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Studium – mein erster Versuch

Welches Studienfach passt zu mir? Ich wusste es einfach nicht. Medizin kam mir noch am nützlichsten vor: Menschen helfen! Also ging ich mit Humanmedizin an den Start – und landete auf einem fremden Planeten. Erinnerungen an eine falsche Entscheidung.

Medizin habe ich in einem kleinen Städtchen weit im Norden von Deutschland studiert, acht Stunden Zugfahrt entfernt. Es war im Zug kalt, und auch in L. sollte es ein kalter Winter werden. Um zu lernen, kroch ich unter meinen Schreibtisch, wo man dem Heizkörper am nächsten war, und drückte meine Zehen, meinen Rücken, meine Nase an das heiße Metall.

Unsere Professoren ließen sich in eine ältere und in eine relativ junge Generation einteilen. Es war nur eine einzige Frau dabei, und die war dann auch gleich die Frauenbeauftragte.

Die jungen Professoren traten betont engagiert und dynamisch auf. In der ersten Woche organisierten sie für uns Erstsemester eine Party im Mensagebäude. Der Eingang war mit zwei Skeletten aus Kunststoff dekoriert, arrangiert wie ein Pärchen beim Liebesakt.

Einmal in der Woche stand Anatomie auf den Stundenplan, also vier Stunden Präparieren von Leichen, oder Körperspendern, wie es korrekt heißt. Zu viert oder fünft arbeiteten wir an je einem Körperspender, der auf dem immer gleichen Tisch aus Edelstahl auf uns wartete, lösten zunächst die Haut von den Muskeln und arbeiteten uns dann schrittweise weiter vor zu Knochen und inneren Organen. Nicht alle hielten das durch. Einer musste sich nach jedem Kurstermin übergeben.

Um sicherzustellen, dass wir auch etwas aus diesem Anatomie-Kurs lernten, wurden wir nach diesen vier Stunden kurz zu den wichtigsten Kursinhalten befragt, eine Art mündliche Prüfung, die je nach Prüfer ziemlich heikel sein konnte.

Fragten die jungen Professoren uns Studentinnen ab, schlugen sie gerne einen zweideutigen Ton an, starrten uns auf den Busen, rückten uns zu nah. Wir hätten damit zur Frauenbeauftragten gehen können. Aber diese Dame hatte sich durch ihren ungeschickten Kleidungsstil und ihr Auftreten schon frühzeitig disqualifiziert, und Kontakt mit ihr aufzunehmen war unmöglich, es sei denn, man wollte sich selbst auch disqualifizieren.

Außerhalb der wöchentlichen Kurstermine stand uns der Anatomiesaal ebenfalls zur Verfügung, als Möglichkeit zum Selbststudium. Wir gingen einmal zu fünft dorthin. Aber ohne das übliche Getriebe fiel mir erst eigentlich auf, dass wir von Toten umgeben waren, mehr als 30 Körperspender und nur wir fünf Lebende dazwischen. Mir wurde es unheimlich, und ich ging nach Hause, zurück unter meinen Schreibtisch an die Heizung, und lernte dort weiter.

Einmal flocht eine Kommilitonin während des Kurses aus drei Sehnen, die wir im Arm unseres Körperspenders freigelegt hatten, einen Zopf, gedankenlos, wie man es mit den Fransen eines Teppichs tut. Das gab großen Ärger. Respekt vor den Toten stand an oberster Stelle. Besonders die älteren Professoren achteten sehr streng darauf. Sie waren es auch, die am Semesterende in Zusammenarbeit mit den Kirchen und der Studierendengemeinde die obligatorische Trauerfeier für die Körperspender organisierten.

Einmal fiel mir an der Hand unseres Körperspenders der Abdruck seines Traurings auf.

Einmal ging es um den Aufbau von Unterarm und Hand, und jeder Tisch bekam, woher auch immer, eigens Hände und Arme extra, um gesondert daran zu arbeiten. Die Gruppe an unserem Tisch war groß, der eine Arm pro Gruppe reichte nicht aus, nicht alle konnten ihn sehen. Unser Betreuer, ein Student im fortgeschrittenen Semester, verschwand mit den Worten „Ich hole euch noch welche“ und kam dann zurück mit ein paar Armen und den Händen daran, als hielte er einen Blumenstrauß.

Waren die Kurse dann zu Ende, traten wir aus dem Anatomiesaal in den dunklen Winterabend hinaus und stolperten über hohen Schnee nach Hause in unsere eisigen Mietwohnungen. Morgens ging es dann sehr früh wieder los mit vierstündigen Kursen, Lernen, mündlichen Prüfungen und Vorlesungen in Physik oder Biochemie, von denen ich kein Wort verstand. Wir schrieben irgendwann während des Semesters auch einen Test in Physik zur Vorbereitung auf die eigentlichen Klausuren, mit 11 möglichen Punkten, und ich kriegte einen davon.

Es gab ein Kino für Studenten, das günstig Filme zeigte, die vor zwei oder drei Jahren herausgekommen waren. Dass ich mich auf diese Abende freute, ist untertrieben. Ich fieberte ihnen entgegen. Es waren diese zwei Stunden Film pro Woche, wofür ich eigentlich lebte, und als dieser wöchentliche Kinobesuch einmal ausfallen musste – das Kino hatte wegen technischer Mängel oder etwas in dieser Art für einen Abend geschlossen – heulte ich an unserem wackligen Küchentisch aus weißem Plastik hysterisch in meine Teetasse. Dieser Ausbruch gab für mich den Ausschlag, an meine Leben etwas zu verändern. Ich entschied mich dafür, der Medizin den Rücken zu kehren.

Der Professor, dem ich das zuerst sagte, einer aus der älteren und ehrenwerten Liga, war nicht eigentlich Mediziner, sondern Anatom und Präparator. Sein Büro lag neben dem Anatomiesaal und war grün gekachelt und mit ausgestopften Vögeln dekoriert, die von den Regalen aus Edelstahl zu uns herunterstarrten.
Er fragte mich, ob ich etwa Angst gehabt hätte, ihm diese Entscheidung mitzuteilen, in einem ganz taktvollen und vorsichtigen Ton, den ich bis heute höre.
Aber Angst war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr mein Problem. Ich war nur unendlich erleichtert, aus dieser Stadt endlich wegzukommen, nach Hause zu gehen.

Zurück im Süden schrieb ich noch ein paar Mails an ehemalige Kommilitonen, aber wir verloren uns bald aus den Augen. Das lag auch an mir. Ich wollte die Wintertage in L. vergessen.

Gelungen ist mir das bis heute nicht ganz. So frage ich mich hin und wieder, ob es in L. wohl heute anders aussieht, ob ich mich noch zurechtfinden würde. Ich erinnere mich an anatomische Begriffe. Ich sehe die Gesichter meiner damaligen Kommilitonen vor mir und frage mich, was wohl aus ihnen geworden ist.

Die Erinnerungen fühlen sich an wie an einem faulen Zahn herumzustochern: Man sollte es lieber lassen. Aber manchmal tut man es halt doch.

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