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Ich hänge mir ein Moodboard in die Wohnung

Ich will endlich ernst machen mit der Verwirklichung meiner Kreativität, vielleicht sogar so, dass es zum Leben reicht. Ein inspirierendes Umfeld ist da das A und O. Mit dem weiten Blick vom Balkon auf melancholisch graue Häusermeere, dem Vintage-Sofa für schöpferische Pausen oder fairem Kaffee aus Fifties-Bechern kann ich leider nicht dienen. Aber in einem hinreichend hippen Stadtteil wohne ich schon mal, und ein zentrales Kreativ-Tool dürfte auch in meinen dreieinhalb Wänden möglich sein: Das Moodboard.

Moodboard ist überhaupt das Zauberwort dieser Tage. Pinnwände, brauner Kork, von Ikea: Das war einmal. Heute nutzen sie alle ihr Moodboard stattdessen, Innenraum-Gestalter, Food-Stylisten, Brautschmuck-Blogger, und können nicht mehr ohne.

An einem Moodboard wird man zerfranste Fresszettel à la „Altglas raus (!!) “ vergeblich suchen. Keine primärfarbenen Reißzwecken, sondern Vintage-Magneten aus südfranzösischen Eisenwaren-Manufakturen halten die gesammelten, den Moodboard-Nutzer inspirierenden Eindrücke fest: verwaschene Aufnahmen von Sonnenaufgängen in südlichen Häfen, Visitenkarten von Whisky-Bars, eine Länge Klöppelspitze vom letzten Nachtflohmarkt.

Eine Sichtung meiner gesammelten inspirierenden Eindrücke ergibt immerhin das Foto eines filigranen Gartenkrauts in Sepia-Optik und eine Postkarte aus New York (da war ich zwar nicht selber, sondern vor gut zehn Jahren meine Eltern, aber das weiß die Kreativität ja nicht) und außerdem entdecke ich triumphierend eine Kunstpostkarte, die einen japanischen Holzschnitt zeigt, Geisha unter Kirschblüte zur Edo-Zeit. Prima.

Ein Problem ist natürlich, dass es streng genommen ordentlich Platz für ein Moodboard braucht. Der Gedanke ist ja, davor locker auf- und abzugehen, damit sich das Hirn in die gewünscht kreativen Falten legen kann. In meiner kleinen Wohnung muss ich das wohl irgendwie anders machen.

Aber zunächst wage ich mich an Schritt eins: Alte Pinnwand abräumen, neue weiße Magnettafel, in weiser Voraussicht vor ein paar Tagen erworben, stattdessen an die Wand dübeln.

Mein Mann ist nicht zu Hause, umso besser. Er wäre nicht damit einverstanden, wie ich mir jetzt seine Bohrmaschine schnappe und in seinem Werkzeugkasten nach Dübeln und Schrauben wühle.

Er wäre auch nicht damit einverstanden, wenn ich eine elektrische Leitung in der Wand erwische, denke ich plötzlich und lasse mir betroffen die Bohrmaschine auf die Füße fallen. Was, wenn ich unser Mietshaus in Dunkelheit stürze und vom Internet abtrenne mit meinen Moodboard-Ambitionen? Ich sehe all die anderen Wohnungen vor mir, voller verzweifelter Mieter ohne WLAN, die sich zitternd vor Kälte um Teelichter drängen. Zwei Wohnungen noch auf meinem Stockwerk, drei im zweiten und wieder drei im ersten Stock, und eine Wohnung liegt im Erdgeschoss, wo der betagte Hausmeister, Walross-Bart, grüne Clogs, kopfschüttelnd über seine Handvoll Hipster-Mieter residiert, Sie werden staunen, höre ich ihn rufen wie damals bei meinem Einzug, so viele Ein- und Umzüge, das reinste Bienenhaus ist das hier, und ich dreißig Jahre in der gleichen Wohnung, nennen Sie mich Methusalem.
Bienenhaus. Das ist doch falsch? Sicher hat er Taubenschlag sagen wollen …

Mein Hirn legt sich in dunkle, skeptische Falten. Langsam fahre ich mit den Fingern über meine Postkarten-Auswahl und fühle die Dunkelheit mir ins Blut sickern, Tropfen für schwarzer Tropfen. Ich werfe einen Blick zum Fenster, zum Wohnblock gegenüber, nachts sind alle hippen Viertel grau, und überall Moodboards und Kaffee aus fairer Röstung.

Tränen steigen mir in die Augen und tropfen auf die Dübel, die Schrauben, die Bohrmaschine, meine inspirierenden Eindrücke.

Gepolter bei der Haustür schreckt mich auf: Mein Mann kommt heim, schüttelt sich die Schuhe von den Füßen, stockt, als er mich gekrümmt auf dem einzigen Wohnzimmerstuhl kauern sieht, die Bohrmaschine in den Armen wiegend.

„Alles ok mit deiner neuen Pinnwand?“

„Nicht Pinnwand“, flüstere ich. „Moodboard. Pinnwände – das war einmal…“

 

 

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