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Ich spüle ein Messer

Als wir neulich Geld hatten, haben wir uns drei noble Küchenmesser geleistet. Ein kleines, eins  mittel und eins ganz groß. Und wenn ich für ein nettes Vorfrühlings-Caprese sachte Tomaten und einen mürben Mozzarella zerteile mit dem ganz großen Messer, so perfekt ausbalanciert, weiß ich einfach ganz genau, dass es jeden Cent wert war.

Dass man die teuren Dinger immer von Hand spülen muss, nervt allerdings trotzdem. Emsig schrubbe ich die teure Klinge, und wie bei Hausarbeit eigentlich immer legt sich mein Gehirn in kuriose Falten.

Ich denke daran, dass neulich Napoleons Todestag war, und dass Napoleon die Gnade der Geschwindigkeit kapiert hatte, wenn du gewinnen willst, nicht lange rumtrödeln, macht sie platt. Und wie er nachts einem alten Offizier der Gegenseite über den Weg lief, der ihn nicht als Feind erkannte im Dunkeln, und wie der Alte jammerte: Wir haben ja keine Chance mehr, seit sich da dieser junge Wilde herumtreibt, taucht aus dem Nichts auf und verschwindet dann spurlos, keinen Respekt vor den Regeln, hach, die Jugend von heute, schönen Abend noch, Kamerad. Und Napoleon, grinsend (so stelle ich mir das vor): Ach ja, Ihnen auch.

Auch die US-Army kapierte das mit der Geschwindigkeit nicht, damals am Monte Cassino, für Monate saßen sie fest in Süditalien, monatelang tief in der Hölle. In Süditalien war auch irgendwo ein Schulkamerad von meinem Opa stationiert, den die Partisanen schon erschießen wollten, aber eine Frau schrie aus einem Fenster, jetzt lasst doch den, der ist so jung.

Ich wiege unser neues Messer in der Hand und denke daran, dass sie auch Crazy Horse Napoleon nannten, den jungen Sioux-Anführer, der verzweifelt den Kampf gegen die junge USA noch einmal aufnahm. Und die alten Häuptlinge, wie sie resigniert in der Reservation vor ihren zugigen Holzhütten hockten, und der junge Crazy Horse – verrückt heißt das nicht, sondern besessen, aber von guten Geistern, magisch, überirdisch – wie er irgendwann alleine loszog, weil von den alten Legenden nichts mehr zu erhoffen war.
Geronimo, das war auch so ein Feldherr … 36 seiner Apache-Krieger waren es am Schluss, die sich schließlich doch den Weißen ergaben, und wie diese Weißen staunten, weil sie bei den zähen Guerrilla-Kämpfen der letzten Wochen doch ein paar Gegner mehr erwartet hatten, vielleicht nicht gleich ein paar Hundert, ok, aber doch mehr als die zerzauste Handvoll da …

Geronimo, war das der, der sich mit seinem Messer aus dem Zelt schnitt, wo sie ihn gefangen hielten? Nein, Cochise, so hieß er …

Gut fühlt sich das Messer in meiner Hand an, snug nennt es Seamus Heaney, der über seine Vorfahren dichtet, die irischen Torfstecher: Ich schreibe über sie, und der Stift liegt mir in der Hand wie eine Waffe, snug as a gun. Schreiben, dichten. Kämpfen. Als „Tiger & Dragon“ damals rauskam, bin ich vor Begeisterung fast gestorben auf meinem Kino-Klappsitz. Der finale Zweikampf in der ersten Folge von „The Witcher“, das Zorro-Fechten in „The Princess Bride“, die Schlägerei im Hochhausflur in „Oldboy“.

Sachte fahre ich mit den Fingerspitzen über die sauber gescheuerte Klinge und wünsche mir fast, das teure Messer gekonnt in weitem Bogen von mir schleudern zu können, und whooosh, bliebe es mit einem coolen Seufzer zitternd in der Wand stecken wie im Film.

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