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Der Marquis de Sade und das Schreiben von Texten

Es gibt da einen historischen Film, in dem sie Marquis de Sade, dem schlimmen Finger mit seinen Sado-Maso-Phantasien, endgültig das Schreiben verbieten und ihn ins Gefängnis werfen. Feder, Tinte, Pergament, nichts davon darf zum Marquis in die Zelle kommen. Er macht aber natürlich trotzdem weiter mit dem Schreiben. Die Halme aus seinem Strohsack legt er zu Buchstaben. Aus den Brotkrümeln der mageren Gefängniskost streut er seine Botschaften auf den Steinboden. Mit seinem Blut malt er an die Mauern, was er zu sagen hat.

Aus den Erinnerungen an diesen Film kehre ich in die Gegenwart zurück, in der ich ebenfalls mit dem Schreiben beschäftigt bin. Im Gegensatz zum Marquis will mich aber niemand wirklich daran hindern. Es geht mir gut, ich brauche mir nicht die Pulsadern zu öffnen, auf dass die Welt meine Botschaft erfahre. Ich gehöre der Apple-Ära an und darf bequem und harmlos auf meinem kleinen handlichen Rechner vor mich hintippen.

Aber der Marquis scheint sich im Raum materialisiert zu haben. Er flüstert mir zu, über die Jahrhunderte hinweg: Wie hilflos du wärest, ohne dieses handliche Gerät! Kämest du, zurückgeworfen auf die Ausdauer allein deiner rechten Hand, überhaupt noch zurecht? Wie stehts mit deiner Schreibschrift, oh Unglückliche?

Dann verschwindet der Marquis, mit einem sadistischen Grinsen auf den Lippen.

Betroffen bleibe ich zurück und lasse alle meine zehn Finger von der Tastatur sinken. Es ist wahr, denke ich. Ist das, was ich schreibe, überhaupt einen zweiten Gedanken wert? Kämen sie jetzt, und sie nähmen mir meinen Laptop – würde ich mich dann mit der Shampooflasche aus dem Bad bewaffnen und meine Botschaft an die Zimmerwände schäumen? Trüge ich meine sämtlichen Gedanken überhaupt noch in die Welt, wenn es keine technische Unterstützung mehr gäbe, wenn ich statt dienstbarer Tasten wieder einen klobigen Gänsekiel halten müsste?

Meine Zeit an der Universität fällt mir ein. Die Professoren mochten nicht, dass in den Vorlesungen kaum noch jemand mit Block und Blei vor ihnen saß wie in der guten alten Zeit, sondern alle erstmal synchron ihre Rechner hochfuhren. Zu Beginn galt es für jeden Professor, die Eröffnungsmelodie von Windows zu überschreien.

Aber ihre Zeit kam auch noch, und zwar mit dem Examen. Hämisch grinsend warnten sie uns, eine unerwartet hohe Hürde für Studenten heutzutage sei in Examina das ungewohnte Schreiben mit der Hand. Wir seien gut beraten, das zu üben, und in der Tat, meine eigenen Versuche mit dem störrischen Stift in der rechten Hand – kläglich geradezu, das Werk eines nicht mehr ganz nüchternen Analphabeten.

Nach dem Examen dann lachten uns die Professoren mittags in der Mensa aus, wie wir dasaßen und nur noch Suppe löffeln konnten, so sehr taten uns die Hände weh vom Schreiben. Tage sollte es dauern, bis ich damals die Kontrolle über meine rechte Hand soweit zurückgewonnen hatte, um mit Messer und Gabel zu essen.
Nein, wenn es ums Leben geht, rufe ich dem Marquis hinterher, wenn es um eine Prüfung geht, dann wozu anachronistisch festhalten am Schreiben auf Papier, mit einem Stift, mit der eigenen Hand, wo es doch eh keiner mehr kann? Wozu die neue Technik nicht begrüßen, und die Erleichterung, die sie uns bringt?

Doch in der Stille, die diesen Gedanken folgt, höre ich das monotone Summen meines elekronischen Schreibgeräts, und es klingt wie eine Kampfdrohne. Nach einem langen Tag am Bildschirm brennen meine Augen. Times New Roman, Schriftgröße 12, umnebelt meinen Blick, meine Schultern schmerzen, ich fühle mich verspannt und verkrümmt, wie eine schief gewachsene Ackerwinde.

Eine weitere Gestalt tritt durch die Wände auf mich zu. Ein Ire, ein Dichter. In meinem Zimmer beginnt es nach Torf zu riechen. „Between my finger and my thumb“, sagt Seamus Heaney zu mir, „the squat pen rests; snug as a gun.“ Er verschwindet. Ich sehe meine zehn Finger an, ist das Torf unter meinen Fingernägeln? Snug as a gun… ein Stift, der sich gut in der Hand anfühlt, der gut im Handteller liegt, wie eine Waffe… Wäre mein Laptop eine Waffe? Ich könnte ihn natürlich werfen…

Ein dunkler irischer Harfenton erklingt von irgendwo, und das Mysterium der Dichtkunst ergreift von mir Besitz. Verstehe ich meine Professoren etwa mit einem Mal besser, ihre Verachtung für all das Getippe ringsum? Waren sie etwa im Herzen Romantiker? Hingen sie an dieser einen großen Wahrheit des Schreibens, des Dichtens: Dass man fast nichts dazu braucht – nichts als einen Schmierzettel, den Rand einer Zeitung, einen Bierdeckel, dazu der Stift in der Hand und genug Licht vor den Augen? Snug as a gun…Ich hebe den Blick. Heaney steht dort. Der Marquis de Sade steht dort und winkt mir zu mit einem Strohhalm.

Ich schalte meinen Laptop aus und atme tief ein in der neuen, ungewohnten Stille. Ich gehe ins Bad. Ich kippe Shampoo ins Waschbecken und drehe den Wasserhahn auf. Unmengen von Seifenschaum entstehen. Ich steche mir in den Finger mit der Spitze meiner Nagelschere, vermische Schaum und Blut, und mit beiden Händen beginne ich, meine Botschaft an die Wände zu schäumen.

Dieser Text wurde aus purer Nostalgie für die einst bestehende jetzt-community veröffentlicht.

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3 Gedanken zu „Der Marquis de Sade und das Schreiben von Texten“

  1. Hey meine Liebe 🙂 na mit Blut müssen wir unsere Gedanken wohl wirklich nirgends anpinseln… Da gibt es doch einfach genug Tinte dafür 😉 ich persönlich finde das handschreiben etwas absolut wichtiges… Ich meine jeder Autor hat seinen eigenen Rhythmus, seine Strategie und Struktur… Da es nunmal das Mittel gibt, alles geordnet am PC zu schreiben, warum soll man es nicht nutzen? Wobei ich auch schon oft den Gedanken habe, dass Autoren damals doch wirklich noch ganz andere Qualitäten haben müssten, wenn man bedenkt, dass sie ihren zweiten und dritten Entwurf und alle Änderungen nicht einfach einfügen, sondern alles separat schreiben bzw von neuem Anschreiben mussten… Ich denke, hätten wir diese Technik nicht überholt, würden auch nicht so viele Bücher entstehen… Und ich weiß auch nicht, ob ich dann jemals ein Buch schreiben könnte, ist es doch jetzt schon schwer genug und ich brauche nichtmal diese Disziplin von damals… Insofern auch zu deinen zweifeln : du bist ja nicht weniger Autor oder Künstler, nur weil du Technik nutzt. Wichtig ist doch, was in deinem Kopf passiert, was für Gedanken du zum Schreiben hast, wie du deine Welt betrachtest. Diese Zweifel, ob dieser drang zum schreiben denn wahrhaftig ist, hat jeder der schreibt, egal ob mit Tinte oder Tastatur (kann ich nur bezeugen… Auch wenn ich Notizbücher um Notizbücher Fülle, Zweifel kommen immer)
    Natürlich kann es als schreiber nie schaden, auch das handschreiben zu üben … Versuch doch mal einige Wochen lang deine Gedanken in ein Notizbuch zu schreiben 🙂 ich finde das gibt einem einfach auch noch mal ein ganz anderes Gefühl ❤
    Ich hoffe du hast dein kleines tief überwunden… 🙂

    Ganz liebe Grüße
    Von der Luna

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    1. Hallo Luna,
      danke für den ausführlichen Kommentar! Meine Strategie momentan ist: Briefe statt Mails zu schreiben. Das fühlt sich sehr viel persönlicher an, weil man eben die eigene Handschrift an jemanden schickt – und das Hantieren mit Stift, Papier und Briefumschlag hat mir schon immer gefallen. Und: Es gibt das Briefgeheimnis:-) In unseren datenoffenen Zeiten ein weiterer Vorteil…
      Der Text ist weniger ein Ausdruck eines Tiefs von meiner Seite. Das Ich im Text stimmt ja nur bedingt mit mir als Person überein:-)
      Herzliche Grüße, die Bücherflocke

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      1. Oh ja Briefe schreiben ist wundervoll… Ich mach das ja richtig gerne auf gutem Briefpapier mit Tinte und Feder… Man nimmt gleich ei e ganz andere Haltung ein und alles fühlt sich viel gewichtiger an^^ Na dann ein schönes schreibreiches Osterfest dir 😉

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