Bücherhimmel in Schwarz-Weiß.
Debüts, erzählend, Junge Leser

Marina Keegan: Das Gegenteil von Einsamkeit

Das Gegenteil von EinsamkeitIm Alter von gerade einmal 22 Jahren starb Marina Keegan, wenige Tage nachdem sie an der Elite-Universität Yale ihren Abschluss gemacht hatte, bei einem Autounfall. Sie studierte „Creative Writing“ und wurde, in Yale eine denkbar große Ehre, für die offizielle Abschlussfeier ihres Jahrgangs als Rednerin ausgewählt.

Diese inzwischen auch dank Youtube berühmte Rede, „Das Gegenteil von Einsamkeit“, und einiges von dem, was Keegan vor und während des Studiums schrieb, Essays und Short Stories etwa, haben Dozenten, Freunde und ihre Familie zusammengetragen und als Buch herausgegeben.

Handwerklich sind ihre Texte wirklich gut gelungen. Diese Autorin hat ohne Zweifel von den Besten gelernt; hat sich verschiedenste Erzähltechniken angeeignet, kann ihren Texten Überschriften geben, die neugierig machen; die Dialoge sind nicht hölzern, die Handlungsbögen halten den Leser durchaus bei der Stange. Verblüffend professionell für jemanden, der gerade mal Anfang 20 war.

Inhaltlich wird es schwieriger.
Ein Text hat sich mir wirklich eingeprägt, und zwar der Essay „Sogar Artischocken haben Zweifel“. Der gekonnt gesetzten Überschrift folgt ein Text, der interessante Blicke hinter die Kulissen von Yale erlaubt:
Die Autorin verrät uns, dass die Absolventen dieser Ivy-League-Institution jedes Jahr, so aggressiv wie psychologisch geschickt, von namhaften Großkonzernen, McKinsey und JP Morgan allen voran, umworben werden – mit der Folge, dass unglaubliche 25% jeden Jahrgangs aus Yale direkt in die Welt der Unternehmensberater wechseln, aller vorherigen Träume und Pläne („ich eröffne ein alternatives Café“, „später mal will ich bei einer NGO arbeiten“) zum Trotz.
Und man teilt den Zorn und die Enttäuschung der jungen Autorin darüber, wie viel Talent den NGO’s, dem Independent-Kino, der alternativen Kulturszene auf diese Weise verloren geht.

Das ist gut, spannend, neu: Hier hat Marina Keegan etwas zu sagen, dass man so nicht wusste oder wissen wollte, und dass auch nur sie, als Yale-Absolventin, so wissen und erzählen kann.

Ich wünschte, von den übrigen Texten könnte ich Ähnliches sagen, aber von der Abschlussrede abgesehen, die wirklich prima ist und originell, wirkt vieles wie direkt aus dem Creative-Writing-Seminar – man kann die Aufgabenstellung geradezu vor sich sehen: „ein Gegenstand, der mir etwas bedeutet“, „der Besuch zu Hause“, „Dystopie“, „Liebesgeschichte“.

Dennoch überschlägt sich die internationale Kritik regelrecht und bezeichnet Keegan als Ausnahmetalent, wenn nicht gar als den neuen Stern am literarischen Himmel. Gut, meinetwegen – die Literaturszene will auch leben.
Aber wenn wir den Verstorbenen etwas schulden, dann ist es die Wahrheit.

Am klügsten und angemessensten äußert sich Keegans Professorin, Anne Fadiman, über Marina: „Viele meiner Studenten klingen wie Vierzigjährige“, heißt es in ihrem Vorwort zu „Das Gegenteil von Einsamkeit“.
Und weiter: „Marina war einundzwanzig und klang wie einundzwanzig […] Marina würde nicht wollen, dass man sich an sie erinnert, weil sie tot ist. Sie würde wollen, dass man sich an sie erinnert, weil sie gut ist“.

„Das Gegenteil von Einsamkeit“: Solide Fingerübungen einer begabten jungen Frau. Muss wohl in die Kategorie Debüt. Und das fühlt sich traurig an.

Marina Keegan: Das Gegenteil von Einsamkeit.
288 Seiten.
9,99
ISBN: 978-3-596-03242-6
Fischer Taschenbuch

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