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Why we tell stories …

Was haben „Der Weiße Hai“ und das „Beowulf“-Epos1 gemeinsam?

Das Handlungsmuster ist das gleiche, sagt Christopher Booker.

Nämlich: Es gibt ein Monster. Monster plagt Menschen in nahegelegener Siedlung. Auftritt des Helden. Held jagt dem Monster mutig hinterher, großer Endkampf, Monster wird erledigt, Menschen in Siedlung atmen auf.

Fertig ist das Handlungsmuster „Das Monster töten“.

Booker zufolge gibt es sieben dieser Muster insgesamt. „Die Suche“ zum Beispiel, oder „Wiedergeburt“, oder „Hässliches Entlein wird zum Schwan“. Alle Geschichten, so Booker, die wir Menschen uns also schon immer erzählt haben und bis heute erzählen, abends am Lagerfeuer, abends in der Kneipe, abends im Kino: Auf sieben Grundmuster könne man sie letztlich alle zurückführen, fröhlich kombinier- und variierbar natürlich. Sieben Muster, die sich alle Menschen teilen, von Höxter bis nach Nuakchott. Wahnsinn.

Auf den ersten Blick.
Je mehr man sich nämlich hineinwühlt in Bookers Wälzer, desto wirrer wird das Ganze. Denn die Grundmuster-Theorie geht halt nicht immer auf, und Booker weiß darauf leider keine andere Antwort als ein stures „Was nicht passt, wird passend gemacht!“
Eine Überraschung ist das nicht. Booker, Journalist und Autor, hat offenbar schon einiges an Mumpitz verzapft, unter anderem zur Evolutionstheorie und zum Klimawandel. Einigen seriös recherchierenden Kollegen gilt er längst als persona non grata.

Aber trotzdem. Nichts ist so verführerisch wie die eine Theorie, die alles erklärt. Ich tue also so, als bestünde Bookers Buch nur aus dem ersten, noch logischen, Teil („The seven gateways to the underworld“), und trabe eifrig zu meinem Bücherregal: Basic plots, wo seid ihr?

Und siehe da, ich entdecke, gleich mehrfach, „Die Suche“. Auch einiges an „Monster“-Mustern kann ich finden. Vor allem aber massenweise (was das wohl über mich verrät?), zumindest nach meiner großzügigen Interpretation, „Hässliches Entlein wird zum Schwan“.

Meine drei Lieblings-„Entlein“ sind derzeit …

Lauren Weisberger: The devil wears prada. Hurra, Andrea hat einen Job ergattert, für den Millionen anderer Mädchen töten würden: Sie ist die persönliche Assistentin von Miranda Priestly, Mode-Göttin, Herausgeberin des berühmten „Runway“-Magazins. Andrea ist gar nicht so der Mode-Fan. Sie macht das nur, um von Priestlys Beziehungen zu profitieren: Ein Jahr als Assistentin, und ich empfehle dich an den „New Yorker“ – so der Deal. Aber ein Jahr – 18-Stunden-Arbeitstage auf 15-cm-Stilettos, idiotische Arbeitsanweisungen („Meine Tochter braucht für morgen einen Turnbeutel von diesem italienischen Hersteller!“), anorektische Kolleginnen und ein schrill dauerklingelndes Telefon – kann ziemlich lang sein …

Jean Kwok: Girl in Translation. Aus der Armut in Hongkong in die reiche USA – Kim und ihre Mutter scheinen das große Los gezogen zu haben. Aber sie haben einen denkbar schlechten Start: Die böse Tante lässt sie in einem unheizbaren Verschlag in den Slums von New York hausen und in ihrem Sweatshop schuften. Schließlich hat sie ja Visa und Überfahrt bezahlt! Englisch zu lernen ist zumindest für Kims Mutter so unmöglich, als müsste sie, wie die Tochter resigniert feststellt, „ihre Augenfarbe ändern“. Folglich muss Kim alles alleine machen, vom Behördengang zur Steuererklärung. Die einzige Hoffnung, dem Lärm und Staub des Sweatshops und der Enge von Chinatown zu entkommen, ist eine amerikanische Schulbildung. Die kluge Kim setzt alles auf eine Karte …

Wolfgang Herrndorf: Tschick. Das unglückliche Ich mit dem schönen Namen Maik, wohlstandsverwahrlost, mitten in der Pubertät, alkoholkranke Mutter, chronisch abwesender Vater, hat keine Ahnung, wohin mit sich in den Sommerferien. Bis der andere Außenseiter aus seiner Klasse bei ihm auftaucht, in einem geklauten Lada. Zusammen unternehmen die beiden Jungs eine skurrile Reise durch die deutsche Provinz. Und treffen dabei, und das ist an „Tschick“ so herzerwärmend, nicht etwa auf Finsterlinge und allerhand Schlimmes, sondern auf Unterstützung und Hilfe, wenn auch nicht immer in der konventionellsten Form. Die Welt, staunt Maik, soll doch so schlecht sein. Zu 90 Prozent, mindestens! Aber wir treffen irgendwie immer nur die anderen 10 Prozent …

 

 

1 Google weiß da bestimmt was drüber.

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5 Gedanken zu „Why we tell stories …“

  1. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass diese Handlungsmuster wirklich auf alle Geschichten zutreffen (außer, man verbiegt die Handlung zu irgendwelchen abgedrehten Interpretationen). Trotzdem eine interessante Theorie. Da muss ich auch gleich mal meinen Bücherschrank durchstöbern…

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  2. Ich weiß nicht, ob diese Theorie unbedingt zutrifft… Sie klingt sehr plakativ ^^was aber in jedem Fall stimmt, dass all die geschichten, die wir uns erzählen, nur Variationen der Themen sind die es schon tausende Male gab… Ich weiß nicht, ob man es also auf diese 7 runter brechen kann(klingt so sehr nah märchen^^) , doch ganz sicher auf irgend eine Zahl 😉 und übrigens liebe ich Herrndorf abgöttisch, hast du Bilder deiner großen Liebe gelesen? Unbedingt machen! Leider nur ein Fragment, da er es während des Krebs schrieb und nicht vollenden konnte, doch es hat daher auch einen ganz besonderen Reiz von der schreibart .. Hoffe das klingt nicht makaber… Liebe Grüße 😉

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    1. Hallo Lunaewunia,
      ja, Herrndorf ist geradezu schmerzhaft gut. Was ich zu abgedreht war, ist „Sand“. Aber großartig, wenn auch sehr bitter, ist auch „In Plüschgewittern“. Die Literaturwelt hat mit Herrndorf viel verloren! Danke für den Tipp – schaue ich gleich mal danach.

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      1. Sand steht immer noch geduldig im Regal… Abgedreht finde ich gerne auch mal gut^^ Bilder deiner großen Liebe ist wohl ein guter Mittelweg von abgedreht und tschick… Protagonist ist die verrückte isa aus tschick 🙂

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