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Wibke Bruhns: Meines Vaters Land

https://images-na.ssl-images-amazon.com/images/I/51Zp%2BtNQYIL._SX314_BO1,204,203,200_.jpgWibke Bruhns, geborene Klamroth, ist wütend. Zum Beispiel darüber, dass ihre Mutter einst fröhlich im Familientagebuch vermerkte: „Wir singen Hitler-Lieder!“ Dazu ein Foto von einem geselligen Abend im Familienkreis, die Kinder stehen ums Klavier und recken die Arme.

Das Oberhaupt dieser unbeschwerten Runde, Bruhns‘ Vater Hans Georg Klamroth, galt den Nazis als Mitwisser des gescheiterten Attentats vom 20. Juli und wurde im August 1944 hingerichtet.
Wie, bitte, passt das zusammen?

Die Autorin, Jahrgang 1938, hat kaum Erinnerungen an den Vater: Mit dem Ausbruch des zweiten Weltkriegs hatte Klamroth, Offizier bei der Abwehr, kaum noch Gelegenheit, Zeit zu Hause bei Frau und Kindern zu verbringen.

Diese Lücke möchte Bruhns füllen mit „Meines Vaters Land“. Dafür hat sie denkbar beste Voraussetzungen: Man kennt sie als Fernsehjournalistin, die als erste Frau überhaupt die „heute“-Nachrichten verlas (und damit in der Bundesrepublik der 70er Jahre einen Skandal (!) auslöste), unter anderem für den „Stern“ tätig war und in den USA und Israel als Auslandskorrespondentin arbeitete.

Nun hat sie sich tief in den Nachlass ihrer Vorfahren gewühlt, hat alle Briefe, Tagebücher, Haushaltsbücher, Fotografien gesichtet, die ihr die weitverzweigten Klamroths hinterließen. Sie holt weit aus, möchte hinter das Milieu kommen, das diesen fremden Vater geprägt hat. Sie will verstehen, nicht verurteilen.

Klamroth, familienintern „HG“ genannt, kommt aus gutem Haus: Genauer aus der wohlhabenden Kaufmannsfamilie Klamroth, die in Halberstadt in Sachsen-Anhalt residieren.
Geschäftssinn geht in diesem Clan mit einigem Ehrgefühl und viel Stolz aufs deutsche Vaterland einher. Der junge HG zieht denn auch begeistert in den ersten Weltkrieg – wo es aber doch scheußlicher wird als gedacht und wo er, zumindest dem eigenen Empfinden nach, schwere Schuld auf sich lädt. Eine Schuld, mit der ihn die gütigen, aber in dieser Hinsicht verständnislosen Eltern allein lassen. Sie haben ja auch Großes mit ihm vor: Er soll ins Geschäft einsteigen und später einmal Vaters Firma übernehmen. Keine Zeit für tiefschürfende Gespräche!

Passenderweise verliebt sich Hans Georg, der Firmenerbe, in die ebenfalls gut betuchte Else Podeus, eine wilde, grundsätzlich von allem „unimponierte“ Person, die, wie es Chronistin Bruhns amüsiert vermerkt, ihrem damals noch reichlich „verklemmten“ Vater viele Hemmungen und Komplexe nehmen kann.

Es folgt ein zunächst sehr glückliches Eheleben, Kinder, ein großes Haus.

Das junge Glück wird allerdings bald empfindlich gestört durch HG’s zahllose Affären. Er habe Frauen „wie Drogen“ konsumiert, so Bruhns. Sie seien ein Ventil für ihn gewesen, die einzige Möglichkeit, dem Alltagsstreß als Firmenleiter und Familienoberhaupt zu entkommen. Ehefrau Else findet es natürlich irgendwann heraus – und es folgt ein zermürbender Rhythmus aus Streit und Versöhnung, der beiden viel von der Kraft rauben wird, die zur Bewältigung des späteren Traumas nötig wäre.

Noch ist dieses Trauma nicht abzusehen. Zunächst steht Klamroth den Nazis mitsamt ihrer konfusen Lebensraum-Theorie durchaus aufgeschlossen gegenüber: „Für ein besseres Leben für uns und unsere Kinder!“ (und die Tochter, kopfschüttelnd: „Es ging den Kindern blendend. Was wollte er denn noch?“).

Dann gibt es Krieg. Und HG, als Offizier der Abwehr in Polen, in Dänemark und schließlich an der Ostfront, muss irgendwann erkannt haben, für wen er da den Kopf hinhielt. Bruhns kann nur vermuten, wann genau. Sie weiß, dass ihr Vater viele Verschwörer des 20. Juli persönlich kannte, mit ihnen während des Kriegs in Kontakt stand und früher oder später gewusst haben muss, was sie planten – und sie nicht verriet.
In seinen Briefen schreibt er kaum je kein Wort von all dem, um die Familie zu schützen, rückt erst im allerletzten Moment mit Teilen der Wahrheit heraus, bei einem kurzen, und letzten, Besuch zu Hause. Und dann: Verurteilung, Todesurteil, für HG selbst und für seinen Schwiegersohn Bernhard, der sich aktiv an der Vorbereitung des Attentats beteiligt hatte.

Im Zuge der „Sippenhaft“ landet der Bruder der Autorin im Strafbataillon, wo man ihn zu Einsätzen zwingt, über die er „bis heute“ nicht reden will, steckt man die Eltern von Bernhard Klamroth in KZ und Zuchthaus.
Das Vermögen der Familie wird eingezogen bis aufs letzte Kinderspielzeug, und erst nach einigem bürokratischem Hin und Her wieder freigegeben – wie ein hoch korrektes Schreiben an Bruhns‘ Mutter verrät, das die Tochter im Nachlaß entdeckt und erst einmal verdauen muss („Da werden die Männer gehenkt, und anschließend kommen Briefe [der SS]: ‚Sehr geehrte gnädige Frau…“)

Wahrhaftig monströse Zeiten.

Doch bei all dem habe es sich die Mutter niemals erlaubt, so Bruhns, etwas anderes an den Tag zu legen als eiserne Selbstbeherrschung: „[Du konntest] dein Entsetzen über diesen Tod nie herausschreien“.

Überhaupt, Selbstbeherrschung. Glaubt man Bruhns, war sie das Mantra der Vätergeneration. Zwar waren die Klamroths durchaus lustige Vögel, feierten ausgiebig Familienfeste, sangen vielstimmige Kanons, versteckten zu Weihnachten die Lebkuchen-Herzen vor HG, weil der sonst von allen die Spitzen abbiß, suchten eifrig im Garten nach zuvor per peniblem Protokoll dort platzierten Ostergeschenken („grünes Nest, 4. Johannisbeersbusch von links, etwa Kniehöhe“), aber trotzdem. Haltung war gefordert, galt als das Höchste, immer.

Die Autorin selbst allerdings pfeift darauf. Wenn sie etwas zum Kotzen findet an ihren gläubigen und begriffsstutzigen Ahnen und der monströsen Zeit, der sie in den Steigbügel halfen, dann sagt sie das auch. Zum Teufel mit den deutschen Siegen. Das Hitler-Bärtchen von HG sah zum Kotzen aus. Spinnen die eigentlich alle?

Sicher steckt einige Inszenierung hinter so einem Tonfall – Spiel mit dem Tabubruch, auf Lesbarkeit kalkuliert. Aber das ist völlig in Ordnung. Die Autorin will verstehen und auch uns dazu bringen, zu verstehen. Und das kriegt sie gerade durch diese geballte Emotionalität wunderbar hin: Nicht nur entsteht auf diese Weise ein reizvoller Kontrast zwischen einer auf Haltung und Fassade bedachten Vergangenheit und einer davon absolut unbeeindruckten, sehr gegenwärtigen Erzählerstimme.

Sondern die Autorin baut mit ihren entwaffnenden Kommentaren auch eine Brücke zu den steifen Vorfahren, haucht ihnen Leben ein, rückt sie uns nah als so sehr auf Hochleistung und Fassade getrimmt, dass das Innenleben daran zu zerbrechen drohte – wie im Fall von HG Klamroth selbst, mit seinen Komplexen und Schuldgefühlen und einer Affäre nach der anderen. Und wie, das steht dabei immer im Raum, soll einer zu einem eigenen Gewissen finden, dem man systematisch abtrainiert hat, sich irgend etwas Eigenes, Gefühle, Bedürfnisse, Ängste, Zweifel, offen einzugestehen? Wie schwach wäre das gewesen, wie ehrlos!

Diese gottverdammte Ehre.

Meines Vaters Land: Furchtlose Tochter befreit verklemmte Vätergeneration von Staub und Schweigen.

Wibke Bruhns: Meines Vaters Land. Geschichte einer deutschen Familie.
416 Seiten.
9,95 .
ISBN-13 9783548367484.
Ullstein Buchverlage.

 

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