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Klamotten-Krise

Gerade wollte ich mir ein nettes Bio-Fischlein aufbraten, da klingelte das Telefon. Eine alte Freundin aus Berlin: „Wie schön, du kochst dir was! Gerade bei Fisch bin ich ja völlig draußen…“

„Unsinn, da kauft man halt einen halbwegs guten, taut ihn ein bisschen an, und dann muss man mit Zitronensaft..“

„Deshalb rufe ich gar nicht an…“

Der Fisch zischelte verdächtig, ich musste ihn aus der Pfanne zurück auf den nächsten Teller tun und schob noch einen Deckel darüber zur Sicherheit, die wurden sonst ganz schnell zäh. Gar nicht einfach mit einer Hand noch am Hörer. Das Wehklagen aus Berlin bildete den Soundtrack zu meinem Geklapper: „Was soll ich nur anziehen zu dieser Fakultätsfeier, früher hast du mir ja immer was geliehen, aber das scheidet ja jetzt auch aus, wo du nicht mehr hier wohnst, und vergiss mal die Feier, ich bin so völlig schlecht angezogen zur Zeit, abends gucke ich an mir runter, und ich sehe aus wie Reinhold Messner…“

Interessiert guckte ich nun meinerseits an mir runter. Ausgestellte Jeans waren endlich wieder tragbar – diesen Skinny-Unsinn hatte ich seit je nur sehr unwillig mitgemacht – und dazu hatte ich neulich ein prima Paar reduzierter Stiefel erstehen können, schön hoch, und nicht zu spitz vorne, da atmeten meine Fächerzehen auf. Links über dem Knie war ein Fleck. Wo der wohl herkam? Ich kratzte ein bisschen daran herum.

„Wie machst du denn das mit Hosen!“ rief meine Freundin währenddessen.

„Also die sind schon wichtig, da kann man auch mal was dafür ausgeben…“

Pause.

„Wieviel denn so ungefähr?“

Mit Freunden über Geld reden, hätte mein Vater jetzt gesagt, zwei Wochen Sperrzone Tschernobyl sind nichts dagegen!

Ich tastete mich vor: „Also Jeans sollten ja schon irgendwie was taugen, und du bist bei der Stadt seit zwei Jahren, und das Gehalt im öffentlichen Dienst-„

„Also bei Daldi gab es neulich wieder welche, und die sind schon immer ganz ok …“

Sperrzone, Sperrzone, schrie die Stimme meines Vaters mir ins Ohr. Mein Vater, die Luxusbirne („Schon für die Schuhe allein sollte man eigentlich in Italien leben!“).

Besorgte Frage aus Berlin: „Bist du noch dran?“

„Oh ja!“

„Jetzt sag schon, soll ich es bei Daldi versuchen oder mal ausnahmsweise schauen, was der Graushof hat? Die Eigenmarken von dem gehen glaube ich noch, so vom Preis her.“

Nun erschien mir auch noch der Geist meiner Großmutter und oszillierte sachte neben der Dunstabzugshaube. („Die großen Namen kennt man heute gar nicht mehr, Balenciaga, Borsalino…Einmal habe ich deinen Großvater überreden können, zu Borsalino zu gehen für einen Hut, und er hat ihn dreißig Jahre lang getragen…“)
Mir wurde das zuviel allmählich, und mit leerem Magen. „Geh zu Graushof!“verkündete ich.

„Ehrlich, meinst du?“

„Aber ja!“

„Ok, ich mache es!“

„Prima!“

„Mann, bin ich aufgeregt! Ich schicke dir ein Foto!“ Ein nervöses Kichern. „Wir spinnen schon total, oder? Ich meine, da haben wir beide einen Hochschulabschluss und quatschen doch nur wieder von Klamotten…

Der Geist meiner Großmutter begann zu verblassen.

„Ja, du hast recht,“ sagte ich. „Du hast recht. Wir spinnen total.“

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