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Mein leeres Zimmer

Aus meiner möblierten Wohnung über der Tankstelle bin ich ausgezogen. Zwar fehlt mir der Geruch nach Benzin, aber langfristig ist echter Holzboden unabdingbar für mich, daher die Entscheidung für diese Neubau-Wohnung am Stadtrand. Die Miete ist hoch, aber ich gebe ja wenig aus. Viele junge Familien wohnen hier mit kleinen Kindern. Dann bin ich wohl der Kinderschreck. 

Tagsüber lege ich mich auf den Boden, öffne alle Poren für den wunderbaren Holzduft, schließe die Augen und konzentriere mich.

Heute kann ich den Wald sofort vor mir sehen. Tannenzweige, Tautropfen. Die Stille. Die Symmetrie eines Blatts. Weiches, feuchtes Moos unter den Fingerkuppen, wie es sachte nachgibt.

Ich höre Schritte und dann ein Räuspern. Arne wollte mich besuchen kommen. Du liebes bisschen.

Arne bringt Blumen für mich, und ich trage sie pflichtbewusst in die Küche, als wäre da eine Vase. Ich lasse Wasser ins Waschbecken laufen und stopfe den Strauß mit seinen grellen Farben erstmal da rein, wo sie ja sicher frisch bleiben, bis mir etwas anderes einfällt. Wie, zum Beispiel, sie einfach rauszuwerfen, sobald ich Arne losgeworden bin.

Das wird aber bestimmt nicht leicht. Arne ist so einer. Ich mag ihn ja, aber auch er lässt mich einfach nicht in Ruhe. „Die Tür war offen,“ begrüßt er mich. „Ach, die Handbreit,“ wehre ich ab.
„Nichts da. Offen. Ziemlich weit.“
„Ja, ja.“
„Lüftest du?“
„Nicht direkt -„
„Wäre ja auch zu kalt, so ganz ohne was an.“
„In voller Montur kann ich doch meinem Wald nicht nachspüren!“
„Ich hole dir jetzt einen Bademantel, und dann kochen wir uns Kaffee.“

Als wir dann schweigend auf dem Boden sitzen mit dem Kaffee und uns meine Tasse hin- und herreichen, fühlt sich die Stille nicht so gut an, und das will ich nun auch nicht, wo doch Arne extra hergekommen ist. Ich rufe die Kenntnisse aus meiner Gesprächstherapie ab. Unangenehmes Schweigen resultiert a) aus Ungesagtem oder b) aus fehlender Klarheit der Beteiligten über die Situation.

Was wohl irgendwie bedeutet, dass ich c) einen Gesprächsbeitrag leisten muss, auch auf die Gefahr hin, dass sich Arne d) dazu entscheidet, wieder aufzubrechen. „Wann warst du zum letzten Mal in einem Wald?“ frage ich also und bin fast ein bisschen stolz, so schlecht finde ich die Frage gar nicht.
„Müsste ich überlegen.“
„Das weißt du nicht?“
„Himmel, Lara. Bei mir um die Ecke ist der Stadtpark. Rasen, Ententeich, Minigolf. Grüner wird’s nicht.“
„Kein Baum ist da, gar nichts?“
„Bäume, möglich, aber Wald nicht. Nada. Niente.
„Wie furchtbar!“
„Ich komm drüber weg.“
„Aber das geht nicht, wir müssen dich in Kontakt mit Bäumen bringen, lass mich dir-„
„Lara.“ Arne stellt die Tasse auf den Boden. „Müssen wir uns Sorgen um dich machen?“

Das machen sie immer, alle. Immer stoßen sie dieses Fenster auf. Immer kommt da diese kalte Luft rein.

Ich flüstere. „Geld ist da.“

„Hast du jetzt ein Bett?“ Kalt, so kalt. Der Bademantel ist der falsche, ich brauche den grünen, Arne weiß das nicht-

„Lara? Schläfst du immer noch draußen?“

Ich müsste jetzt sagen, ja was eigentlich, irgendwas, e), Begründung, Motivation, Selbstwahrnehmung, aber mein Kopf schwimmt, nichts fällt mir ein.

„Verdammt, Lara. Lara, es ist Ende November. Winter. Minusgrade.“

Plötzlich sitzt mir ein Knoten tief im Hals. Ich würge. Ich renne weg aus der eisigen Zugluft und ins Bad. Ich übergebe mich in die Badewanne, würge und würge, und dann hört es plötzlich auf.

Arne hat meine Matratze, die noch nach dem Plastik riecht, in das sie im Laden eingewickelt war, ins Wohnzimmer geholt für uns zum Draufsitzen. Er sieht müde und irgendwie wütend aus und ist weiß im Gesicht. Mir geht es aber eigentlich wieder ganz gut. Arne hat den Kaffee weggeschüttet, und in meiner Tasse ist jetzt Tee. Offenbar hatte ich doch noch welchen. 

„Wenn du ein Baum wärst, Arne,“ sage ich und muss fast lachen, „dann wärst du eine Birke.“

„So, so.“

„Naja, die Rinde ist ganz hell, und sie können sehr groß werden, und sie wachsen so schön, ganz gerade, und das Holz ist – „

„Lara – „

Für einen Moment ist es ganz still, dann stemmt sich Arne von der Matratze hoch. „Ich geh dann mal besser. Nächste Woche um die gleiche Zeit?“

„Sicher? Ich bin doch nur der einsame Kinderschreck.“

„Lara. Ganz sicher.“

Dann bin ich wieder allein in meinem leeren Zimmer, wo es nur den Holzboden gibt und mich, eine Tasse, in der ein Schluck Tee kalt wird, und eine Matratze, auf der ich nie schlafe.

Plötzlich ist das Fenster wieder in der Wand hinter mir. Ich weine, ich werfe mich auf den Boden und bete, dass ich in meinem Wald sein werde, auf weichem Moos unter sanften Zweigen, bevor der nächste Strom eisiger Luft das Fenster weit aufreißt, bevor der Fensterflügel heftig gegen die Wand klirrt, bevor die Zugluft mich erreicht.  

 

 

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