Junge Leser

J.R.R.Tolkien: Der kleine Hobbit

Die Coverbild Der kleine Hobbit von J.R.R. Tolkien, ISBN-978-3-423-71566-9Hobbits (kleiner als Menschen, Pelz auf den Zehen, bauen sich behagliche Wohnhöhlen – es könnten die Engländer gemeint sein) haben weiter keine Probleme: Solange man Pfeife rauchen und gemütlich in der Morgensonne ein zweites/drittes Frühstück vertilgen kann, ist die Welt in Ordnung.

Außerhalb des von Hobbits bewohnten Landstrichs ist die Welt aber natürlich alles andere als das, sondern ständig in Aufruhr, und voller Abenteuer.

Weshalb auch eines Morgens kein Geringerer als der Zauberer Gandalf der Graue, der Gandalf, bei Bilbo Beutlin auftaucht, einem überaus achtbaren, biederen Hobbit.

So spießig, wie du tust, kannst du nicht sein, lautet sinngemäß die strenge Botschaft des klugen Gandalf an den trägen Hobbit. Ich kenne dich: Du bist nicht nur ein Beutlin. Sondern auch ein Tuk, mütterlicherseits. Also los! Stürz dich ins Abenteuer! Es wird dir guttun.

Und so findet sich unser Mister Beutlin, wie ihn Tolkien immer wieder liebevoll-ironisch nennen wird, auf Gandalfs Initiative hin unter dreizehn Zwergen wieder, deren Namen auswendig herunterzurasseln schon bald erheblich zum Lese-Vergnügen beiträgt: Die Zwerge, das sind Dori, Nori, Ori, Oin und Gloin, Bifur, Bofur und Bombur, Kili und Fili, Balin und Dwalin, und natürlich Thorin Eichenschild, ihr glorreicher Anführer.

Diese Zwerge wollen ihren Schatz zurück, geraubt von Smaug, dem Drachen. Im Einsamen Berg liegt dieser Schatz, und Smaug, nach Drachenart, schläft darauf wie auf einem goldenen Bett.

Der vage Plan: Sich zum Einsamen Berg durchschlagen – abenteuerlich genug, weil auf dem Weg dorthin Trolle, fiese Orks (so ähnlich wie Trolle), verzauberte Wälder und Gott weiß was alles noch auf Reisende lauern – und dann mithilfe eines an Thorin vererbten Schlüssels über eine Geheimtür in den Berg gelangen und sich den Schatz zurückerobern. Gandalf kommt erstmal auch mit. Also los!

Bilbo und die 13 Zwerge haben schon einiges gemeinsam durchgestanden, da wird es auf dem Weg über die Nebelberge, wo die fiesen, trollartigen, ungeschlachten Orks in ihren unterirdischen Höhlen lauern, so richtig schlimm: Auf der Flucht vor den Orks verlieren sich die Zwerge und Bilbo. Der Hobbit bleibt allein im endlosen Labyrinth der Orkstollengänge zurück, verloren im Dunkeln.

Und dort trifft er Gollum.

Was das für ein Wesen ist – man erfährt es nicht. Er lebt schon lange im ewigen Dunkel, ganz allein. Seine Augen sind riesig, fahle Leuchten, die den armen Hobbit fürchterlich erschrecken. Er nährt sich von rohem Fisch, und manchmal von Orks. Er spricht mit sich selbst. Er interessiert sich nur dafür, was (oder wen) er als Nächstes fressen kann. Und aus einem früheren Leben ist ihm eine Vorliebe geblieben: Die fürs Rätselraten.

Bilbo geht einen Handel mit Gollum ein: Wir stellen uns gegenseitig Rätsel, und wer zuerst keine Antwort weiß, hat verloren. Verliere ich: Du kannst mich fressen(!). Verlierst du, dann bringst du mich raus aus diesen Gängen und ans Tageslicht.

Was Gollum nicht weiß: Bilbo hat im Dunkel der Orkhöhlen, durch Zufall, einen goldenen Ring gefunden, der unsichtbar macht – seinen Ring, denn Gollum hat ihn vor langer Zeit gefunden und betrachtet das ungewöhnliche Schmuckstück als sein Eigentum. Der Ring, so golden, so nützlich, ist das einzige, was Gollum wirklich liebt.

Für Bilbo, den neuen glücklichen Besitzer, wird dieser Ring eines Tages zum entscheidenden Wendepunkt ( so beschrieben im „Herrn der Ringe“), aber zunächst einmal ist er, im Dunkel der Orkhöhlen, seine letzte Rettung, führt dazu, dass er den Weg ins Freie doch noch findet, Gollum, der in ihm den Dieb seines geliebten Schmucks erkannt hat, dicht auf den Fersen.
Bis der Moment kommt, da kann der Hobbit das Tageslicht schon sehen, aber sein Gegner blockiert den Weg dorthin. Was jetzt? Gollum töten? Der ihn, da Bilbo den Ring trägt, nicht einmal sehen kann? Ist das fair?
Was Bilbo nun tut, und wie Tolkien es beschreibt, hat mich schon mit den elf Jahren, als ich den „Hobbit“ zum ersten Mal in die Hände kriegte, angerührt als etwas, das deutlich eine andere Liga war als die übliche Kinderliteratur, die sie in der Stadtbücherei mit dem Etikett „Fantasie“ beklebten:

„Ein plötzliches Verstehen, ein Mitleid, mit Entsetzen gemischt, stieg in [Bilbos] Herzen auf: ein Widerschein von endlos gleichförmigen Tagen ohne Licht und Hoffnung auf Änderung, harter Stein, kalter Fisch, Kriechen und Flüstern. Alle diese Gedanken flogen in Sekundenschnelle an Bilbo vorüber. Er zitterte. Und dann […] sprang er vorwärts […], genau über Gollums Kopf hinweg […] und rannte davon.“

Vielleicht liegt es daran, dass ich noch so klein war und besonders leicht zu beeindrucken vom Drama der Auseinandersetzung im Dunkeln und Bilbos charakterlichem Über-Sich-Hinauswachsen aus der Verzweiflung heraus – jedenfalls hat mich der „Herr der Ringe“ nie so fesseln können wie sein kleiner Bruder, der sehr viel märchenhaftere und einfacher gestricktere „Hobbit“.
Vielleicht passt Fantasy generell einfach besser ins kleinere Format, in das für Kinder? Vielleicht wird es, schreibt man sowas für Erwachsene, einfach zwangsläufig zu aufgeblasen, zu sehr Wagneroper, zu ach, ich weiß es nicht! Besser ich sage nichts mehr, sonst werde ich noch von Glamdring, dem Feindhammer, niedergestreckt …

Der kleine Hobbit: Nicht einfach nur ein Kinderbuch, sondern Kinderliteratur – wenn auch zuweilen so finster, dass es für kleine Leser zu viel werden kann.
Großer Respekt sei an dieser Stelle auch dem Illustrator meiner inzwischen sehr zerlesenen Hobbit-Ausgabe von 1992 gezollt, Klaus Ensikat, der die Hobbit-Welt als eine Art verwunschene Renaissance interpretiert hat.

J.R.R. Tolkien: Der kleine Hobbit. (5. Auflage 2015)
400 Seiten.
ISBN: 978-3-423-71566-9
8,95 € [D]
dtv

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