Übersicht, erzählend

Takis Würger: Der Club

Wir hören die Stimme eines Außenseiters: Der Ich-Erzähler ist ein stiller Junge, die Mitschüler quälen ihn, seine Eltern leben in einem Haus im Wald. Manchmal ist die seltsame Tante aus England zu Besuch. Der Vater bringt dem Erzähler das Boxen bei. Es wird alles ein bisschen besser. Dann sterben die Eltern, nacheinander. Das Ich muss ins Internat, zu den Jesuiten. Einziger Hoffnungsschimmer: Pater Gerald aus dem Sudan. Er boxt auch. Im Weinkeller der Klosterschule trainieren sie zusammen.

Dann das Abitur, endlich. Und aus heiterem Himmel meldet sich die Tante aus England: Willst du nicht herkommen? Ich krieg das hin, dass du in Cambridge studieren kannst.

Bis dahin also: Coming-of-Age, einigermaßen. Aber die Anfrage der Tante hat es ganz schön in sich. Ja, sie will ihren Neffen bei sich haben. Ja, sie fühlt sich schuldig, dass sie ihn im Stich gelassen hat nach dem Tod der Eltern (und das wird er ihr auch nie restlos verzeihen).

Aber vor allem geht es darum, einen Auftrag zu erfüllen. Eine geheime Mission.

Dass er boxt, passt perfekt. Boxen ist die Eintrittskarte für viele Clubs, wie sie in Cambridge zum universitären Leben gehören, so berühmt wie berüchtigt, geheime, elitäre Zirkel mit eigenen Regeln. Wer es in diese Kreise schafft, bei keinem brutalen Aufnahmeritual versagt, trink- und drogenfest genug ist, dem stehen nach dem Abschluss alle Türen offen.

Hans soll Mitglied im Pitt Club werden, der ein schreckliches Geheimnis birgt. Nur die Tante ist zu Verdrängung und Verschweigen nicht bereit und klammert sich verbissen an die Möglichkeit einer Aufklärung. Dafür setzt sie auf Hans: Ein Außenseiter, unabhängig, unbelastet, unbekannt. Der perfekte Spion, sozusagen.

Entwicklungsroman, Reportage aus einer der elitärsten Kaderschmieden der Welt, Kriminalroman, Liebesgeschichte – eigentlich könnte der Roman an sich selbst ersticken, so viel stopft Würger da rein.

Aber es klappt.
Meine Theorie: Die Handlung mag oberflächlich so schräg anmuten, wie sie will. Aber sie ruht doch fest auf altvertrauten Säulen: Dieses abgeschiedene Aufwachsen in den Wäldern, die traurige Gestalt der Mutter, der Aufbruch in eine fremde Welt, deren Codes erlernt und deren (Box)kämpfe ausgetragen werden müssen, schließlich der Auftrag, Spoiler-Alert, die Ehre einer Dame zu retten: Parzival könnte Würgers Held heißen. Und wie könnte uns kaltlassen, was an einen der Urstoffe unseres gemeinsamen kulturellen Gedächtnisses anknüpft?

Gegen das, sagen wir, romantische Handlungsgerüst setzt Würger, spannende Kontrastierung, eine am Journalismus trainierte – der Autor kommt aus diesem Berufsfeld – provozierend lakonische Sprache. Was die Figuren sehen, hören und tun, ersetzt über weite Strecken, was sie denken und fühlen. Das Außen vertritt das Innen, wird zu dessen Symbol. Folglich lädt sich jede Handlung, jeder Gegenstand in Würgers verknappten Sätzen bis zum Bersten mit Bedeutung auf – was der Liebesgeschichte wie dem Kriminalroman beinah magische Qualität verleiht, so sehr bringt der Autor hier einzelne Momente zum Leuchten.
Und für Satire taugt es auch: Wenn die Bösen, jene Selbstoptimierungs-Bomben, die gemeinsam mit dem Ich studieren und sich auf ihren Club-Orgien die Top-Jobs zuschieben wie sie Pillen schmeißen, zu Wort kommen, passiert da außer obsessiv aufgezählten Markennamen („Wandfarbe: Farrow&Ball“) und sonstiger Fixierung auf Gegenständliches nicht mehr viel. Statt Überhöhung der Dingwelt Kreisen um die Dinge. Ich bin, was ich konsumiere. Deutlicher kann man wohl kaum gegen den Zeitgeist anschreiben.
Wobei Würger nicht wirklich eine Alternative bieten kann. Zurück in den Wald, zum stillen Leben weitab von der Welt? Naja. Aber zumindest liest es sich sehr schön.

Takis Würger: Der Club.
ISBN: 978-3-0369-5753-1
240 Seiten
22,00 EUR
Kein&Aber

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