Debüts, englisch, erzählend

Kathryn Stockett: The Help

Der Sommer ist da, mein heimisches Kino zeigt „Feel Good Movies“. Mit dabei „The Help“, die Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Kathryn Stockett.
Interessant. „The Help“ spielt im US-Bundesstaat Mississippi, in den sechziger Jahren, und das war ganz sicher kein „Feel Good“. Das war „Whites only“-Schilder, Leichen, die an Bäumen hängen, Medgar Evers, der Schatten von Emmett Tills Ermordung, es dreht einem den Magen um vor Schock.
Wenn mein Kino das jetzt fürs Sommernachts-Programm auswählt, dann nicht deshalb, weil die jetzt alle übergelaufen wären zum Ku-Klux-Klan. Sie haben einfach recht: Der Film, und damit Stocketts Roman, schildert dieses brutale Kapitel US-Zeitgeschichte groteskerweise so, dass sich prima laue Sommernächte damit füllen lassen.
Denn Stockett will nicht schockieren. „The Help“ gibt weniger dem Entsetzen Raum als der Lebensart des Grand Old South. Da werden Caramel Cakes und peach cobbler gebacken, Okra-Schoten und Brathähnchen geschmort, dass man erst in Begleitung eines fetten Kuchenstücks eigener Wahl überhaupt weiterlesen möchte.
Schlecht gemacht ist das an keiner Stelle: Wann immer die eingebildete weiße Oberschicht der Bundeshauptstadt Jackson ihr Fett wegkriegt – bei die Schilderung des jährlichen Wohltätigkeitsballs beispielsweise, wo ein ahnungsloser Neuzugang mit offenherzigem, und auch noch pinkfarbenen, Abendkleid für den Skandal des Jahres sorgt („Bosoms [are] not for occasions with dignity!“ entsetzt sich eine ehrenwerte Lady; und ihr Ehemann grinst: „What do you want her do to? Leave them at home?“) – so ist das pure, und sehr vergnügliche, Gesellschaftssatire.
Ernster wird der Ton, wenn es um die weiße Hauptfigur Eugenia geht, die aus eben dieser biederen Oberschicht ausbrechen möchte (womit Stockett meiner Schwäche fürs Erzählmuster „Hässliches Entlein“ entgegenkommt): Sie will raus aus dem Süden, mehr als Weibchen und Ehefrau sein, nicht immer nur als „Skeeter“ wahrgenommen werden, die moskito-dünne Bohnenstange. Sie will schreiben, als Journalistin oder Autorin. Constantine, ihre geliebte schwarze Nanny, hätte das verstanden. Aber Constantine ist nicht mehr da, als Skeeter nach dem Uni-Abschluss zurück nach Hause kommt. Wo sie steckt – darüber wird eisern geschwiegen.
Die Sehnsucht nach Constantine, das Rätseln um ihr Verschwinden, der Wunsch, Schriftstellerin zu werden – Skeeter kommt auf eine kühne Idee: Sie beschließt, ein Buch darüber zu schreiben, wie es wirklich ist, als schwarzes Hausmädchen bei einer weißen Familie zu arbeiten. Wenn diese schwarzen Hausmädchen nur mit ihr reden würden …
Zwei dieser Hausmädchen lernen wir näher kennen. Stockett stellt nämlich ein Hauptfiguren-Trio vor: Nicht nur Skeeter meldet sich zu Wort, sondern auch Minny und Aibileen, die beide in weißen Haushalten arbeiten, als Nanny, Köchin und Putzhilfe in einem, sechs Tage die Woche, und nicht einmal den Mindestlohn gibt es dafür. Minny hat sechs Kinder und einen brutalen, ständig betrunkenen Ehemann. Als Ventil und Panzer gleichermaßen dienen ihr eine Leidenschaft fürs Kochen (Gelegenheit für Stockett, wie erwähnt in den Köstlichkeiten der Southern Cuisine zu schwelgen) und eine beißende Schlagfertigkeit, die sie schon so manchen Job gekostet hat.
Die viel ältere Aibileen ist zu dieser Härte der sanfte Gegenpol. Dem kleinen weißen Mädchen, das sie als Nanny zu betreuen hat, versucht sie mit viel Liebe und Geduld vor der Lieblosigkeit ihrer Eltern zu schützen.
Diese Dreistimmigkeit, zusammen mit dem black English vor allem von Aibileen, verleiht dem Roman einiges von seiner authentischen Wirkung. Streckenweise vergisst man tatsächlich, dass es hier ja nur eine Autorin gibt und wir nicht einfach die Berichte von drei Figuren hören, wie sie hier kapitelweise das Wort ergreifen.
Skeeters gewagtes Buchprojekt wird diese drei Charaktere zusammenbringen, so etwas wie Freundschaft entstehen lassen und sich als lebensrettend erweisen für alle drei – trotz aller Gräben, die Mississippis Gesetze zwischen Schwarz und Weiß aufgerichtet haben …

Nimmt Stockett das eigene Milieu, die braven weißen Bürger von Jackson, Mississippi, mit Herz und Humor auseinander, glaubt man ihr – nicht zuletzt, weil sie ja selbst von dort stammt.
Ihren Optimismus glaubt man ihr nicht. Denn es geht alles viel zu einfach. Der weiße Rassismus wird so ausschließlich von einer einzigen Figur verkörpert, Skeeters fieser und skrupelloser Schulfreundin, dass es stellenweise so wirkt, als ob nur diese eine Person besiegt werden müsste, um dem tief verwurzelten Rassismus einer ganzen Stadt (oder eines ganzen Landes) ein Ende zu machen. Als tief verwurzelt stellt Stockett das rassistische Denken aber ohnehin nicht dar. Vielmehr wird suggeriert, dass es Rassismus und Südstaatler-Engstirnigkeit nicht mehr lange machen werden: Skeeters Mutter, die fleischgewordene Verkörperung südstaatlicher Traditionen, erkrankt schon bald an Krebs. Gegen Ende der Handlung ist sie nur noch ein Schatten ihrer selbst. Der alte Süden, nicht mehr als ein Gespenst, gruselig irgendwie, aber eben auch schwach und harmlos.

Fürchtet euch also nicht, so scheint Stocketts Botschaft zu lauten, man muss nur miteinander reden und nett zueinander sein, dann werden sich auch diese verflixten Linien zwischen Schwarz und Weiß in Nichts auflösen. Linien, die es ohnehin nur in unserer Einbildung gibt, wie Aibileen einmal philosophiert.
Ich weiß nicht, ob man sich, als die Brutalität der Segregation ihren Höhepunkt erreichte, auf der schwarzen Seite des Geschehens erlauben konnte, so zu denken. Aber interessiert Stockett das?
Ihre schwarzen Hauptfiguren bleiben letzlich wieder nur Objekte, die errettet werden (oder zumindest in ihren Leben ein wenig verbessert) durch den Mut einer weißen Frau.
Im Nachwort erklärt sie augenzwinkernd, es werde so negativ über ihren Heimatstaat Mississippi berichtet, dass die Einheimischen darüber nur umso trotziger geworden seien: „The rash of negative accounts about Mississippi […] have made us natives a wary, defensive bunch.“ („Us natives“ – wen meint sie? Die Weißen?) Und im gleichen launigen Ton verbittet sie sich jede Kritik an ihrer Heimat von ahnungslosen Fremden: „Mississippi is like my mother. I am allowed to complain about her all I want, but God help the person who raises an ill word about her around me, unless she is their mother too.“

Kritik von außen gleich persönliche Beleidigung der eigenen „Familie“ – das ist zweifellos sehr geschickt und dürfte jede Debatte erfolgreich abwürgen. Wäre Stockett nur beim Aufbau ihres Handlungsgerüsts ähnlich klug und entwaffnend vorgegangen. „The Help“ wäre vielleicht mehr geworden als ein auf Verfilmung abonnierter „Feel Good“-Bestseller.

Kathryn Stockett: The Help.
ISBN-10: 0141039280
464 Seiten.
£8.99 (UK)
Penguin Books.

dt. Ausgabe „Gute Geister“ (btb): 9, 99

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