Übersicht, sachlich

Roberto Saviano: Gomorrha

https://www.dtv.de/_cover_media/450b/9783423345293.jpg?20160624220601Am besten stirbt man durch einen Schuss in den Kopf, erklärt der kleine Junge dem Journalisten. Dann ist nämlich alles vorbei, bumm, mit einem Schlag! Ins Herz, das ist nicht gut: „Da stirbst du doch erst nach zehn Minuten.“
Wo die Camorra das Sagen hat, in den armen Stadtteilen von Neapel zum Beispiel, gehört der gewaltsame Tod zum Alltag. Seit ich geboren bin, rechnet Saviano vor, also in 26 Jahren, haben 3600 Menschen in den Kriegen zwischen den Mafia-Clans das Leben verloren. Erschossen, erschlagen, verbrannt, erdrosselt. Mit dem Falschen Geschäfte gemacht. Mit dem Falschen geschlafen. Einen Querschläger abgekriegt. Saviano selbst ist noch am Leben, obwohl auch er seit der Veröffentlichung seines Debüts „Gomorrha“ auf den Todeslisten der Camorra steht und bis heute unter Polizeischutz leben muss. Was mit ihm passieren wird, sollte der italienische Staat unter Salvinis rechtspopulistischer Führung Ernst machen mit der Drohung, diesen Schutz nicht mehr länger finanzieren zu wollen, lässt sich nicht sicher sagen. Savianos Tod würde wohl nach wie vor gewaltige öffentliche Empörung auslösen, und es ist möglich, dass die Clan-Bosse dieses Risiko scheuen.
Es gibt sehr viel Literatur über das Organisierte Verbrechen. Was „Gomorrha“ auszeichnet, ist die Nähe des Autors zum Erzählten. Er stammt selbst aus Neapel, kennt sich aus, kam auf dem Schulweg an von Kugeln durchsiebten Leichen vorbei, hörte mutige Priester gegen Mafia und korrupten Staat predigen. Sein Vater arbeitete als Notarzt, behandelte einen Achtzehnjährigen, den ein Killer-Kommando angeschossen und liegengelassen hatte, rettete ihm das Leben, und dafür kamen die Killer nachts zu ihm und schlugen ihn krankenhausreif.
Zum Zündstoff wird „Gomorrha“ aber durch die Entscheidung des Autors, Klartext zu reden. Wo die Verbrechen stattgefunden haben, wo die illegalen Fabriken, Baustellen oder Müllkippen betrieben werden, wer gerade welchen Clan anführt, wer wen ermordet hat – alles wird hier beim Namen genannt. Also nicht „Boss P.“, sondern sein wirklicher Name, nicht „ein Vorort von Neapel“.
Für seine Recherchen hat sich Saviano, wo immer es ging, selbst ein Bild der Lage gemacht. Er war bei Prozessen gegen Bosse und bei Beerdigungen von Mordopfern dabei, stapfte selbst durch die illegalen Müllkippen, die den Boden halb Kampaniens verseuchen, hat auf den Baustellen der Clans mitgearbeitet und im Hafen von Neapel Schmuggelware von Schiffen entladen. Er war an Tatorten, bei den Leichen, hat Blut über die Straße sickern sehen und sich die Hand aufgeschnitten an zerschossenen Fensterscheiben. Einmal schleicht er sich in die leerstehende Protzvilla eines verhafteten Bosses und pinkelt triumphierend in die Marmorbadewanne.
Man muss das nicht mögen. Aber wer Savianos Journalismus der Extreme und sein wütendes Ich für einen befremdlichen formalen Fehlgriff hält (oder für verzeihliche Pose eines Jungautors), versteht den Autor falsch. Saviano weiß sehr genau, was er tut. Das eigentliche Unrecht, das die Clans begehen – und dies ist die zentrale Erkenntnis, die „Gomorrha“ für die Leserin bereithält – besteht darin, den Menschen in den von ihnen beherrschten Gebieten das Recht auf Selbstbestimmung zu nehmen. Du bist nicht du selbst. Du bist, wer die Clans dir erlauben zu sein. Denn sie befinden darüber, wer für wen welche Arbeit macht oder wer überhaupt Arbeit findet, wer Freund und wer Feind ist, ja sogar darüber, wer wann, und wie, stirbt.
Als ein Ich zu erzählen und zu wüten, den eigenen Namen in die Waagschale zu werfen, hat also mehr als symbolische Qualität, ist an und für sich schon Widerstand. Wo noch ein Individuum die eigenen, sehr persönlichen Emotionen offen zeigen und die eigene, unverwechselbare Stimme erheben kann gegen die anonym im Schatten operierenden Verbrecher, die den Profit höher veranschlagen als das Leben eines Menschen, da haben sie den Sieg noch nicht davongetragen. Daher die streng auf das erlebende, leidende, wütende Ich beschränkte Erzählperspektive. Daher die Recherchen vorrangig auf der Grundlage dessen, was ein Einzelner allein hören, sehen, riechen kann, daher die autobiografischen Elemente, die hilflose Empörung statt der eisernen Distanz. Das Ich wird zur Waffe, und trotzig lässt es Saviano im letzten Satz seine Kampfansage formulieren: „Ihr Dreckskerle, ich lebe noch!“ Madre di Dio, hoffentlich noch lange.

Roberto Saviano: Gomorrha. Reise ins Reich der Camorra.
Aus dem Italienischen von Friederike Hausmann und Rita Seuß.
ISBN: 978-3-423-34529-3
368 Seiten.
9,90 € [DE], EUR 10,20 € [A]
dtv

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