Übersicht, sachlich

Ahmad Mansour: Generation Allah. Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen.

Zum Beispiel. Nach einem terroristischen Anschlag in Paris sucht eine junge Lehrerin, selbst noch tief erschüttert, das Gespräch mit ihrer Klasse. Wie fühlen sie sich, nachdem etwas so Schreckliches passiert ist?
Aber die mehrheitlich muslimischen Mädchen und Jungen haben mit dem Anschlag kein Problem. Sie jubeln geradezu. Endlich tut mal einer was! Und auch noch so viele Juden unter den Opfern – super. „Die haben den Propheten gerächt!“ Die Lehrerin hält es nicht aus. Sie flieht aus dem Klassenraum, ins Lehrerzimmer, ans Telefon und ruft die Polizei.
Ahmad Mansour kann über Szenen wie diese nur den Kopf schütteln. Was hilft schon die Polizei, wo es den Dialog viel dringender bräuchte? „Sobald [die Jugendlichen] annehmen, dass sie besser fahren, wenn sie ihre wahren Überzeugungen für sich behalten, nimmt man ihnen die Möglichkeit, an diesen Vorstellungen zu arbeiten.“
Dass diese Überzeugungsarbeit so häufig auf die falsche Weise oder überhaupt nicht geleistet wird, ist nach Meinung des Autors nicht nur fahrlässig, sondern gefährlich.
Mansour, der aus Palästina stammt, seit 2004 in Berlin lebt und sich als Psychologe und Sozialarbeiter gegen religiösen Extremismus einsetzt – bei Organisationen wie Hayat oder Heroes beispielsweise – beobachtet die zunehmende Radikalisierung von Jugendlichen schon seit einigen Jahren.
In Deutschland gebe es inzwischen eine ganze Generation – eben die titelgebende „Generation Allah“ – die „den Westen“, die Demokratie, die Vorstellung der Gleichheit der Geschlechter und der religiösen Toleranz zutiefst verachte und dies auch ganz offen äußere. Anstatt zu einer neuen, weltgewandten, verschiedene kulturelle Einflüsse in sich vereinenden Elite heranzuwachsen, wendeten sich Jusuf oder Yasemin, aber auch Jörg und Mareike vom verkommenen Deutschland ab und liefen den Salafisten in die Arme.
Wie sich direkt vor Deutschlands demokratischer Nase eine Parallelgesellschaft bilden konnte, warum Jugendliche, ob mit oder ohne Migrationshintergrund, überhaupt Halt bei religiösen Eiferern suchen, welche Rolle „der Westen“ und „die Muslime“ bei all dem spielen – um diese Fragen geht es in „Generation Allah“.
Polemik ist dabei nicht Mansours Stil. Sein ruhiger Ton verblüfft geradezu, so sehr hebt er sich ab von der Hysterie all der (Talkshow-)Debatten um Radikalisierung und Integration.
Mansour nimmt sich die Zeit, der Leserin mit dem geschulten Blick des Psychologen auseinanderzusetzen, welche psychischen Voraussetzungen bewirken können, dass Jugendliche im religiösen Fundamentalismus den einzigen Ausweg sehen. Er erzählt von sich selbst und wie der fanatische Imam aus seinem Heimatdorf ihm zur Vaterfigur wurde. „Ich weiß, wovor ich warne“, sagt er einmal.
Er nimmt, und dies dürfte für deutsche Leserinnen mit am interessantesten sein, das muslimische Milieu in den Blick, wo es, wie er betont, keine 1968er-Revolte gab, die nach Jahrhunderten endlich Schluss machte mit Gewalt in Familien, mit dem Patriarchat und der ewigen Angstpädagogik. Viele muslimische Familien hielten an patriarchalen, traditionellen Werten ebenso fest wie an einem am „Buchstabenglauben“ orientierten Islamverständnis und trieben ihren Jungen und Mädchen schon in jungen Jahren aus, eigenständig zu denken – was sie zur leichten Beute jener „Kinderfänger“ mache, die einen radikalen Islam predigen. Eine offene Debatte in der muslimischen Welt, eine Erneuerung des Islam seien daher überfällig.
Und Mansour nennt die Versäumnisse auf deutscher Seite. Immer noch werde die Debatte als „Ihr“ (Muslime) gegen „uns“ (Deutsche) geführt – statt die Radikalisierung der jungen Generation als eine Herausforderung für alle zu verstehen: „[Die Generation Allah] sind deutsche Jugendliche, es ist unser aller Nachwuchs. Erst mit diesem klaren Blick schwinden die Berührungsängste diesen Jugendlichen gegenüber.“
Es gehe darum, dass man auf politischer Ebene nichts wissen wolle von der Gefahr, eine ganze Generation zu verlieren, und ihr lediglich ärgerliches, weil wenig nachhaltiges Flickwerk entgegensetze (und wenn es um all die schlecht organisierten „sozialen“ Projekte geht, die Mansour schon erleben musste, hat er dann doch Mühe, die Contenance zu wahren). Ein „Versagen auf ganzer Linie“ nennt es Mansour, und es überläuft einen kalt bei seiner nüchternen Schlussfolgerung: „Ich meine das nicht polemisch, sondern ganz realistisch.“
Seit Mansours Buch veröffentlicht wurde, hat sich natürlich einiges verändert, beispielsweise ist der IS, der auf Jugendliche so große Anziehungskraft ausübte, inzwischen weit zurückgedrängt.
„Generation Allah“ verliert deshalb aber keineswegs an Bedeutung. Das Problem der Abschottung von weiten Teilen der muslimischen Community, von Salafisten als „besseren Sozialarbeitern“, von Imamen, die etwa in der Türkei oder in Saudi-Arabien ausgebildet und in destabilisierender Mission nach Deutschland geschickt werden, von einem Staat, der Mittel und Möglichkeiten sicherlich hätte, aber beharrlich wegsieht – all dies, vom Autor klug und differenziert geschildert, bleibt ja bestehen. Und damit ein potentiell unerschöpfliches Reservoir an jungen Kämpferinnen und Kämpfern für den nächsten „heiligen“ Krieg.

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