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Übersicht, Texte

Der Marquis de Sade und das Schreiben von Texten

Es gibt da einen historischen Film, in dem sie Marquis de Sade, dem schlimmen Finger mit seinen Sado-Maso-Phantasien, endgültig das Schreiben verbieten und ihn ins Gefängnis werfen. Feder, Tinte, Pergament, nichts davon darf zum Marquis in die Zelle kommen. Er macht aber natürlich trotzdem weiter mit dem Schreiben. Die Halme aus seinem Strohsack legt er zu Buchstaben. Aus den Brotkrümeln der mageren Gefängniskost streut er seine Botschaften auf den Steinboden. Mit seinem Blut malt er an die Mauern, was er zu sagen hat.

Aus den Erinnerungen an diesen Film kehre ich in die Gegenwart zurück, in der ich ebenfalls mit dem Schreiben beschäftigt bin. Weiterlesen „Der Marquis de Sade und das Schreiben von Texten“

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Why we tell stories …

Was haben „Der Weiße Hai“ und das „Beowulf“-Epos1 gemeinsam?

Das Handlungsmuster ist das gleiche, sagt Christopher Booker.

Nämlich: Es gibt ein Monster. Monster plagt Menschen in nahegelegener Siedlung. Auftritt des Helden. Held jagt dem Monster mutig hinterher, großer Endkampf, Monster wird erledigt, Menschen in Siedlung atmen auf.

Fertig ist das Handlungsmuster „Das Monster töten“.

Booker zufolge gibt es sieben dieser Muster insgesamt. Weiterlesen „Why we tell stories …“

Übersicht, Texte

Klamotten-Krise

Gerade wollte ich mir ein nettes Bio-Fischlein aufbraten, da klingelte das Telefon. Eine alte Freundin aus Berlin: „Wie schön, du kochst dir was! Gerade bei Fisch bin ich ja völlig draußen…“

„Unsinn, da kauft man halt einen halbwegs guten, taut ihn ein bisschen an, und dann muss man mit Zitronensaft..“

„Deshalb rufe ich gar nicht an…“

Der Fisch zischelte verdächtig, ich musste ihn aus der Pfanne zurück auf den nächsten Teller tun und schob noch einen Deckel darüber zur Sicherheit, die wurden sonst ganz schnell zäh. Gar nicht einfach mit einer Hand noch am Hörer. Das Wehklagen aus Berlin bildete den Soundtrack zu meinem Geklapper: „Was soll ich nur anziehen zu dieser Fakultätsfeier, früher hast du mir ja immer was geliehen, aber das scheidet ja jetzt auch aus, wo du nicht mehr hier wohnst, und vergiss mal die Feier, ich bin so völlig schlecht angezogen zur Zeit, abends gucke ich an mir runter, und ich sehe aus wie Reinhold Messner…“

Interessiert guckte ich nun meinerseits an mir runter. Ausgestellte Jeans waren endlich wieder tragbar – diesen Skinny-Unsinn hatte ich seit je nur sehr unwillig mitgemacht – und dazu hatte ich neulich ein prima Paar reduzierter Stiefel erstehen können, schön hoch, und nicht zu spitz vorne, da atmeten meine Fächerzehen auf. Links über dem Knie war ein Fleck. Wo der wohl herkam? Ich kratzte ein bisschen daran herum.

„Wie machst du denn das mit Hosen!“ rief meine Freundin währenddessen.

„Also die sind schon wichtig, da kann man auch mal was dafür ausgeben…“

Pause.

„Wieviel denn so ungefähr?“

Mit Freunden über Geld reden, hätte mein Vater jetzt gesagt, zwei Wochen Sperrzone Tschernobyl sind nichts dagegen!

Ich tastete mich vor: „Also Jeans sollten ja schon irgendwie was taugen, und du bist bei der Stadt seit zwei Jahren, und das Gehalt im öffentlichen Dienst-„

„Also bei Daldi gab es neulich wieder welche, und die sind schon immer ganz ok …“

Sperrzone, Sperrzone, schrie die Stimme meines Vaters mir ins Ohr. Mein Vater, die Luxusbirne („Schon für die Schuhe allein sollte man eigentlich in Italien leben!“).

Besorgte Frage aus Berlin: „Bist du noch dran?“

„Oh ja!“

„Jetzt sag schon, soll ich es bei Daldi versuchen oder mal ausnahmsweise schauen, was der Graushof hat? Die Eigenmarken von dem gehen glaube ich noch, so vom Preis her.“

Nun erschien mir auch noch der Geist meiner Großmutter und oszillierte sachte neben der Dunstabzugshaube. („Die großen Namen kennt man heute gar nicht mehr, Balenciaga, Borsalino…Einmal habe ich deinen Großvater überreden können, zu Borsalino zu gehen für einen Hut, und er hat ihn dreißig Jahre lang getragen…“)
Mir wurde das zuviel allmählich, und mit leerem Magen. „Geh zu Graushof!“verkündete ich.

„Ehrlich, meinst du?“

„Aber ja!“

„Ok, ich mache es!“

„Prima!“

„Mann, bin ich aufgeregt! Ich schicke dir ein Foto!“ Ein nervöses Kichern. „Wir spinnen schon total, oder? Ich meine, da haben wir beide einen Hochschulabschluss und quatschen doch nur wieder von Klamotten…

Der Geist meiner Großmutter begann zu verblassen.

„Ja, du hast recht,“ sagte ich. „Du hast recht. Wir spinnen total.“

Leckere Auslage in Londons nobler neighborhood.
Übersicht, reihenweise, Sunday's choice

Sunday’s choice

Die nächste 80-Stunden-Woche dräut. Gegen den bitteren Alltag verteilt Sunday’s choice ausgewählte Pralinen aus dem Bücherregal an hungrige Leserherzen.

David Nicholls: Starter for Ten. Nordengland, die Achtziger. Brian Jackson beginnt sein Studium und ist voller Hoffnung, sein aknegeplagtes, schüchternes, im Arbeitermilieu geprägtes Selbst endlich abschütteln zu können und ab jetzt, an der Seite schöner Frauen, in welterschütternden, intellektuellen Einsichten zu schwelgen. Nichts davon passiert, leider. Stattdessen häufen sich Saufgelage, deprimierende Beinah-Beziehungen zu reichen Mittelschichts-Zicken und versiebte Hausarbeiten. David Nicholls lässt Jackson stellvertretend für uns alle Pleiten, Pech und Pannen erdulden, ganz ohne Häme, sondern klug und berührend. Und irre lustig.

Bov Bjerg: Auerhaus. Schwaben bei Reutlingen, die Achtziger. Vier Jugendliche, fast oder schon achtzehn, leben zusammen in einem Haus, ein zwar improvisiertes, aber auch von Eltern und Umfeld abgesegnetes Arrangement, weil als einziges geeignet, einen der Vier, den sensiblen, depressiven Frieder, stabil zu halten. Frieders bester Freund erzählt vom wilden Alltag in diesem „Auerhaus“, wo man trotz 10 Kilo Tiefkühl-Tsatsiki, „Madness“-Kassetten in Endlos-Schleife, Flucht vor der Bundeswehr, verhauenen Abiturprüfungen, Polizei in der Wohnung und einer Brandstifterin in der Scheune irgendwie erwachsen werden muss.

Zadie Smith: Swing Time. Der Hype um Elena Ferrante geht mir auf die Nerven. Ich setze dagegen „Swing Time“, das aus einer ganz ähnlichen Grundkonstellation – die Hassliebe zweier Freundinnen, das Entkommen aus einem der schlimmsten Viertel der Stadt – zu einer Reflexion gelangt über Arm, Reich, Schwarz, Weiß, Berühmt-Sein und Niemand-Sein, Erste und Dritte Welt. Die Liebe zum Tanz und zum Herz-Schmerz berühmter Musicals, die beide Hauptfiguren verbindet, dient als kluge erzählerische Klammer.

Johann Wolfgang Goethe: Die Leiden des jungen Werther. Die trostlose kleindeutsche Provinz, das 18. Jahrhundert. Ein junger Mann, sensibel, klug, voller Träume und Temperament bringt es nicht fertig, seinen Frieden zu machen mit der Welt, in der er lebt. Allzu eng sind die Verhältnisse, allzu trübe sieht die Zukunft aus: Für ihn, nicht allzu reich und aus der falschen Gesellschaftsschicht, gibt es kaum eine andere Perspektive als eine Bore-out-Karriere im öffentlichen Dienst. Ein Hoffnungsschimmer ist die Liebe zur schönen, lebhaften Lotte. Aber sie steht kurz vor der Verlobung mit einem, der zwar langweilig ist, aber dafür einen sicheren Posten hat …

Übersicht, erzählend

Takis Würger: Der Club

Wir hören die Stimme eines Außenseiters: Der Ich-Erzähler ist ein stiller Junge, die Mitschüler quälen ihn, seine Eltern leben in einem Haus im Wald. Manchmal ist die seltsame Tante aus England zu Besuch. Der Vater bringt dem Erzähler das Boxen bei. Es wird alles ein bisschen besser. Dann sterben die Eltern, nacheinander. Das Ich muss ins Internat, zu den Jesuiten. Einziger Hoffnungsschimmer: Pater Gerald aus dem Sudan. Er boxt auch. Im Weinkeller der Klosterschule trainieren sie zusammen.

Dann das Abitur, endlich. Und aus heiterem Himmel meldet sich die Tante aus England: Willst du nicht herkommen? Ich krieg das hin, dass du in Cambridge studieren kannst.

Bis dahin also: Coming-of-Age, einigermaßen. Aber die Anfrage der Tante hat es ganz schön in sich. Ja, sie will ihren Neffen bei sich haben. Ja, sie fühlt sich schuldig, dass sie ihn im Stich gelassen hat nach dem Tod der Eltern (und das wird er ihr auch nie restlos verzeihen).

Aber vor allem geht es darum, einen Auftrag zu erfüllen. Eine geheime Mission. Weiterlesen „Takis Würger: Der Club“

Übersicht

Andreas Pflüger: Niemals

In den USA haben sie das Rätsel um die Ermordung von John F. Kennedy. Hier in der Bundesrepublik haben wir das Rätsel um Uwe Barschel. Bei so traurigen krimitechnischen Voraussetzungen muss man sich also schon ziemlich ins Zeug legen, will man glaubwürdig rauskommen übers Tatort-Niveau.

Andreas Pflüger tut, was er kann. Weiterlesen „Andreas Pflüger: Niemals“

Leckere Auslage in Londons nobler neighborhood.
Übersicht, reihenweise, Sunday's choice

Sunday’s choice

Die nächste 80-Stunden-Woche dräut. Gegen den bitteren Alltag verteilt Sunday’s choice ausgewählte Pralinen aus dem Bücherregal an hungrige Leserherzen.

Es wird finster in diesen Zeiten, und nur am Winter liegt das nicht – passend für Kriminalromane. Was gibt es da zu empfehlen? Drei Treffer:

Eigentlich hat Joanne K. Rowling das Genre gar nicht wirklich gewechselt, als sie nach Harry Potter unter Pseudonym mit dem Krimi-Schreiben anfing. Denn schon die Potter-Bände waren ja eigentlich immer auch Krimis, wo fleißig Diebe und/oder Mörder gesucht wurden und der nächste Showdown, ob in der Kobold-Bankfiliale oder im Zauberei-Ministerium, nie weit weg war.
Im ganz und gar nicht zauberhaften London in Rowlings „The Cuckoo’s Calling“ ist ein Model zu Tode gekommen – Selbstmord, sagen alle, schließlich war sie psychisch krank – aber der Bruder der Toten glaubt nicht daran und beauftragt Privatdetektiv Cormoran Strike, pleite, kriegsversehrt und geschieden, damit, die Wahrheit herauszufinden. Und die ist dann auch wirklich so hart wie der Brexit.

Nicht mehr neu, aber trotzdem super ist nach wie vor Donna Leon: „Venezianisches Finale“. Tod eines Dirigenten, Schauplatz das neblige Venedig, der Kommissar unauffällig, anständig, vorsichtig, klassisch gebildet, deshalb umwerfend sexy (wenn auch leider glücklich verheiratet). Aber wenigstens kommt er dem hässlichen Fall auf die grausige Spur, und die Wahrheit offenbart sich ihm unter anderem in einem unvergesslich geschilderten Gespräch mit einer alten Sängerin, deren Ruhm längst verblasst ist …

„Schnee, der auf Zedern fällt“: Das ist auch ein Krimi, aber einer der versteckten, vorsichtigen Art; einer, der viel mehr erzählt als nur die Geschichte eines Todes und wer daran schuld sein könnte. Im Schneesturm müssen die Bewohner der kleinen Insel San Piedro, vor der Westküste der USA, nach der Wahrheit suchen – und dabei auch schlucken, dass ihr kleines Inselleben so beschaulich doch nicht ist und der Zweite Weltkrieg, zu erzählten Zeit kaum zehn Jahre her, tiefe Wunden gerissen hat …

Das also alles erstmal lesen. Und es sich dann abends, den Montag verdrängend, vor der Sherlock-Staffel der Wahl gemütlich machen (und sich dabei fragen, wie ein Land so dumm sein kann, wo es doch die BBC gibt bei denen?? Meine englischen Bücher verstehen das auch nicht).

 

 

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Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex

Fallen, fallen. Despentes erzählt in ihrem neuen Roman, für den bis vor Kurzem noch ganz Frankreich Kopf stand, vom allmählichen Sturz ins Bodenlose, vom Scheitern im Beruf in die soziale Schieflage, von der Schieflage in die Armut, von der Armut auf die Straße. Weiterlesen „Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex“