Bloß nicht!, Debüts, erzählend

Kevin Kuhn: Hikikomori

Hiki- was? Googeln wir das mal: Eine Art Sozialphobie extremer Ausprägung, diagnostiziert erstmals in Japan – überwiegend bei jungen Männern aus der Mittelschicht mit Brüchen im Lebenslauf (Abitur nicht bestanden, an keiner Uni angenommen, keinen Job gefunden).Wen Hikikomori betrifft, der schaltet um auf Kontaktverweigerung pur, schließt sich ein in den eigenen vier Wänden des Elternhauses, monate- bis jahrelang. In Japan geben sie der allgemein vorherrschenden Hochleistungsmentaliät eine Teilschuld an diesem gruseligen Phänomen.

Klingt das nach gutem Stoff für einen spannenden Roman? Ja.

Und kriegt Kuhn so einen Roman hin? Nein.

Zu Beginn eine Szene zwischen Mutter und Sohn: Gemeinsam wuchten sie eine Couch übers Fischgrätparkett der Altbauwohnung. Sohn Till will sie nicht mehr in seinem Zimmer haben. Auch das Bett nicht mehr, das Bücherregal, den Schreibtisch. „Möbel sind überschätzt,“ sagt er trotzig zu seiner zweifelnden Mutter. Wo in seinem Zimmer die Möbel waren, malt er mit Wachsmalstift Umrisse aufs Fischgrätparket: Bett. Couch, Leder, rissig. Unikat.

Die trotzige Entrümpelei ist nur der Anfang. Till, 18 Jahre alt, nicht zum Abitur zugelassen, zieht sich von da an mehr und mehr in sein Zimmer zurück und bleibt schließlich stur hinter verschlossenen Türen sitzen. Sein Zeitvertreib ist der Computer, wo er sich eine imaginäre „Welt 0“ erschafft, für andere wie ihn, die auch nicht mehr wollen.

Diese (un)freiwillige Selbstisolation schildert „Hikikomori“ wenig überzeugend. Viel zu sehr ist der Roman genau das, was man sich eben vorstellt unter dem Erstling eines jungen Autors, der literarisches Schreiben studiert hat und sich jetzt einen Namen machen möchte: Von bestimmten formalen Experimenten, ohne die es, strebt man das Etikett „Literatur“ an, wohl momentan einfach nicht geht (Bruch mit Erzählkonventionen, mit Tabus, mit Gattungsgrenzen) bis zum Inhalt, der ohne Scheu vor Klischees übertreibt und überfrachtet (Tills Vater, beispielsweise, ist Schönheitschirurg) bleibt der Roman durchweg vorhersehbar.

Am meisten stört, mit welcher überbewussten Sorgfalt der Autor seine Worte wählt, als gehöre noch hinter den letzten Span Parmesankäse, den Till sich aufs Brot hobelt, ein Ausrufezeichen. Vom ersten Wort („Hochkant!“, so rät die Mutter, sei die störrische Couch am besten transportierbar) bis zu den Decknamen der Ballerspiel-Community ist alles zum Bersten vollgeladen mit Bedeutung, im Dienste einer Kernaussage, die dann doch ziemlich abgedroschen ist: All die vom Autor präzise geschilderten Dinge, Tastaturen, Fischgrätparkett, Ray-Ban-Sonnenbrillen, sie fügen sich zu einer kalten, oberflächlichen Dingwelt zusammen – wir fühlen eben nicht mehr, wir kennen, oh Schreck, nur mehr schale Oberflächen.

Hikikomori: Fliegt aus meiner Bibliothek wieder raus. Hochkant.

Kevin Kuhn: Hikikomori.
224 Seiten.
8,99
ISBN: 978-3-8333-0930-4
Berlin Verlag.

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