Pendler auf dem Weg zur Arbeit
Texte

Mein Leben in vollen Zügen

Eine Wohnung in der Großstadt war zu teuer für mich. Dumm nur, dass mein neuer Arbeitsplatz in der Großstadt lag. Ich hatte keine Wahl: Ich musste pendeln. Über die Risiken und Nebenwirkungen von knapp drei Stunden Zugfahrt täglich.

Es ist früh am Morgen, 6 Uhr neunundzwanzig Minuten, dunkel und so still, dass nicht nur meine Schritte in den Straßen extra laut zu hören sind, sondern auch die von gefühlt allen anderen, die sich hier jeden Wochentag in Richtung Bahnhof aufmachen.

Dieser Bahnhof wirkt wie ein Ufo mit dem grell erleuchteten Bahnsteig.

Auf der anderen Seite der Gleise, irgendwo im Dunkeln, hält sich jemand illegal Hühner im Vorgarten. Wird es dann heller, kräht dort ab und zu ein Hahn. Wir sind halt auf dem Land hier: Frische Luft und nette Streuobstwiesen. Nur die guten Arbeitsplätze sind woanders.

Dann ist es plötzlich 6 Uhr 42, der Zug donnert, im Idealfall pünktlich, heran, ein weiteres Ufo, das an einem Ufo andockt und mit apokalyptischem Fauchen seine Türen aufspringen lässt. Menschen steigen aus und wir, die Wartenden, steigen ein, versuchen einen Sitzplatz zu erwischen, ohne allzu unhöflich nach allen Seiten zu schubsen.

Denn ein Sitzplatz ist wichtig. Er bedeutet Ruhe, ein wenig Rückzug, Schlaf. Kein Sitzplatz dagegen heißt unsicher und vom schwankenden Zug gebeutelt im Mittelgang zu stehen, die Tasche zwischen den Füßen auf dem klebrigen Boden, mit zu wenig Platz, um sich in der überheizten Luft aus Mantel und Schal zu wickeln.

Wer das tägliche Ich-erobere-einen-Sitzplatz-Ritual erfolgreich gemeistert hat, lässt in der Regel unmittelbar darauf das Ich-richte-mich-auf-45-Minuten-Zugfahrt-ein-Ritual folgen und packt Ohrenstöpsel, Schlafbrillen und/oder aufblasbare Kopfstützen oder wahlweise Thermoskannen, Tupperdosen mit Käsebroten und Tageszeitungen aus.

Schon nach wenigen Tagen grinse ich nicht mehr heimlich über dieses umfassende Equipment meiner Mitreisenden, sondern habe mir meine eigene Grundausstattung zugelegt: Ohrstöpsel (DJ-Standard), Taschentücher, Fisherman’s Friend, Wasserflasche und einen möglichst spannenden Roman, der auch mit sabberndem Kampfhund auf dem Nebensitz noch zu fesseln vermag.

Wobei Ohrstöpsel am wichtigsten sind. Morgens ermöglichen sie es mir, noch ein bisschen Schlaf zu kriegen, und auf der langen Rückfahrt – die schnelle Verbindung kriege ich nachmittags meistens nicht mehr, was anderthalb bis zwei Stunden Zugfahrt mit einem Zwischenhalt bedeutet – halten sie das Niesen, Räuspern, Tuscheln und Telefonieren der Mitreisenden wenigstens auf erträglichem Abstand.

In der ersten Woche meines neuen Pendler-Daseins wirft sich jemand mitten auf der Strecke vor den Zug, wir müssen auf der morgendlichen Fahrt zur Arbeit alle aussteigen und stehen hilflos auf irgendeinem winzigen, sehr ländlichen Bahnhof herum. „Mir entgeht grad ein Auftrag nur weil so ein Arschloch sich auf die Schienen schmeißt!“ schimpft neben mir ein Manager-Typ im Anzug.

Die nächsten zweieinhalb Stunden verlaufen so, wie ich mir die Zustände im Krieg vorstelle: Niemand weiß etwas Genaues über unsere Situation, wilde Gerüchte schwirren herum, alle wollen hektisch irgendwohin und denken letztlich nur an sich – zum Beispiel, als es gelingt, ein paar Taxis zu rufen und alle auf die Sitze drängeln, als gebe es kein Morgen und keine Rücksicht mehr.

Drei Stunden später als normal treffe ich schließlich an meinem Arbeitsplatz ein, noch ganz wirr im Kopf vom Reise-Chaos und von den Begegnungen mit meinen Mitpendlern, die sich während der langen Wartezeit im Nirgendwo von anonymen Reisenden zu Bekannten gewandelt haben, und mit denen ich auch in Zukunft, während der Zugfahrt oder morgens auf dem Bahnsteig, über dies und das plaudern werde.

Die Zugpannen und Verspätungen werden schlimmer. Es kommt zu Streiks, die meine Mitpendler und ich mühsam mit Homeoffice überbrücken oder mit Fahrgemeinschaften.

Mehr als die Verspätungen und das zunehmende Chaos macht mir aber zu schaffen, dass es in den Zügen im Winter viel zu kalt und im Sommer viel zu heiß ist. Im Winter pfeift der Wind durch die altersschwachen Waggons, weil die Verbindungstüren nicht richtig schließen. Im Sommer laufen die Klimaanlagen entweder gar nicht, oder irgendwie zu schwach, niemand durchschaut das. Jedenfalls wird es in den Zügen so heiß, dass sich meine Kleider schon nach zehn Minuten in glühenden Klebstoff verwandeln, das Atmen schwer fällt, der Schweiß mir in die Schuhe läuft und ich verzweifelt die letzten Tropfen Wasser aus meiner klebrigen Plastikflasche schüttele. Eines Tages rufe ich nach einer solchen Höllenfahrt sogar bei der Bahn an in der Verzweiflung, einfach um mein Elend an irgendjemand Zuständigen loszuwerden. Ich erhalte Auskünfte über die Vorschriften bei der Kühlung von Waggons, nüchtern dargelegt, bedanke mich, lege auf und breche, erschöpft und mit einem schrecklichen Gefühl des Ausgeliefert-Seins, in Tränen aus.

Überhaupt wird das Gefühl von Erschöpfung immer stärker. Am Anfang fühle ich mich morgens wach und gut, als Teil wichtiger, erwachsener Ereignisse mit meiner Monatskarte und meinen Pendler-Utensilien.

Aber je länger ich das alles mitmachen muss, desto zermürbender fühlt es sich an. Ich komme abends mit hämmerndem Kopfweh nach Hause und schreie meinen Freund an, der harmlos fragt, wie mein Tag war. Während der Zugfahrten überfällt mich immer häufiger wie aus dem Nichts ein wilder Hass auf meine Mitreisenden, die mich morgens mit ihrem Lärm und ihren Gesprächen nicht schlafen lassen, die mir die Sitzplätze wegnehmen, die nach Schweiß, Billig-Deo oder Schinkenbrot riechen.

Als sich einmal eine dieser automatischen Verbindungstüren aus Plexiglas nicht schnell genug öffnet, als ich es besonders eilig habe, werde ich für einige schreckliche Sekunden lang zum Tier, trete gegen das elende Plexiglas, brülle und kreische.

Und wenn schon ich so leicht die Nerven verliere – wie stehen das dann meine Mitpendler durch, die meisten mit eigenen großen Familien, Jahre bis Jahrzehnte älter als ich? Wie halten wir alle das durch, die wir morgens die Bahnsteige, die S-Bahnhöfe, die U-Bahnen überfluten, immer unter Strom, alles von zuviel Kaffee am Laufen gehalten?

Ich lerne viel auf diesen Fahrten.
Ich lerne, dass gerade so langweilige Sachen wie Verkehrswege und Infrastruktur entscheidend zum Funktionieren eines stabilen demokratischen Systems beitragen. Denn beides erhält, so es denn verlässlich ist, den Leuten das Vertrauen in ihr Land und dessen Strukturen: Wer an die Bahn nicht mehr glaubt mit ihren ewigen Verspätungen, der glaubt bald auch ans eigene Land nicht mehr, das es nicht mal hinkriegt, die Bürgerinnen und Bürger von A nach B zu kriegen.

Und vor allem lerne ich, nach Arbeitsstellen Ausschau zu halten, die keine Pendelei erfordern. Wenn ich dafür auch für immer dort bleiben muss, wo es nichts gibt als nette Streuobstwiesen und illegal gehaltene Hähne, die aus der Dunkelheit zu dir herüberkrähen, bevor die Sonne aufgeht.

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