Übersicht, sachlich

Jan Gehl: Städte für Menschen

Stickoxid-Wolken, Motorenlärm, vier Spuren für Autos, ein Streifen Brösel-Asphalt für alle anderen – weltweit ist das in unseren Großstädten trostlose Realität.

Dass sich heute viele Metropolen zumindest um Veränderung bemühen und „autogerecht“ kein stadtplanerisches Zauberwort der Stunde mehr ist, haben wir auch Jan Gehl zu verdanken, einem dänischen Architekten. Dabei ist Gehl selbst noch ganz klassisch im Geist der fortschritts- (und auto-)gläubigen Moderne ausgebildet worden: Als er in den 1950er-Jahren Architektur studierte, entwarf und baute beispielsweise der große Oscar Niemeyer eine neue Hauptstadt für Brasilien, das kühne und futuristische Brasilia, hohe Gebäude, geschwungener Beton, riesige Freiflächen, und der Grundriss in Form eines gigantischen Flugzeugs – was aber natürlich nur erkennbar ist, wenn man selbst in einem Flugzeug sitzt und Brasilia aus schwindelnder Höhe bestaunen kann.

Aber was, fragt Gehl, hätten die Bewohner denn schon davon, dass ihre Stadt aus der Luft gut aussieht? Unten am Boden habe man schließlich andere Sorgen. Dort käme es auf freundliche, ruhige Straßen an statt auf kalten Beton und kahle Freiflächen, über die der Wind pfeift. Und auf eine entschlossene Reduzierung der Pkw-Dichte, wie in seiner Heimatstadt Kopenhagen. Dort war man schon Anfang der 1960er-Jahre so mutig, eine belebte Einkaufsstraße zur Fußgängerzone zu machen.

Wie eine Stadt die Wende schaffen kann, erklärt Gehl in „Städte für Menschen“. So ausführlich wie abwechslungsreich, und immer anhand von gut gewählten Beispielen, schildert er, wie eine Straße oder ein Platz gestaltet sein muss, damit Menschen sich dort wohlfühlen. Jahrelang haben er und sein Team dafür das Verhalten des gemeinen Stadtbewohners genau unter die Lupe genommen (sicher ein Anblick der skurrileren Sorte) und beispielsweise herausgefunden, dass in der Regel jede Form von Sitzgelegenheit – Poller, Pfosten, Fensterbretter – sofort besetzt ist, kleine Plätze bevölkerter sind als große und Menschen offenbar dazu neigen, sich Schutzräume zu schaffen:

An einer Bushaltestelle wird keiner der Wartenden lange einfach so im leeren Raum herumstehen wollen. Früher oder später lehnen sich immer alle irgendwo an.

Die Terrasse einer Kneipe in einem ansonsten ziemlich anonymen Bürogebäude wird erst durch ringsum platzierte Pflanzkübel zur Zuflucht und zieht Kundschaft an.

Und kaum je überquert offenbar jemand eine große, freie Fläche auf dem geraden Weg, mittendurch – sondern die meisten ziehen es vor, sich in den Schutz der umgebenden Hauswände zu begeben, auch wenn das einen längeren Weg bedeutet.

Nach einer Weile fühlt es sich für die Leserin an, als setze Gehl ihr eine magische Brille auf. Das Straßenbild vor der Haustür stellt sich plötzlich ganz anders dar und entfaltet ungeahntes Potenzial: Hier ist der Gehweg viel zu schmal, das Schild kapiert doch keiner, warum steht da eigentlich keine Bank, her mit den Bäumen! Am liebsten möchte man gleich selbst loslegen, Autos umleiten, Fassaden begrünen.

Gehls Team baut also nicht unbedingt neu, sondern berät Städte dabei, wie vorhandene Gebäude oder Flächen verändert und neu genutzt werden können. Menschen setzen sich gerne erstmal irgendwo hin – Gehl lässt straßentaugliche Sitzmöbel aufstellen, am besten zum Anlehnen. Menschen fühlen sich auf großen Plätzen exponiert – Gehl rät zu freundlichem Grün und einer Einteilung der riesigen Fläche in verschiedene Zonen, zum Gehen, Ausruhen, Spielen, gerne darf auch ein Brunnen irgendwo sprudeln. Menschen mögen Variation und fließende Übergänge – Gehl plant Straßen mit verschiedenen Bereichen, wie etwa in Shanghai, wo aus vier Spuren für Pkws zwei geworden sind, die übrigen beiden nutzen Fußgänger und Fahrradfahrer, und Platz für Bäume und Blumen bleibt auch noch.

Hat man es richtig gemacht, erklärt Gehl, merkt man das daran, dass plötzlich Kinder und Rentner im Stadtbild auftauchen.

Von namhaften Kollegen ist Gehls Neigung zum Grünen, Freundlichen, Sanften bisweilen als Verniedlichung verspottet worden und sein Zorn über architektonischen Kunstwillen als Unverstand. So ganz von der Hand zu weisen ist das nicht. Wo LeCorbusier oder Niemeyer Visionen hatten, vom Brasilia-Fiasko einmal abgesehen, wirkt Gehl stellenweise allzu rückwärtsgewandt, als wolle er nichts lieber, als uns alle möglichst schnell zurück ins gemächliche Mittelalter zu beamen, verwinkelte Gassen, Terrakotta, Schritttempo statt km/h.

Aber wo es pragmatische Lösungen braucht, ist Gehls niedrigschwelliger, humanistischer Ansatz derzeit offenbar kaum zu toppen. Natürlich auch deshalb, weil er großen Wert auf saubere Luft und nachhaltige Entwicklung legt.

Und können die Einwohner von Melbourne und Kopenhagen sich irren? In beiden war Gehl mit seinem Team zugange. Und beide gelten als die lebenswertesten Städte der Welt.

Jan Gehl: Städte für Menschen.
ISBN 978-3-86859-356-3
304 Seiten.
32, 00 Euro.
Jovis Verlag

Werbung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..