Bücher zur Lage, englisch, erzählend, reihenweise

American Dreams (5): Lily Brett: You gotta have balls

Ruth Rothwax hat es schon mit sich allein nicht sonderlich leicht, da beschließt auch noch ihr Vater Edek, mit seinen 87 Jahren zu ihr nach New York zu ziehen.

Im Gegensatz zur zögerlichen, neurotischen Tochter platzt Edek vor Tatendrang. Mit Lesezirkeln oder Seniorenschwimmen darf man ihm schon gar nicht kommen. Edek möchte nützlich sein. Beispielsweise in Ruths kleinem Büro, das aus seiner Sicht nichts nötiger braucht als reduzierte Schreibwaren für die nächsten fünf Jahre und Staubsauger mit integriertem Navigationssystem.
Nach Feierabend wird Edek mit zwei bedeutend jüngeren, verdächtig hübschen Polinnen gesehen.
Und eines schönen Abends verkünden diese drei, freudestrahlend: Ruthie! Wir wollen ein Klopse-Restaurant eröffnen. Leihst du uns 30.000 Dollar?

Freunde und Verwandte lachen sich schief über Edeks neusten Spleen. Ruth dagegen ist zum Heulen zumute. Sie kann den Vater einfach nicht begreifen. Woher nur nimmt er, der Holocaust-Überlebende, der im Ghetto von Lodz geheiratet, zwischen Leichen gelegen, das Schlimmste mit eigenen Augen gesehen hat, soviel Energie? Und wieso kostet es wiederum Ruth, die doch in Frieden und Sicherheit aufwachsen durfte, häufig alle Kraft, noch die einfachsten Entscheidungen zu treffen?

Die Kraft, Edek die Sache mit den Klopsen wieder auszureden, hat sie auch nicht. Obwohl man sie ihm dringend ausreden müsste: Ein Restaurant in New York, der Mutter aller anspruchsvollen Mäkel-Gastronomie? Mit schlappen 30.000 Dollar Startkapital? Ohne jede Erfahrung? Mit 87 Jahren?

Edek gibt aber nicht auf. In der Nachbarschaft ersteht er eine ehemalige Monteurswerkstatt und lässt sie von befreundeten polnischen Handwerkern restaurieren. Die bedeutend jüngeren Polinnen durchkämmen derweil, mit sicherem Blick fürs Preis-Leistungs-Verhältnis, New Yorks Wertstoffhöfe und Second-Hand-Läden nach Stühlen, Tischen, Töpfen und Tellern. Ein Name wird gefunden fürs Klopse-, also balls, Restaurant: You gotta have balls! Und gutmütige Architekturstudenten verleihen der ehemaligen Fast-Garage so viel Charme, dass sogar Ruth entzückt ist: Das habt ihr mit 30.000 Dollar geschafft? Wir haben noch fünftausend übrig, sagt Edek.

Je näher die Eröffnung rückt, desto mehr beginnt halb Manhattan Edek und seinen polnischen Musen die Daumen zu halten. Und sogar Ruth ertappt sich dabei, mitzufiebern, ihrer üblichen vorsichtigen Distanz zum Trotz …

Woher nimmt man nach einem Trauma die Kraft, weiterzuleben? Lily Brett, selbst Tochter von Überlebenden, nach eigener Aussage „unter lauter Toten“ aufgewachsen, lenkt den Blick am Beispiel der Hauptfigur Ruth auf diejenigen, die den Horror zwar nicht selbst erlebt haben, aber deshalb noch lange nicht frei davon sind. Vielmehr müssen sie sich ein Leben jenseits von Schuldgefühlen und Komplexen, unbelastet von dem, was die Eltern durchmachen mussten, immer wieder neu erkämpfen – ein kräftezehrender Balanceakt.

Balance und Stabilität machen sich demzufolge, sieht man genauer hin, sehr rar in „You gotta have balls“. Unter den Nachkommen der Überlebenden und Entwurzelten kann es Normalität, wie wir Unbelasteten sie kennen, so nicht geben – der Horror ist immer präsent, ob als ein Small-Talk-Thema unter vielen beim gemeinsamen Lunch („Ich kann gebratenes Fleisch essen! Ich bin nicht auf den Holocaust fixiert!“) oder als morbide Reflexion darüber, ob es auf dem Hauptfriedhof wohl noch möglich ist, für sich und den Ehemann eine Grabstelle vormerken zu lassen.

Edek, der wahrhaft Versehrte und Entwurzelte, leidet interessanterweise sehr viel weniger als die Tochter, wenn überhaupt.
Denn er deutet das Erlittene einfach um, macht aus dem Verlust von Halt den Auftrag zur Selbstbestimmung no matter what. Ihr habt mir den Heimatboden geraubt, den Halt, das normale Leben? Dann kann ich auch mit 87 noch Klopse für Manhattan kochen und mich mit tüchtigen Polinnen umgeben, die sich kleiden wie Kasachstan beim Eiskunstlauf.
Angesichts des Todes – der ihm als Überlebenden und Hochbetagten gleich doppelt nahe ist – gewinnt diese Haltung, die im Klopse-Paradies ihren krönenden Abschluss findet, etwas Großartiges.

Auf der Handlungsebene wird diese Lebensbejahung gefeiert, indem der kleine Imbiß mit dem frechen Spruch über der Tür nach der ersten Zitterpartie – Achtung Spoiler – zu geradezu durchschlagendem Erfolg finden darf.

Aber wer kann schon Klopsen aus Rinderhack und polnischer Kielbasa widerstehen, oder Truthahn-Kokos-Klopsen, oder Parmesan-Gouda-Kartoffel-Kroketten? Dem Essen, der Liebe, dem Sex? Eben. Wir auch nicht.

You gotta have balls: Genau.

Lily Brett: You gotta have balls.
ISBN: 9780060505707
288 Seiten.
$14.99
HarperCollins.

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