Übersicht, englisch, erzählend

Ian McEwan: Sweet Tooth

Der Spionage-Roman „Sweet Tooth“ nimmt die Aktivitäten des MI5 im England der 1970er-Jahre in den Blick und zerlegt die ganze Institution mitsamt ihren eifrigen Agenten genüsslich in ihre kleingeistigen, feigen, frauenfeindlichen Einzelteile.
Leider geht es McEwan aber nicht nur um die Entzauberung von Geheimdienst-Klischees. Er hat noch ein anderes, oder besser, eigentliches, Thema, wie in seinem zu Recht gefeierten Roman „Atonement“ auch: Die Wirkungsmacht der Literatur.

Und genau auf dieser, sagen wir, Meta-Ebene gewinnen stereotype Muster – Mann als ordnende Kraft, Frau als naive Streberin – doch wieder die Oberhand. Das ist schade, interessiert doch „Sweet Tooth“ gerade deshalb, weil der Roman zunächst regelrecht feministisch daherkommt.

Im England der 1970er-Jahre – verglichen mit den „Swinging Sixties“ ein trostloses, von Streiks und IRA-Bombenterror geplagtes Jahrzehnt – will Serena, die weibliche Hauptfigur und Ich-Erzählerin, nach der Schule vier Jahre lang Literatur studieren, an irgendeiner netten Kleinstadt-Uni. Aber ganz überraschend legt die Mutter ihr Veto ein: Serenas tatsächliche Begabung sei schließlich die Mathematik. Deine Pflicht als Frau ist es, dieses überragende Talent zu nutzen, sagt die Mutter, sonst endest du nicht anders als ich, belesen, aber trotzdem nur Hausfrau. Serena gibt nach und geht, ziemlich lustlos, nach Cambridge. Dort hat sie eine Affäre mit einem älteren Professor. Und dieser wiederum sieht in ihrem eigenartigen Interessen-Doppel – analytisches Denken und Lese-Leidenschaft – einiges Potenzial und macht sie in einem langen, idyllischen Liebes-Sommer fit für ein Bewerbungsgespräch beim MI5.

So wird Serena Teil jener geheimen Maschinerie, die in den 1970er-Jahren versuchte, es in Sachen Kommunismus-Bekämpfung dem beneideten großen Bruder USA gleichzutun.

McEwans Kritik am MI5 und an der kurzsichtigen Schwarz-Weiß-Politik jener Zeit nimmt sich die damals selbstverständliche Geringschätzung von Frauen zum Ausgangspunkt. So ist Serena beim Geheimdienst kaum mehr als eine Sekretärin, unendlich viel schlechter bezahlt und mit sehr viel begrenzteren Karrierechancen als ihre männlichen Kollegen. Ihren ersten großen Auftrag, die titelgebende Geheimoperation „Sweet Tooth“, erteilt ihr eine amüsierte Männerrunde, die sichtlich ungern der Versuchung widersteht, ihre Rolle darin mit „Lockvogel“ („honey trap“) zu umschreiben.

Aber ist ja auch egal: Serena will schließlich auch endlich ihren Teil fürs Vaterland leisten. Und das ermöglicht ihr Sweet Tooth: Ziel dieser Operation ist es, aus Schriftstellern, die dem kommunistischen Gesellschaftsentwurf eher kritisch gegenüberstehen, Propaganda-Instrumente für den Geheimdienst zu formen – per diskreter Finanzierung ihrer Tätigkeit, unter dem Deckmantel einer gemeinnützigen, kunstfördernden Stiftung. Denn wüssten die Autoren über ihre wahren Geldgeber Bescheid, hielten sie, so warnen Serenas Vorgesetzte, erheitert ob der Empfindlichkeiten der Künstlerseele, womöglich ihre künstlerische Unabhängigkeit für gefährdet und könnten ablehnen.

Von den Geschichten des jungen Autors Tom Haley, den sie auf die Gehaltsliste des MI5 setzen soll, ist Serena sofort fasziniert, und bald ist sie auch restlos fasziniert vom Autor selbst. Und es dauert nicht lange, bis er ihre Liebe erwidert. Die beiden beginnen eine leidenschaftliche Affäre, die aber natürlich von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist – Serena kann Tom nicht die Wahrheit darüber sagen, was sie eigentlich zu ihm geführt hat. Sie beginnt ein Verwirr- und Versteckspiel, das nicht gut ausgehen kann.

Als die Katastrophe dann eintrifft, zaubert McEwan sein As aus dem Ärmel, um die Zukunft des jungen Paars zu retten: Die friedensstiftende Kraft der Literatur, die darin besteht, unser aller Einfühlungsvermögen zu wecken.
Mutig – aber so ganz gelungen kann ich diese Zauberei dann doch nicht finden. Denn für diesen Zauber muss der Autor seinen Feminismus dann doch wieder einkassieren (falls es überhaupt je so gemeint war).

Sicher, das Liebespaar scheint zunächst gegen alle Stereotypen besetzt: Sie die Analytische, er der empfindsame Künstler. Traditionell „männliche“ Eigenschaften für den weiblichen, klassisch „weibliche“ für den männlichen Part. Aber so sehr Tom, der Empfindsame, auch die Literatur liebt, er bleibt doch der Überlegene, das Ziel (Schriftsteller!) klar vor Augen, sehr viel mehr mit sich im Reinen als Serena, das brave Mädchen aus gutem Haus, die alles nur zu tun scheint, weil sie auf Lob und Anerkennung ihrer Vorgesetzten aus ist.

Nach dem Scheitern der Beziehung ist es denn auch Tom, der die Sache in die Hand nimmt. In einem langen Brief erklärt er Serena, dass er einen Roman über die gemeinsame Zeit geschrieben habe, um seinen Liebeskummer zu bewältigen – um der besseren Wirkung willen aus Serenas Sicht. Und die Recherche zu diesem Roman, die Spurensuche in Serenas Leben, die Gespräche mit ihrer Familie, ihren ehemaligen Liebhabern, ihren Freunden, habe ihn nicht unberührt gelassen: Die Welt mit ihren Augen zu sehen, habe bewirkt, dass er sie nun erneut, und umso mehr, lieben könne.
Wenn du unserer Liebe eine zweite Chance geben willst, so schreibt ihr Tom, dann lass diesen Brief das letzte Kapitel meines Romans sein, und hilf mir, die Lücken zu füllen, die ich nicht recherchieren konnte. Und irgendwann, sobald die Geheimhaltungsklausel des MI5 nicht mehr greift, können wir unseren Roman gemeinsam veröffentlichen.

Und als Leserin begreift man: „Sweet Tooth“ soll so gelesen werden, als wäre es dieses nach Jahrzehnten erst veröffentlichte Gemeinschaftswerk der beiden jungen Protagonisten. Und das letzte Kapitel ist tatsächlich Haleys Brief, Serena hat also seinem Vorschlag zugestimmt, seine Liebe erwidert. Ein Roman als Liebesbeweis, und als Beweis für die Wirkungsmacht des Literarischen – kann es einen hübscheren, charmanteren Kunstgriff geben?

Nun ja. Natürlich hat McEwan Recht, wenn er dem Datenklau der Geheimdienste, der darauf abzielt, Existenzen zu zerstören, die literarische Recherche entgegensetzt, der es um den Wechsel der Perspektive, um Verständnis und Empathie geht. Aber Verstehen und Einfühlen sind nicht unbedingt mit Liebe gleichzusetzen. Und fördert es die Liebe, wenn das Ich-Du so gänzlich aufgehoben ist, wenn es das Andere nicht mehr gibt vor lauter Einfühlen, Nachspüren, Recherche-Arbeit? McEwan bleibt die Antwort schuldig. Er behauptet einfach, dass es zwischen Tom und Serena so funktioniert.

Behauptung bleibt letztlich auch das „gemeinsame“ Romanwerk der beiden. Denn natürlich wissen wir nicht genau, welchen Beitrag Serena dazu geleistet haben soll. Wir wissen nur, dass das letzte Kapitel von Tom stammt. Seine Stimme ist deutlich zu hören, hat das letzte Wort – ihre dagegen verhallt. Was man bis zuletzt als ihre Stimme zu hören meinte, war sie vielleicht gar nicht unbedingt, schließlich ist ja Toms Mit-Autorenschaft noch zu berücksichtigen.

Frauen und literarische Kunst, das hat also zumindest in diesem Roman von McEwan viel mit Passivität und wenig mit eigenem Denken und Schaffen zu tun (Serenas schräge Kollegin und zeitweise beste Freundin, mit ihren Schriftsteller-Ambitionen, ändert daran auch nicht viel). Die Frauen-Rolle erschöpft sich in der naiven Rezeption – darin, wie Hauptfigur Serena einfach das zu lesen, „was ihnen gefällt“, ohne die ordnende Kraft des Schreibens zu erkennen, geschweige denn zu nutzen. Männer dagegen sind die aktiven Produzenten von Text, den sie bei Bedarf aus wacher Distanz betrachten können wie ein nützliches Werkzeug (Tom über eine seiner Geschichten: „It’s the length I wanted. About fifteen thousand words“, und Serena, verblüfft: „I had never heard fiction quantified in that technical way“). Das geschriebene Wort dient ihnen dazu, zu ordnen, die Welt wieder ins Lot zu bringen – den Frauen fällt es lediglich zu, sich in dieser geordneten Welt zurechtzufinden. Wo es also ums eigentliche Thema geht – der kreativen Kraft von Literatur und ihrer Wirkung – läuft der Feminismus von „Sweet Tooth“ ins Leere.

Ian McEwan: Sweet Tooth.
ISBN-10: 0224097377
ISBN-13: 978-0224097376
336 Seiten.
Verlag Jonathan Cape, London.
Engl. Ausgabe über Ihr-wisst-schon-welchen-nützlichen-aber-ausbeuterischen Versand für ca. 7 Euro.

 

3 Gedanken zu „Ian McEwan: Sweet Tooth“

  1. ich habe die Rezension mal nicht ganz zuende gelesen, da ich doch das Gefühl hatte, mir würde zu viel verraten und ich das Buch schon lange lange im Fokus habe… 😉
    Ihre Rolle, die du in der Beziehung zu dem Autor als die unterlegendere bezeichnest, da sie eben nicht so selbstsicher und gefestigt ist… Nun, wenn ich die Rezension lese muss ich sagen, ich finde das klingt gar nicht dramatisch. Welcher Protagonist ist schon mit sich im Reinen? Sowas ist glaube ich gar nicht zu schreiben. Demnach wirkt es so, als sei sie eine starke Frau, die allerdings durch ihre Umgebung zu einer unselbstsicheren gemacht wird… Problematisch wäre vllt, wenn sie so naiv ist, dass sie nicht aus eigenem Antrieb heraus selbstständig sein will, sondern nur um die nächste Rolle zu erfüllen…
    Doch letztlich wäre doch auch nur das real? Und es ist doch schon enorm wichtig, auch genau diese Seite in der Literatur zu zeigen, damit es offensichtlich wird…

    Aber das sind eben nur die Gedanken eines Ian McEwans lesers, der dieses Buch noch nicht gelesen hat^^

    Liebe Grüße!

    Gefällt mir

    1. Wow langer Kommentar! Großartig. Scheint ja leider gerade auszusterben …
      Dann hoffe ich, nicht zu viel verraten zu haben. GIb mir gerne Rückmeldung, wie dir der Roman gefallen hat – besonders im Hinblick auf Männer-/Frauenrollen … da wäre ich gespannt, wie du das empfindest.
      Viele Grüße, die Flocke

      Gefällt mir

      1. Auf anderen Netzwerken stimmt das wsl… Wobei ich den Austausch auf WordPress angenehm ausfühlich empfinde^^
        Hach, es wird wohl noch dauern… Wenn ich ihn aber lese, werde ich definitiv diesen Artikel nochmal aufsuchen, zuende lesen und es dich wissen lassen 😉

        Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.