Leckere Auslage in Londons nobler neighborhood.
reihenweise, Sunday's choice

Sunday’s choice

Die nächste 80-Stunden-Woche dräut. Gegen den bitteren Alltag verteilt Sunday’s choice ausgewählte Pralinen aus dem Bücherregal an hungrige Leserherzen.

Shaun Tan schreibt mit „Ein neues Land“ (Original: „The Arrival“) eine Graphic Novel ganz ohne Worte, nur in Bildern: Ein Mann verlässt Frau und Kind und bricht auf ins Ungewisse, um sein Glück zu machen. In eine fremde Welt – fremdes Essen, fremde Sprache, fremde Schrift. Aber dafür: Arbeit. Geld zum Nach-Hause-schicken. Und andere Migranten, die ihn willkommen heißen und ihre eigenen Geschichten erzählen: Deshalb musste ich meine Heimat verlassen …
Tans feine, beeindruckende, schwarz-weiße Zeichnungen orientieren sich an historischen Fotografien von Manhattan, Ellis Island, Auswandererschiffen. Fantastische, verfremdende Elemente sorgen aber dafür, dass man stets mit den Augen der Fremden, Zugenwanderten auf diese beinahe-vertrauten Kulissen blickt und das Gefühl von Verlorenheit und Orientierungslosigkeit mit den Figuren teilt.

Sven Regener ist nominiert für den Deutschen Buchpreis! Ja, Wahnsinn. Gönne ich ihm. Und empfehle wärmstens „Neue Vahr Süd“, die Geschichte von Frank, später aka Herr Lehmann, der beim Bund landet, weil er verpennt hat zu verweigern. Jetzt hat er den Salat: Unter der Woche ABC-Alarm/Sprühangriff, am Wochenende eine vermüllte WG ohne Licht, Klo, Sinn und Verstand. Und außerdem die schöne Sibille: „Liebt man sie jetzt, weil sie die letzte Hoffnung ist“, fragt sich Frank – „oder ist sie die letzte Hoffnung, weil man sie liebt?“

Der Sommer ist fast vorbei, aber Patricia Dunckers Halluzination „Die Germanistin“ (Original: „Hallucinating Foucault“) bitte noch irgendwie vor den Herbst quetschen: Junger Literaturstudent will unbedingt den großen Schriftsteller, über den er seine Abschlussarbeit verfasst, persönlich treffen. Keine leichte Sache, befindet sich der Autor doch mittlerweile in einer geschlossenen Anstalt. Diagnose: Paranoide Schizophrenie. Doch das Genie hinter Gittern lassen, mit Medikamenten ruhiggestellt? Während ein glühend heißer Sommer auf dem Land lastet, wagt das ungleiche Paar den Ausbruch …

Was noch?

Ein Film. Regisseur Raoul Peck mag „Der junge Karl Marx“ versemmelt haben. Aber nicht „I am not your Negro“. Die dunkle Stimme von Samuel L. Jackson spricht einen Text des US-amerikanischen Autors James Baldwin von 1979. Es geht um die Geschichte der Schwarzen in den USA. Keine schöne Geschichte. Baldwin erzählt von Malcolm X, Medgar Evers und Martin Luther King jr., die er persönlich kannte. Baldwin erzählt von sich selbst. Rückkehr in die USA nach vielen Jahren in Europa. Den schwarzen Brüdern und Schwestern beistehen. Zeuge sein. Beobachten. Vorträge halten. Von den Anrufen: Martin ist tot. Sie haben Medgar Evers erschossen. Malcolm X, ermordet … Der Film übersetzt das in stille, melancholische Bilder und zeigt eine Fülle klug ausgewählten historischen Bildmaterials, Pressefotografien, Ausschnitte aus Nachrichtensendungen, aus Vorträgen, Talkshows und Interviews.

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