Texte

Nachts durch die Straßen

Ein Jahr Studium in Dublin, das war ein ziemlich teurer Spaß. Am Anfang verstörten uns die horrenden Preise – Miete, Klamotten, Bier, Toastbrot – derart, dass wir nur noch von Viertelliter-Milchtüten zu jeweils 40 Cent zu leben wagten.

Ausgehen und feiern war besonders happig: Das berühmte Guinness war nicht unter 5 Euro den pint zu haben, und für den Weg zurück ins Wohnheim gab es keine Alternative zur teuren Taxifahrt, es sei denn, man nahm eine Dreiviertelstunde zu Fuß durch irischen Regen und zweifelhafte Vorstadtstraßen in Kauf, wo Gerüchten zufolge die Drogenmafia, nach guter alter IRA-Tradition, Verrätern und/oder Konkurrenten die Kniescheiben wegschoß (Dublin, so erklärte man uns, stehe auf der Liste der kriminellsten Hauptstädte Europas auf Platz drei).

In vielen unsicheren Städten gelten auch die Taxis als unsicher. Nicht so in Dublin. Vor allem wir Frauen lernten die Dubliner Taxifahrer als ehrenwert bis ins Knochenmark kennen, letzte Helden der Straße, Beschützer von Witwen und Waisen, die uns am liebsten bis direkt in den Hausflur gefahren hätten aus Sorge um unsere Sicherheit.

Aber bei allem Ernst der Lage – besorgtes Schweigen war den cabbies ausnahmslos viel zu langweilig. Wo man sich doch unterhalten konnte: „So you’re not Irish, love?“ Mein Herkunftsland zu erraten (und dabei ritterlich so zu tun, als wäre das trotz meines Akzents sehr, sehr schwer) war ein Lieblingsspiel, von dem kein Dubliner Taxifahrer je genug bekam.

Andere hatten Anekdoten aus dem Dubliner Leben parat (zum Beispiel die mit der Staatspräsidentin und dem Pizza-Service) oder schworen begeistert, ich könne „Dublin“ so aussprechen wie ein waschechter Dubliner, nein so was, „come on love, say it again!“

Zurück in Deutschland fuhr ich manchmal extra Taxi gegen das irische Heimweh. Dabei wurde es immer dann spannend, wenn keine Deutschen am Steuer saßen (mit der Ausnahme einer Fahrt durch Berlin in einem Affenzahn, dass am Rückspiegel der Wunderbaum schräg stand, aber „Keine Angst junge Frau, ick bin ja hier großjeworden!“). Ein stämmiger Russe beispielsweise funkelte mich übermütig an, als ich ausstieg: „Schöne Augen!“

Und ein hagerer Fahrer aus der Türkei zog mich ins Gespräch über mögliche Lösungen für Deutschlands zahlreiche Probleme: „Die Deutschen müssen Kinder kriegen! Ihr braucht Kinder, mehr Kinder!“

Viele Jahre später blieb mir nach einem langen Tag im Büro und einem verpassten Zug keine andere Wahl als ein Taxi zu nehmen, und die Suche nach dem Taxistand und nach einem freien Wagen fühlten sich in meinem müden Kopf plötzlich an wie vor so langer Zeit in Dublin, Nieselregen, Bier im Bauch, und fast konnte ich die Stimmen meiner damaligen Kommilitonen hören, wie sie ihr letztes Geld zusammenkratzen und in vielen Sprachen durcheinander reden.

Schließlich fuhr mich ein Sikh nach Hause, mit Bart und orangefarbenem Turban.

„Was für eine Bedeutung hat Ihre Kopfbedeckung?“ fragte ich.
Sofort fing er an zu erklären.
Der Turban sei für einen Sikh ein Zeichen, dass man entschlossen sei, ein friedliches, gottgefälliges Leben zu führen. Man müsse ihn nicht tragen. Denn schließlich zähle nicht, wie man aussehe. Es zähle, dass man ein gutes Herz habe und gut lebe.
In Indien, seiner Heimat, fuhr er fort, unterdrücke man die Frauen, das sei ganz schlimm: „Immer drücken, immer drücken!“ Und dabei bewegte er die freie Hand, die nicht das Lenkrad hielt, anschaulich von oben nach unten, damit ich diesen Druck auch verstünde. Die Sikhs dagegen achteten die Frauen. Und er hätte selbst zwei Töchter, auf die er sehr stolz sei, und die eine studiere bereits, Medizin.

Wir kamen an, ich zahlte und stieg aus und hob im letzten Moment eine Hand zum Abschiedsgruß, als er das Taxi wendete und davonfuhr. Aber ich glaube, er hat es nicht mehr gesehen.

 

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