Übersicht, erzählend, reihenweise

American Dreams (7): Herman Melville: Moby Dick

Um seine Depressionen loszuwerden, greift der junge Ishmael zu einem bewährten Erfolgsrezept: Raus aufs Meer, für die nächsten zwei Jahre mindestens.

Also macht er sich auf in die berühmt-berüchtigte Hafenstadt Nantucket, um dort auf dem nächstbesten Dreimaster anzuheuern, und verdingt sich schließlich auf der „Pequod“, einem Walfangschiff.

Bevor die Seereise losgehen kann, muss er noch irgendwo einen Schlafplatz finden – und landet in einer finsteren Spelunke neben einem tätowierten Kerl aus der Südsee, Quiqueg, der keinen Satz ohne „grr“ sagen kann und erstmal mit dem Messer auf ihn losgeht. Aber im Grunde meint er es nicht so: Am nächsten Morgen jedenfalls sind die beiden beste Freunde.

Zusammen gehen sie aufs Schiff, wo auch Quiqueg angeheuert hat. Im Hafen drängelt sich Ishmael allerdings ein alter Herumtreiber in den Weg: Rette dich, sagt er. Kehr um! Nicht dieses Schiff! Wie heißt du, fragt Ishmael. Elias, sagt der Alte.

Und Elias behält Recht. Denn auf der „Pequod“ hat Kapitän Ahab das Sagen. Ahab mit dem Holzbein, Ahab, der sich an einem Wal dafür rächen will, ihm das echte Bein abgerissen zu haben, das letzte Mal, als er ihn jagte. Dieser Wal war kein anderer als der sagenumwobene, schneeweiße Moby-Dick, ein unter Seeleuten berüchtigtes Monster.

Ahab schwört seine Crew, kaum ist das Schiff auf offener See, mit einem archaischen Ritus auf eine höllische Jagd ein: Wer Moby-Dick tötet, der kriegt diese goldene Dublone, seht her, ich nagle sie hier an den Mast! So groß ist die Faszination, die der alte Käptn ausübt, dass die Mannschaft, hingerissen, ihre Zustimmung grölt.

Einzig der erste Steuermann, Starbuck, lässt sich nicht mitreißen. Doch all seine Warnungen verhallen, die „Pequod“ nimmt Kurs auf Moby-Dick – und je näher sie ihm kommt, desto wahnsinniger und lebensbedrohlicher wird ihre Fahrt …

Die „Pequod“ und ihre Passage direkt in die Hölle, Ahabs Holzbein, das bei jedem Schritt ein dumpfes Pochen durch die Schiffsplanken jagt, der knappe erste Satz „call me Ishmael“ – in den USA ist das praktisch Goethes „Faust“, felsenfest im kollektiven Gedächtnis verankert.

Hollywood, immer auf Bekanntes aus, hat das natürlich auch längst verstanden. Neben zig Verfilmungen des Romans selbst spielen zahlreiche Produktionen zumindest darauf an: In „Fluch der Karibik“ gibt Davey Jones eine Art Tintenfisch-Ahab, in „Jurassic Park“ (!) vergleichen sie den bösen Saurier-Killer mit dem Kapitän, und „In The Heart of The Sea“ nimmt gar für sich in Anspruch, die „wahre Geschichte“ hinter dem „Mythos“ Moby-Dick erzählen zu wollen (was dann aber nicht wirklich klappt, trotz Cillian Murphy und Chris Hemsworth).

Vielleicht ist es einfach falsch, sich Moby Dick auf die realistische Tour annähern zu wollen. Sicher verträgt ein Roman aus dieser Liga viele Lesarten – aber mit der Suche nach der Realität des Walfangs im 19. Jahrhundert kommt man einfach nicht weit genug.
Zu universal will der Roman ja auch verstanden werden, der so vielen seiner Figuren biblische Namen gibt, Ishmael, Ahab, Elias, und dessen bunt zusammengewürfelte, internationale Besatzung immer auch ans große Welttheater denken lässt: Die Menschheit selbst segelt auf der „Pequod“ (wenn auch ohne Frauen) auf der Suche nach einem Wal, oder nach Gott, verloren in einer gewaltigen Natur, die keine andere Dimension kennt als die unendliche – unendlich schön, unendlich gefährlich. Dumpf und brutal wirkt der Walfang angesichts der Wunder dieser Fahrt, zu denen Moby Dick mit seiner schneeweißen Haut, Monster hin, Monster her, ja doch auch zählt – und dem man daher auch nicht wirklich wünscht, gefangen und verkocht zu werden, so sehr einem Ahabs Leiden auch das Herz zerreißt.

Überhaupt, Ahab. Was tun mit dieser wilden Figur? Ein Käptn, so charismatisch, dass niemand, nur der tapfere, verzweifelte Starbuck, den Wahnsinn hinter seinem Vorhaben ahnt…

Es gibt ein Jugendbuch von Arnulf Zitelmann, „Paule Pizolka“, da liest ein Junge, der nicht in die Wehrmacht will und sich deshalb vor den Nazis verstecken muss, in seinem Unterschlupf Melvilles Roman – und die Reise der „Pequod“ wird die seines eigenen Landes, diesem verblendeten Nazi-Deutschland, das einem Psychopathen hinterher direkt in den Untergang rennt.

Einer der RAF-Terroristen, Holger Meins, wählte „Starbuck“ als Decknamen.

Und wer weiß welcher US-Demokrat sich gerade festliest an der Stelle, als Starbuck es einmal wagt, dem allmächtigen Ahab entgegenzutreten …

Aber diese Figur hat nicht nur die eine, hässliche Seite. Auf einem Walfangschiff, das im Grunde täglich mit aller Gewalt in den Lauf der Natur eingreift und wo die Crew schon auch mal zum Spaß einen kranken alten Wal zu Tode quält, ist Ahab der einzige – denn auch Starbuck denkt dazu viel zu praktisch – der diese Natur ringsum tatsächlich wahrnimmt, nämlich als etwas, das vom Menschen nicht zu trennen ist, zu ihm gehört, und sei es nur als ebenbürtiger Gegner; als wildes Zeugnis einer verzauberten Welt, in der weiße Wale Märchenwesen sein dürfen statt Mittel zum wirtschaftlichen Zweck.

Denn um wirtschaftliche Zwecke ging es in der Tat beim Walfang-Business, der ordentlich brummte, als Melville seinen Roman schrieb. Nach Walen, oder besser gesagt nach dem Öl, das man aus ihnen kochen konnte, war damals die ganze Welt verrückt – man brauchte dieses Öl, weil es, entzündet, Licht spendete. Kirchen, Straßenzüge, ganze Städte: Sie alle wären ohne das Gemetzel auf den Weltmeeren in Dunkelheit versunken.

Denn ein Gemetzel war es. Sicher fanden viele arme Matrosen ihr Ende unter den donnernden Schwanzflossen eines 20-Meter-Pottwals oder wurden mitsamt ihrem Boot in die Tiefe gerissen. Aber so gefährlich und primitiv uns heute die damaligen Jagdmethoden erscheinen – schmale Ruderboote, von Hand geschleuderte Harpunen – so effizient waren sie letztlich. Die armen Meeresriesen, die noch heute vom Aussterben bedroht sind, zahlten den Preis dafür.

So viel Realismus steckt dann wohl leider doch in Melvilles Werk.

Herman Melville: Moby Dick.
978-3-257-20385-1
592 Seiten.
€ (D) 14.00
Diogenes.

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