Übersicht, erzählend

Nick Hornby: Miss Blackpool

Ach, Hornby. Mit „Miss Blackpool“ hat er sich irgendwie vergaloppiert.
Am Plot liegt es nicht: Gewohnt charmant, gewohnt britisch. Der Autor nimmt sich nämlich das fröhlichste aller englischen Phänomene vor, die „Swinging Sixties“. In diesem Jahrzehnt kriegte es England endlich hin, die Trostlosigkeit der Kriegs- und Nachkriegsjahre abzuschütteln und sich vor allem musikalisch (The Who, The Kings, The Rolling Stones) in die Kurve zu legen, dass es eine Wonne war.
Und es war ja nicht nur die Musik. Die Kleidung, die Wohnungen, die Autos, das Fernsehen – alles wurde immer bunter, immer heller, immer besser. Weiße Wände statt braune Opa-Tapete. Kurze Kleidchen in Kreischbunt statt bravem Faltenrock-Elend.
(Dass die nüchternen Siebziger schon auf der Lauer lagen mit Streiks und Ölkrise und IRA-Terror – im Rückblick bricht es einem das Herz).
London war natürlich direkt am Zahn dieser beschwingten Zeit.
Das weiß auch Barbara, die weibliche Hauptfigur. Sie will unbedingt in die Hauptstadt, ins Fernsehen, um Comedy-Star zu werden.
Dumm nur, dass alle immer ihre Schönheit sehen („blond, lange Klimperwimpern, Atombusen“) und nichts davon wissen wollen, was sie an humoristischem Potenzial zu bieten hat.
Vor allem ihre Heimatstadt Blackpool (in England offenbar so sprichwörtlich „Provinz“ wie bei uns Wanne-Eickel) ist aus lokalpolitischen Promoting-Gründen an dieser Schönheit interessiert. Und so startet der Roman mit der letzten Runde einer Miss-Wahl: Eine Handvoll junger Mädchen in Badeanzügen, unter ihnen Barbara, steht schlotternd im kalten Blackpooler Wind am Pier und wartet darauf, dass sich die Jury endlich mal entscheidet, wer in diesem Jahr das verschnörkelte „Miss Blackpool“-Krönchen aufsetzen darf. Keine Überraschung, dass Barbara gewinnt. Aber sie pfeift darauf: Noch am Abend des gleichen Tages trägt das Krönchen Miss Blackpool Nr. 2, und Barbara ist unterwegs nach London.
Und hier hat sie, nach ein paar deprimierenden ersten Versuchen, das Glück, auf eine Runde junger BBC-Autoren zu treffen, die ebenfalls von Comedy träumen und dem behäbigen alten Fernsehen den Muff austreiben wollen. Gemeinsam entwerfen sie eine Comedy-Serie mit Barbara in der weiblichen Hauptrolle, und wider Erwarten haben sie damit durchschlagenden Erfolg. Barbaras Glück scheint ungebrochen: Sie verdient ihr Geld als comédienne, die Kollegen sind ihre Ersatzfamilie. Aber Glück und Ruhm sind ja bekanntlich nichts, worauf sich langfristig bauen lässt …
„Miss Blackpool“ ist nicht immer nur lustig. Es geht Hornby auch um die finsteren Seiten der gar nicht so harmlosen Swinging Sixties: Zwei der Figuren, die BBC-Redakteure Bill und Tony, sind schwul (oder sich zumindest nicht so ganz sicher, wie im Fall des sanften Tony, wohin sie denn nun eigentlich gehören im sexuellen Spektrum). Als Mann in den 1960er-Jahren andere Männer zu lieben (was Frauen so trieben, dieses schwache Geschlecht, war dem Gesetzgeber egal) war strafbar und wurde mit gar nicht wenigen Jahren Haft geahndet – vom gesellschaftlich unendlich tiefen Fall einmal ganz abgesehen.
Hornby gelingen hier ein paar ziemlich starke Szenen. Umso erstaunlicher, dass die heitere Haupthandlung mit all ihren Witzen und Liebeswirren einen nicht immer, oder jedenfalls zu selten, vom Hocker reißt. Vielleicht liegt das daran, wie wenig die Figuren insgesamt zu bieten haben, an Facetten, an Unterschieden, an eigener Sprechweise. Alle klingen sie zwar gleich lustig in „Miss Blackpool“, aber das „gleich“ ist eben auch der große Nachteil – immer hört man nur den Autor, und nie eine der Figuren.
Gesichtslos bleibt letztlich auch das Setting, ein Problem, das die Hornby-Romane vielleicht immer schon hatten. Nur fällt es einem in, sagen wir, „About a Boy“ eben weniger auf als bei der Zeitreise von „Miss Blackpool“: Schließlich will man die vergangene Ära leibhaftig vor Augen haben. Hornby gelingt das nicht. Er kann Dialog und Handlung, aber (Städte-)Landschaften, Farben, Gerüche, Klänge, alles, was Textur und Atmosphäre verleiht, kann er nicht, oder nicht gut genug. Blackpool bleibt Behauptung wie London auch, und man wünscht sich nur, der Autor hätte ein paar Witze gespart und dafür in Schauplätze investiert. Schriftsteller-Kollege David Nicholls ist davon Äonen entfernt (übrigens auch, was die Charakterzeichnung betrifft).
So bleiben ein paar gute Szenen (gut witzig, oder gut nachdenklich) im Gedächtnis, und das Wissen um, wenn nicht das Gefühl von, einer bis heute legendären Epoche. Und zumindest die nächste lange Zugfahrt rettet „Miss Blackpool“ allemal.

Nick Hornby: Miss Blackpool
432 Seiten (TB)
ca. 10 €
ISBN-10: 3462049070
ISBN-13: 978-3462049077
KiWi-Taschenbuch.

Werbung

2 Gedanken zu „Nick Hornby: Miss Blackpool“

  1. Ich musste doch vorhin schmunzeln… In einer „Mängelexemplare“ Bocherbox der Bahnhofsbuchhandlung traf ich doch auf diesen Roman, zu dem ich heute Vormittag noch deine Rezension gelesen habe… Habe das Buch aber nicht mitgenommen 😉

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..