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American Dreams (6): Graham Greene: Der stille Amerikaner

Coverbild Der stille Amerikaner von Graham Greene, ISBN-978-3-423-13129-2Die US-Geheimdienste richteten ihre Spinnenaugen unmittelbar nach der Veröffentlichung von „Der stille Amerikaner“ im Jahr 1955 auf Greene, und noch bis zu seinem Tod 1991 (!) hielten sie ihren kalten Blick auf ihn geheftet.

Er hatte, für ihren Geschmack, in der Erzählung zu viel über die Rolle der USA in Indochina preisgegeben – zu viel Schlechtes.Über dem bis heute durch die Bewegung von 1968, durch Songs und Romane und vor allem durch Filme wie „Apocalypse Now“, „Full Metal Jacket“ oder „Platoon“ sehr präsenten Vietnamkrieg, dieser schrecklichsten und peinlichsten Niederlage der jüngsten US-Geschichte, vergisst man häufig, dass in Vietnam schon einiges an blutiger Kriegführung stattgefunden hatte, bevor dort die Amerikaner ihre Napalm-Attacken starteten.

Vietnam war Kolonie der Franzosen gewesen, und blieb es bis 1954. Erst nach der historischen Niederlage bei Dien Bien Phu in diesem Jahr musste Frankreich einsehen, dass schweres Kriegsgerät und Taktik à la Napoleon nichts nützt, wenn man es mit einheimischen Guerrilleros zu tun hat, die sich im Dschungel auskennen und denen es um die Rückeroberung der Heimat geht; dass also ihr zäh verteidigtes Indochine verloren war.

So bitter wie treffend hat die letzte Nacht der französischen Armee in Dien Bien Phu übrigens Sebastian Faulks beschrieben, in seinem Roman „On Green Dolphin Street“ – die verzweifelten, müden Franzosen, wie sie von Paris träumen und sich an ihre Montaigne-Originalausgaben klammern, während draußen der Vietminh alles plattmacht. Ein Glück für Faulks, dass die Geheimdienste heute andere Sorgen haben als ihn.

Greene veröffentlichte seine Erzählung, als längst bekannt war, dass die Franzosen in Südostasien aus dem Spiel waren. Zur erzählten Zeit, Anfang der 1950er-Jahre, ahnt man allerdings auch schon, dass es mit den Franzosen nicht mehr lange gutgehen wird. Längst spinnen die Weltmächte ihre Fäden für die Zeit nach der absehbaren französischen Niederlage. Wer kriegt Indochina als nächstes?

Thomas Fowler, Greenes Hauptfigur, zynisch, Bauchansatz, Engländer, im Auftrag einer nicht allzu bedeutenden englischen Zeitung als Berichterstatter in Saigon stationiert, scheint das ziemlich wurscht zu sein. Lieber raucht er Opiumpfeifen und schläft mit seiner Geliebten, die Phuong heißt und gerade mal 18 Jahre alt ist.

Greene lehnt sich für die 1950er-Jahre ziemlich weit aus dem Fenster mit dieser Figur, die sich in Teilen sicher auch als ein Alter Ego des Autors lesen lässt. Fowlers verlotterter Lebensstil, seine zynische Haltung, sein Beharren darauf, nichts zu glauben und sich eigentlich nur aus allem heraushalten zu wollen – eine einzige Provokation.

Wie es auch eine ist, mit der zweiten Hauptfigur Alden Pyle, einem jungen Amerikaner, eben jene USA als naiven Milchbubi darzustellen, ohne einen Schimmer, was in Vietnam eigentlich los ist, und trotzdem fest entschlossen, aus dem Land, sobald die Franzosen erstmal weg sind, ein Bollwerk gegen den Kommunismus zu formen.

Fowler und Pyle begegnen sich natürlich, in Saigon ist man ein kleiner Kreis, und natürlich kann Fowler den engagierten jungen Neuling von Anfang an nicht ausstehen. Und bald hat das nicht mehr nur mit Pyles zum Auswachsen ehrlicher Art, seinem Bürstenschnitt und seinen veganen Brotaufstrichen zu tun; oder damit, dass der Amerikaner sich ungefragt als Held erweist und Fowler bei einer Expedition ins Hinterland das Leben rettet, ihn vor dem Beschuss der Vietminh in ein Reisfeld zerrt, wo sie beide dann bis zum Hals im Schlamm stehen, bis die Guerrilla endlich wieder abzieht, und nun also Fowler auch noch bei ihm in der Schuld steht. Es hat damit zu tun, dass Pyle sich in Phuong verguckt, die das Einzige ist, woran Fowler wirklich liegt. Und es hat damit zu tun, was Pyle, der nach außen so Harmlose, tatsächlich in Vietnam plant …

Greenes Erzählung ist vieles – Dreiecksgeschichte vor exotischer Kulisse, Politthriller, Kriminalroman. Greene lässt diese Elemente ineinander greifen und nur gemeinsam funktionieren. Die Kriminalhandlung folgt aus der Dreiecksgeschichte, die wiederum Spiegel von und Symbol für die politische Entwicklung in Indochina ist – zwei Männer, sprich Weltmächte, im Kampf um fremdes Terrain, in Gestalt von Phuong.

Die enge Verzahnung der Handlungsstränge bedeutet wiederum, dass im einen nichts geschehen kann, was nicht auch Auswirkungen auf einen anderen hätte – noch das Privateste, Harmloseste kann unabsehbare Folgen haben. So schließt sich Fowler einmal als Zivilist, von Berufs wegen, einem Trupp französischer Soldaten an, um die Vorgänge an der Front aus nächster Nähe verfolgen zu können, und allein seine Anwesenheit löst einen Schusswechsel aus und kostet Menschenleben.

Es gibt keine Handlung ohne Schuld oder die Möglichkeit von Schuld, keinen Schritt, der ohne Folgen bliebe.

Umso kühner und provozierender wirkt vor diesem Elend endlosen menschlichen Verstrickt-Seins die zentrale moralische Forderung der Erzählung: „Irgendwann muss man doch Partei ergreifen“, so wird es einer von Fowlers Vietminh-Kontakten einmal zu ihm sagen, den der Untergrund vorgeschickt hat, um vor den grausigen Plänen des Amerikaners zu warnen, „wenn man ein Mensch bleiben will.“

Es ist natürlich kein Zufall, dass ausgerechnet Fowler diese Worte hört. Sie sind, wenn auch natürlich nicht auf der Handlungsebene, für ihn bestimmt, denn um seine moralische Haltung und Entwicklung geht es. Ihre eigentliche Spannung bezieht die Erzählung aus der Frage, wie weit der (ungläubige) Thomas Fowler noch willens ist, mit einem Zerrbild moralischer Unfehlbarkeit amerikanischer Prägung konfroniert, sich selbst als Mensch zu sehen und zu bewähren.

Und ausgerechnet einer von den Vietminh spricht diese Forderung aus; Greene, der Ex-Kommunist, war doch unverbesserlich. Die Geheimdienste wird es nur darin bestätigt haben, ihm auf der Spur zu bleiben.

Graham Greene: Der stille Amerikaner.
ISBN 978-3-423-13129-2
240 Seiten.
9,90 €
dtv Literatur

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