doch noch wieder gutmachen zu können …

Ian McEwan verdichtet seinen Roman, vor dem Hintergrund einer der großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts, zu einer fesselnden Studie über Schuld, Sühne, unsterbliche Liebe – und über Sinn und Grenzen der Literatur.

Denn zunächst scheint es, als habe der Autor mit „Atonement“, die Gesetzmäßigkeiten postmoderner Erzählstrategie ein wenig überstrapazierend, einen Roman genau darüber verfasst, wie gefährlich Romane sein können: Schließlich ist die Wurzel allen Übels die lebhafte Einbildungskraft einer angehenden Romanautorin.

Doch letztlich, ohne zuviel verraten zu wollen, liest sich „Atonement“ wie eine Antwort auf die jungen Brionys dieser Welt, und wird zum Denkmal für das eigentliche Vermögen, und den eigentlichen Sinn, der literarischen Kunst.

Denn Literatur ist nicht, was die junge, törichte Briony auf der Suche nach schriftstellerischen Ehren (und mit dem uneingestandenen Wunsch nach Bestätigung durch die Erwachsenenwelt) dafür hält.

Anders als Brionys zwar spannende, aber erlogene Geschichte, die Robbies Schicksal besiegelt, verschleiert sie nichts, sondern enthüllt: So werden in „Atonement“ gleich zwei Mythen entlarvt – Dünkirchen als blutiges Chaos und die so häufig verklärte Arbeit einer Krankenschwester zur Kriegszeit als unendlich stupide, und unendlich hart.

Literatur kann ein Code sein für Liebende wie Robbie und Cecilia, denen die Gefängniszensur verbietet, in ihren Briefen offen zu schreiben.
Sie kann aus spärlichen Quellen ein Kriegsgeschehen rekonstruieren und damit den Nachkriegsgenerationen begreiflich machen, was Krieg heißt und bewirkt.
Und sie kann, und damit ist hoffentlich nicht zuviel zu verraten, für Briony eine Möglichkeit sein, sich von der Last der eigenen Schuld zumindest teilweise zu befreien …

Atonement: Ein Meisterwerk, das bis zur letzten Seite in Atem hält. Die Verfilmung (Joe Wright 2007) mit Keira Knightley und James McAvoy 🙂 in den Hauptrollen ist zwar solide, wird den vielen Facetten des Romans aber nicht gerecht.

Wer sich für Literaturwissenschaft interessiert, dem empfehle ich außerdem die YouTube-Vorlesungen aus der Reihe „10 minutes on …“ (auf Englisch).

Ian McEwan: Atonement.
ISBN: 978 0 099 42979 1
384 Seiten.
8,99
Vintage Books.

Werbung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..