Viech auf Baum
sachlich

Kathrin Passig/Sascha Lobo: Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin

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Steuererklärung, Sperrmüll anmelden, zur Caritas mit der alten Ikea-Couch, das Auto zum TÜV tun, die Krankenkasse anrufen wegen des Rundschreibens „Anpassung der Entgeltgruppen im Verwaltungs-Zeitraum 16/012/01“ – solche Widerwärtigkeiten schieben wir alle so lange wie irgend möglich vor uns her. Und fühlen uns dann schuldig. Wenn das jeder täte!

Als erwachsener Mensch müsste man doch zu mehr Selbstdisziplin imstande sein.

Müsste man?

Die Autoren Sascha Lobo (Internetexperte, roter Irokesenschnitt) und Kathrin Passig (Bachmann-Preisträgerin, Netz-Expertin, lebt „in einem Bett in Berlin“) können Selbstdisziplin nicht ausstehen, diese Kettensäge. Und Schuldgefühle schon gleich nicht.
Scheußliches vor sich her zu schieben, sei doch völlig normal. Und zumindest sehr viel gesünder, als sich mithilfe des „inneren Zwingli“ (siehe Kapitel II) ständig selbst an die Kandare zu nehmen.

Ein Aufruf zum totalen Ausstieg à la Schafzucht in der Provence ist „Dinge geregelt kriegen“ dabei aber gar nicht, auch wenn das zunächst so klingen mag.
Denn Lobo und Passig, das wird deutlich, mögen unsere moderne Welt, in ihrer analogen wie digitalen Form. Aber als bekennende LOBOs (von Lifestyle of Bad Organization, den Begriff haben sie selbst erfunden) wissen sie eben auch, wie sehr sie einen quälen kann, gerade weil die digitale Revolution nun einmal stattgefunden hat und man eigentlich ein Vordiplom in Super-Digitalistik bräuchte, nur um die Zeitanzeige der Mikrowelle umzustellen.

Spätestens, wenn Lobo und Passig erläutern, in welchen Punkten genau unsere heutige Zeit so schrecklich überfordernd sein kann – in technischer, sozialer, informationeller Hinsicht beispielsweise – wird klar, dass sie keinen Ratgeber im eigentlichen Sinn verfasst haben. Denn normalerweise setzen diese beim Betroffenen selbst an und schieben ihm dem schwarzen Peter zu: „Reißen Sie sich halt zusammen!“ (wahlweise formuliert als „mehr Hülsenfrüchte!“/“früher aufstehen!“/“To-Do-Listen schreiben!“/“jeden Morgen Loch ins Eis hacken fürs vitalisierende Tauchbad!“).

Das Duo Lobo/Passig dagegen schiebt ihn unserer Gegenwart zu, den schwarzen Peter. So kompliziert, wie diese sich momentan präsentiere (und so wenig, wie von offizieller Seite gegen diese Kompliziertheit unternommen werde), sei es ein Wunder, dass überhaupt irgend jemand irgend etwas auf die Reihe kriege („Es ist kompliziert, einen Router zu installieren, es ist kompliziert, bei der Deutschen Bahn die gesammelten ‚bonus.Punkte‘ einzulösen, es ist kompliziert, sich eine absetzbare Quittung korrekt ausstellen zu lassen“).
Und on top of all this sind wir auch noch bis auf die Knochen von protestantisch-kapitalistischer Arbeitsethik geprägt und haben insgeheim ein schlechtes Gewissen, wenn wir einmal faulenzen. Wen wundert es da, dass wir ständig unter Strom stehen und das Gefühl haben, nicht mehr nachzukommen mit allem, was erledigt werden muss?

Für mehr Freiheit von solchen inneren wie äußeren Zwängen führen die Autoren verschiedene Überlebensstrategien ins Feld – zusammengefasst unter so erfrischenden Kapitel-Überschriften wie „Der äußere Schweinehund“, „Triumph des Unwillens“ oder „Fortschritt durch Faulheit“.

Darin raten sie dazu, Scheußliches entweder wirklich liegenzulassen – denn in den allermeisten Fällen passiere, gerade wenn Behörden im Spiel seien, ohnehin nichts (vergleiche das Kapitel „Letzte Mahnung! Vom Umgang mit Post, Geld und Staat“) – oder die Steuerberatung, den Frühjahrsputz, die gefürchtete Bewerbung an Bekannte und Freunde zu delegieren, die, im Unterschied zu einem selbst, Spaß haben am geltenden Steuerrecht, an Scheuerlappen und am Formatieren von Lebensläufen. Und: Man solle eine Haftpflichtversicherung abschließen. Das auf jeden Fall. („Lesen Sie nicht weiter, bis Sie eine haben!“)

Lebensecht untermalt wird das alles von wunderbar beruhigenden Erfahrungsberichten anderer LOBOs – oder auch der Autoren selbst – die vom Umgang mit ihrer chronischen Aufschieberitis berichten (so trafen etwa bei Lobo en masse immer buntere und bösere Briefe ein, weil er zu schnell gefahren, deshalb abgemahnt worden war und es dann vor sich her schob, die dringend geforderte offizielle Stellungnahme zu verfassen. Eines schönen Tages wurde das Verfahren wegen Geringfügigkeit dann einfach eingestellt), und stimmig abgerundet von Exkursen zur Beschleunigung der Arbeitswelt – von der traditionellen Winterpause, wie sie etwa die Bauern im Rhône-Tal noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts einlegten, hin zur eng getakteten 40-Stunden-Woche, die uns heute in den Wahnsinn treibt.
Aber vielleicht, mithilfe dieses Ratgebers der besonderen Art, bald nicht mehr. Oder zumindest: Nicht mehr so sehr.

Dinge geregelt kriegen: Trost und Stütze für die LOBOs dieser Welt – und für alle anderen auch.

Kathrin Passig/Sascha Lobo: Dinge geregelt kriegen ohne einen Funken Selbstdisziplin.
288 Seiten.
ISBN: 978-3-499-62424-7
9,99 € (Taschenbuch), 4, 99 € (E-Book).
Rowohlt Verlag.

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