Übersicht

Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex

Fallen, fallen. Despentes erzählt in ihrem neuen Roman, für den bis vor Kurzem noch ganz Frankreich Kopf stand, vom allmählichen Sturz ins Bodenlose, vom Scheitern im Beruf in die soziale Schieflage, von der Schieflage in die Armut, von der Armut auf die Straße.

Mit Abgründen kennt sich Despentes aus. Wer sonst ließe sich auch im Motörhead-T-Shirt fürs Autorenfoto ablichten? Immerhin ist das die Autorin, die mit „Baise-moi“ berühmt wurde. „Baise-moi“ – das ist mit „Fick mich“ eigentlich zu dezent übersetzt.

Als die Handlung von „Subutex“ einsetzt, hat die Hauptfigur, Vernon Subutex, ein Plattenverkäufer knapp über 50, die üblichen Abgründe, die das Leben und das Älterwerden nun einmal parat haben für uns alle, interessanterweise eigentlich schon durch. Da war die eine große Liebe, die Vernon, immer auf hübsche Mädels aus, verschlafen hat, die Freunde, die elend am Krebs gestorben sind, der Verlust von Illusionen und Träumen, das schleichende Erodieren von Gesundheit im Allgemeinen und funktionierender Potenz im Besonderen.

Diese Rückschau auf Vernons Leben steht gleich zu Beginn des Romans, nach ein paar Seiten knapper Zusammenfassung seiner gegenwärtigen, ziemlich prekären, Existenz, in der das Arbeitsamt eine fiese Rolle spielt, denn der Plattenladen „Revolver“ ist inzwischen pleite. Über dem Auf und Ab von Vernons Rockerleben vergißt man die klamme Gegenwart aber schnell wieder, nur als Despentes nach ein paar wilden Kapiteln damit durch ist, holt sie einen wieder ein, und dazu die bange Frage: Was soll denn jetzt noch kommen? Mutet uns die Autorin wirklich zu, jemanden fallen zu sehen, der seine Dosis an Fallen und Sich-Wieder-Aufrappeln doch eigentlich längst abgekriegt hat?

Oh ja, das tut sie. Nächster Handlungsschritt: Es klingelt an Vernons Tür. Noch einmal. Dann ein Klopfen, das zum Gehämmer wird. Dann ein Brecheisen, und schon stehen ein paar Offizielle in Vernons Wohnung: Die Miete ist überfällig! Eine Viertelstunde, dann sind Sie bitte hier raus.

Was jetzt? Vernon, wohnungslos, nimmt Kontakt zu alten und neuen Freunden auf und zieht von Couch zu Couch. Seine Reise durch Paris, denn natürlich spielt der Roman in dieser Stadt, wird zur Reise ins Herz französischer Befindlichkeiten. Eine Art Heldenreise, mit Vernon, dem Narren, als Zeugen all jener Entwicklungen, die Frankreichs Stärke und Stolz gegenwärtig so hartnäckig untergraben: Der Ruck nach rechts, die plötzliche Salonfähigkeit hässlichster Parolen. Die Schlägerbanden aus frustrierten Jugendlichen, die nach Feierabend losziehen, um Obdachlose zu prügeln. Die Flucht in den religiösen Wahn derjenigen, die nicht wie die Eltern, die fleißigen Migranten erster Generation, hinnehmen wollen, nur wegen eines arabischen Namens wieder und wieder missachtet zu werden. Und so weiter. Fundamentalisten, Porno-Queens, Altrocker, Junkies, Superreiche: Mal sehen wir sie mit Vernons Augen und teilen seinen freundlichen, immer etwas distanzierten Blick; viel häufiger aber wechselt die Perspektive und sie sprechen selbst. Ein Stimmengewirr zur Lage der grande nation. Nein, falsch. Das ist eine Massenschlägerei. Brutale Sprache, Sätze wie Faustschläge. Nicht immer, natürlich – poetisch kann Despentes auch, und sie kann beobachten, so kühl und unbestechlich, dass es an Jane Austen erinnert.

Nicht immer überzeugen die Figuren. Manchmal schimmert allzu deutlich das erzählerische Kalkül durch und wird das fiktive Paris zum Spielbrett erzählerischer Schachzüge: Was fehlt mir jetzt noch? Ach ja, einer aus der banlieue müsste auch noch etwas zu sagen haben …

Aber sobald dann wieder Vernon im Zentrum steht, ist man als Leser aufs Neue gefangen. Despentes inszeniert den unverdienten Fall dieser Figur als Balanceakt zwischen amüsierter Distanz, der Abwehrreaktion eines gebildeten Menschen – ich schlafe auf zwei Lagen Pappe im Park! – und gerade noch auf Armeslänge gehaltener Verzweiflung, zeigt das Absurde, Gespenstische daran. Verarmung als Spuk, der einfach nicht enden will.

Fallen, fallen. Was bleibt aber, hat man den Absturz miterlebt und den Roman gelesen? Im, sagen wir mal, politischen Bereich nicht einmal so viel, oder nicht so viel Neues (hätte hier ein Autor der jüngeren Generation mehr zu sagen?) Denn dass das Sozialsystem in Frankreich offenbar in die Knie geht, wie das deutsche auch – wissen wir. Dass der öffentliche Raum sich verschließt, unbarmherziger wird, Obdachlosen kein Platz mehr bleibt, weil sie alle Bänke abmontieren und ihre Fenster so umbauen, dass sie keine einladenden Nischen mehr bilden – das wissen wir, leider, auch. Nein, was Despentes gelingt, ist, den endgültigen Bruch in einer Biographie als glaubwürdig, als heutzutage einfach möglich und denkbar, darzustellen. Heute geht ein Leben eben nicht mehr, wie in Sozialstaaten doch eigentlich üblich, sachte über in den Ruhestand. Heute ist der Abgrund für uns alle sehr viel näher.

 

Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex.
ISBN: 978-3-462-04882-7
400 Seiten.
22,00 €
Kiepenheuer&Witsch

Inzwischen sind zwei Folgebände („Das Leben des Vernon Subutex 2“ und „3“) erschienen; aus Vernons Höllenfahrt wird eine Trilogie mit nicht einmal ganz so hoffnungslosem Ende.

Werbung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..