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Ein Mädchen gewinnt ein Wettrennen

Die China-Imbisse in unserer Fußgängerzone à la „Thao’s Box“ bieten alle denselben Fraß an, in klebrigem Fett frittierte Frühlingsrollen, zähes Fleisch, bleiches Gemüse. Aber momentan esse ich da trotzdem und meide den deutlich gehobeneren „Goldenen Drachen“ mit seinen duftenden Takeaways. Ich kann nicht anders. Es liegt an dieser Geschichte, die mir meine Mutter neulich erzählt hat.

Eine gute Freundin meiner Mutter stammt aus China und kocht unglaublich gut. Die von ihr zubereiteten Gerichte definieren „Geschmackserlebnis“ neu. So zu kochen, muss man von klein auf lernen, sonst kriegt man das nie richtig hin.

Doch als kleines Mädchen, erzählte meine Mutter, habe ihre Freundin mitnichten Köchin werden wollen, sondern ausgerechnet Profi-Sportlerin. Sprinterin, Läuferin.
Ich war nie sportlich, und Sportler-Ambitionen sind mir fremd. Ich stelle mir das so vor, dass dir als Läufer ein Funke von den Füßen ins Gehirn schießt. Dass dich ein perfektes Zusammenspiel von Gelenk, Muskel, Knochen weit in eine sich öffnende Landschaft trägt.

Das Problem mit diesem Sportler-Lebenstraum war natürlich, dass die Freundin meiner Mutter ihn als Mädchen träumte und Mädchen im ländlichen China nichts für sich zu erträumen hatten. Es ging dabei weniger um das Laufen an sich. Auch bei einer außerordentlichen mathematischen Begabung, künstlerischem Talent oder überragendem Sprachgefühl wäre von gezielter Förderung keine Rede gewesen.

Und natürlich unternahm ihr gesamtes Umfeld, Großfamilie, Bekannte, Lehrer, jede Anstrengung, diese aus rätselhaften Gründen an ein Mädchen verschwendete Himmelsgabe zu unterdrücken und niemanden damit zu kränken. Bei allen Wettrennen, die bei Familienfeiern, in der Nachbarschaft oder in der Schule veranstaltet wurden, gehörte es dazu, sie zuvor zur Seite zu nehmen und ihr eindringlich ihre Pflicht vor Augen zu führen, so langsam zu rennen wie die anderen Mädchen auch. Und Schuljahr um Schuljahr und Familienfeier um Familienfeier nahm sie die Pflicht, zu verlieren, gewissenhaft auf sich.

Vielleicht trat sie auch zu dem Rennen, das ihr letztes sein sollte, zunächst so pflichtbewusst an wie immer.

Ich war nie sportlich. Ich weiß nicht, wie das ist, wenn dir ein Funke von den Füßen ins Gehirn schießt. Wenn deine Muskeln dir die Botschaft schicken, dass der Sieg dir gehören wird. Wenn sich nach Jahren imaginärer Steine im Schuh, vorgetäuschter Hustenanfälle, bewusst gedrosselter Geschwindigkeit ein Schalter umlegt, und du plötzlich nicht anders kannst, als allen davonzurennen, als das, was du bist, ein lässiger Profi unter keuchenden Laien.

Ich stelle mir vor, dass sie einfach älter war inzwischen und weniger Angst vor den Erwachsenen hatte. Ich stelle mir vor, dass die Begabung allein ihr das Gefühl gab, geschützt zu sein, vom Himmel berührt, unangreifbar.

Aber niemand von uns ist unangreifbar.

Nachdem sie gefühlte Minuten vor allen anderen locker ins Ziel gestürmt war, riss man sie umgehend zu Boden, schleifte sie weit weg, um ihren Anblick allen Anwesenden zu ersparen, und schlug sie weitab von der Aufregung des Rennens und von den verwirrten Zuschauern so lange mit schweren Schuhen und Knüppeln, bis man davon ausgehen konnte, dass ihren Beinen ausreichend Schaden entstanden und somit der Funke zerstampft war. Letztlich erschien es allen am besten so. Vielleicht ihr selbst fast auch. Es ist schließlich hart, immer allen unheimlich und eine Sorge zu sein.

Ich gebe zu: Den ersten Teil der Geschichte, das mit dem Läufer-Traum und den absichtlich verlorenen Rennen, kannte ich schon früher. Was mir meine Mutter neulich erzählt hat, ist der zweite Teil.

Wieso ausgerechnet mir? Sie müsste doch wissen, dass es mich zartes Birnchen, mit den entsprechenden Bildern im Kopf, nicht tröstet, dass ihre Freundin wenigstens rausgekommen ist, ans andere Ende der Welt, weg von den Stiefeln und den Knüppeln.
Sie müsste wissen, dass mir Geschichten dieser Art so schwer im Magen liegen wie das Mittagsmenü „Peking“ für vier Euro achtzig bei „Thao’s Box“.

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