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Trevor Noah: Born a Crime.

Längst ist die pechschwarze südafrikanische Nacht hereingebrochen, als sich die kleine Familie nach einem langen Sonntag – Sonntage verbringt man in der Kirche, so ist das eben – nach Hause schleppt: Die Mutter, der neunjährige Sohn, das Baby. Sie nehmen einen Minibus, obwohl man Minibus-Fahrern nicht trauen kann. Dem hier auch nicht. Ohne Mann nachts unterwegs, beschimpft er die Mutter, du schamlose Xhosa-Hure, ihr Xhosa seid doch alle gleich, tritt plötzlich das Gaspedal durch, der Bus rast in die Finsternis. Die Mutter behält die Nerven. An der nächsten Kreuzung reißt sie die Autotür auf, schleudert den benommenen Sohn auf die staubige Straße, lauf weg, so schnell du kannst!, schlingt ihre Arme um das Baby, wirft sich hinterher.

Dann ist der Bus weg, Mutter und Sohn, verdreckt und zerschürft, stolpern heimwärts, sag deinem geliebten Jesus, dass er nächsten Sonntag zu uns nach Hause kommen soll, knurrt der Sohn, beide brechen in hysterisches Gelächter aus, Ende des ersten Kapitels.

Trevor Noah, den man als Comedian aus der US-amerikanischen „Daily Show“ kennt, und der das Pech hatte, als Kind einer Schwarzen und eines Weißen im Apartheids-Südafrika aufzuwachsen, wird sich den Kopf zerbrochen haben, welches bizarre Erlebnis aus seiner an bizarren Erlebnissen nicht eben armen Kindheit und Jugend am besten geeignet ist, seine Erinnerungen zu eröffnen. So ein erstes, einleitendes Kapitel ist ja mit der anspruchsvollste Teil eines Romans, der viele verschiedene Funktionen erfüllen muss, Neugierde wecken, Figuren einführen, Ton und Tempo etablieren.

Das nächtliche Familienabenteuer – oder besser Kleinfamilienabenteuer, der Vater kommt (noch) nicht vor – ist da eine gute Wahl. Wir lernen Noahs Mutter kennen und ihre wilde Entschlossenheit, für die Rettung der Kinder alles zu tun, ihre Fähigkeit, im Zweifel mutig und geistesgegenwärtig zu handeln. Kein Wunder, dass Noah ihr den Roman gewidmet hat („Thank you for making me a man“).

Wir lernen die bittere südafrikanische Apartheids-Realität kennen, die in Gestalt des geifernden, gewalttätigen Busfahrers ihren ersten, verschlüsselten Auftritt hat. Trevor und seine Familie sind ihm ausgeliefert, sind auf das Minibus-System angewiesen, weil die Regierung keine Infrastruktur für Schwarze vorsieht; können wegen ihm nicht nach Hause; und dem brutalen Regime sind sie auch ausgeliefert, das sie zu einer Existenz als ewig Unbehauste verdammt, zwischen allen Stühlen.

Das betrifft vor allem Noah selbst. In einem System, das die Rassen mit wirklich allen Mitteln auseinanderhält und jede Beziehung zwischen Schwarz und Weiß, und die intimen erst recht, brutal bestraft, dürfte es jemanden wie ihn eigentlich gar nicht geben. Er ist der lebende Beweis für eine Straftat – eben „born a crime“.

Das, und so vieles andere, was Noah über den ehemaligen Polizeistaat Südafrika erzählt, ist einfach nur unglaublich schrecklich. Man liest das, und man verwandelt sich in einen Papagei. Das wusste ich nicht. Das wusste ich nicht.

Zum Beispiel die „Townships“. Am Reißbrett entworfene Ghettos zur Unterbringung, und zur Konzentration und Kontrolle, der schwarzen Bevölkerung. Die Weißen hassten die Schwarzen, aber brauchten sie eben auch: Irgendwer muss ja putzen und in den Bergwerken arbeiten. Die Townships hatten immer nur eine Straße, eine raus, eine rein. Damit im Zweifel niemand entkommt. Die Townships waren so geplant, dass Soldaten und Polizei sie stürmen und die Luftwaffe sie gut bombardieren konnte. Infrastruktur war den Planern egal. Keine Läden, keine Restaurants, keine Kinos, keine Straßenbahn. Keine Wasserversorgung.
Niemand kam aus diesen Ghettos jemals raus, stellt Noah einmal nachgerade beiläufig fest, keine Chance. Er selbst hätte vielleicht sogar aus Südafrika fliehen können, an der Seite des deutsch-schweizerischen Vaters, der den Sohn alles andere als verleugnete (aber so, wie die Dinge standen, war schon ein gemeinsamer Spaziergang im Park gefährlich). Aber die Mutter, wieder einmal stur und entschlossen, funkte dazwischen: Das ist meine Heimat, und ich gehe hier nicht weg!

Vielleicht kann nur ein erfahrener Comedian von so etwas erzählen, ohne dass man ständig heulen muss.
Folglich ist der Humor in Noahs Erinnerungen, der für perfektes Timing und Tempo sorgt und der Leserin das Geschenk eines spannenden Lese-Erlebnisses macht, mehr als reines Witzereißen, mehr als das erwartbare Stilmittel von einem, der halt Geld damit verdient, dass das Publikum lacht. Er ist gelebter Widerstand gegen alle Polizeistaaten ever, Ausdruck einer Überlebensstrategie von einem, der es wirklich wissen muss.
Denn wo es einfach kein Entkommen gibt, wo Selbstmitleid und Verzweiflung keinen Sinn haben, was kann man da schon tun? Man kann immer noch lachen. Und „Born a Crime“ ist ziemlich lustig.

Eine weitere Rezension dieses Titels habe ich bei wortgeflumselkritzelkram gesehen.

Trevor Noah: Born a Crime. Stories from a South African Childhood.
ISBN-10: 052550902X
ISBN-13: 978-0525509028

7, 99
(TB)
304 S.
Spiegel & Grau.

2 Gedanken zu „Trevor Noah: Born a Crime.“

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