erzählend, Junge Leser

Katherine Scholes: Sams Wal

Gestrandete Wale sterben. Sam weiß das auch. Schon oft hat er toten Walen Zähne aus den Kiefern gepult und sie als Trophäe bei seinen übrigen Schätzen gelagert.
Aber an diesem Tag ist es anders …
Der Wal, den Sam bei seinem morgendlichen Streifzug entdeckt , wie er reglos daliegt in der prallen Sonne, gerade über der Flutlinie – plötzlich hört er seinen Atem, ein tiefes, dumpfes Röcheln, und ein Schlag der mächtigen Schwanzflosse wirft ihn bäuchlings ins flache Wasser: „Sams Gedanken überschlugen sich … er lebt … er ist LEBENDIG!“
Das eine Wort, in Großbuchstaben, ändert alles. Sam sieht, was noch vor einem Moment nichts weiter war als begehrte Trophäe, plötzlich mit ganz anderen Augen.
Das wilde Tier vor ihm, dieser Bote aus einer anderen Welt – Sam versteht, dass es frei sein möchte, zurück will ins tiefe Wasser, weg vom scheuernden Sand und der schrecklichen Sonne. Aber Wale sind nun mal riesig groß und schwer. Und Sam ist ganz allein …
Zuerst einmal beschließt er, so etwas wie Erste Hilfe zu leisten für seinen gestrandeten Kameraden. Die stechende Sonne, das weiß er, setzt dem Pottwal schwer zu, also schaufelt er feuchten Seetang über den Rücken des Tiers und improvisiert einen Sonnenschutz aus Segeltuch und vier Pfosten. Aber auf die Dauer wird er seinen „Hai-Wal“, will er ihn retten, zurück ins Meer bringen müssen, irgendwie. Ihm fällt Angus Cowley ein, der junge Naturkundler und Biologe, in der Nachbarschaft zwar anerkannt für sein Wissen, aber eben auch misstrauisch beäugt: „Ein Sonderling, ein Fremder“.  Sam aber mag Angus und vertraut seinen Kenntnissen. Auf ein Stück Baumrinde kritzelt er eine Nachricht für ihn, und Lucy, Sams Hund, wird mit dieser improvisierten Botschaft im Halsband ins Dorf geschickt. Das gute Ende scheint absehbar – da taucht am Horizont der Kutter der Digger-Brüder auf.  Wie Sam sind auch diese beiden, berüchtigte Angeber und Großmäuler, häufig an den Stränden unterwegs auf der Suche nach wertvollen Trophäen, zum Beispiel Zähne, oder gleich ganze Kiefer, von Pottwalen …
Katherine Scholes komponiert ihr Bilderbuch mit beinahe aristotelischer Strenge: Ein Tag, ein Schauplatz, ein Spannungsbogen.
Diese Strenge lenkt allen Fokus darauf, wie elementar die Frage ist, um die es hier geht: Um das Verhältnis des Menschen zur Natur.
Die Natur ist bei Scholes eine Aufgabe. Vernachlässigen wir sie, kann sie nicht bestehen – für diese Botschaft steht der massige Leib am Strand.
Sam, der bald über sich hinauswachsen wird bei der Rettung „seines“ Wals, hört diese Botschaft nicht sofort. Die schiere Größe des Tiers und sein scharfes Gebiss bestaunt er zwar ausführlich, aber eine Sensation ist der vermeintlich tote Wal nicht. Gestrandete Meeresriesen gehören einfach dazu, wenn man am Meer lebt.
Dann aber wird das Atemgeräusch des Wals, das tiefe, laute Röcheln, zu seinem Weckruf. Der tote Riesenleib wird vom Ding zu etwas Beseeltem, zu Sams „Hai-Wal“.
Die Entschlossenheit des Jungen, „sein“ Tier zu retten, beeindruckt umso mehr, als ihn die Autorin eben auf kein kuschliges Kätzchen treffen lässt. Der Wal ist nicht niedlich, und zahm schon gar nicht. Er wirkt fremd auf Sam, fast unheimlich, eine wilde, ungeheuer kräftige Kreatur mit scharfen Zähnen und einem dunklen, starren Auge, das aus dem Sand heraufstarrt.
Die Rettungsaktion der jungen Hauptfigur wird also nicht nur, oder eigentlich gar nicht, von einem naiven „Der ist aber süß“-Mitleid vorangetrieben. Sam bewundert seinen „Hai-Wal“, sieht seine Schönheit und erkennt seine Majestät. Diese Sensibilität ist es, die ihn zur wahren Identifikationsfigur macht; und um derentwillen man ihm umso verzweifelter die Daumen hält beim Auftritt der fiesen Digger-Brüder mit ihren Fischmessern, und immer noch keine Spur von Angus Cowley.
Die Figur von Angus wiederum, sozusagen Scholes‘ deus ex machina, könnte ein erwachsener Sam sein. Anders als die übrigen erwachsenen Figuren, die skrupellose Diggers, kommt er nicht aus Profitgier an den Strand, sondern will, genauso wie Sam, helfen; und wie Sam beweist auch er tiefen Respekt für den gestrandeten Wal, wenn er ihn vorsichtig und fast „wie ein Arzt“ untersucht.
Und beide geben auch nicht auf, als die beiden Diggers, zum Wale-Retten zu faul, sich irgendwann verdrücken. Zu zweit stemmen sie das riesige Tier zurück in die Wellen, massieren es vorsichtig, um es zu lockern und zu beruhigen, schwimmen neben ihm her, um ihm den Weg aus der Bucht zu zeigen – und lassen ihn schließlich ziehen, als er diesen Weg gefunden hat: Eine weitere Botschaft der Autorin.
Quint Buchholz trägt mit seinen Bildern, deren schwarz-weißer Fotorealismus diesmal ganz ohne Kitsch auskommt, zur Ruhe und Klarheit der Handlung bei.

Katherine Scholes / Quint Buchholz: Sams Wal.
ISBN: 978-3-473-52039-8
4, 99 €
Ravensburger.

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