Übersicht, Texte

Der Marquis de Sade und das Schreiben von Texten

Es gibt da einen historischen Film, in dem sie Marquis de Sade, dem schlimmen Finger mit seinen Sado-Maso-Phantasien, endgültig das Schreiben verbieten und ihn ins Gefängnis werfen. Feder, Tinte, Pergament, nichts davon darf zum Marquis in die Zelle kommen. Er macht aber natürlich trotzdem weiter mit dem Schreiben. Die Halme aus seinem Strohsack legt er zu Buchstaben. Aus den Brotkrümeln der mageren Gefängniskost streut er seine Botschaften auf den Steinboden. Mit seinem Blut malt er an die Mauern, was er zu sagen hat.

Aus den Erinnerungen an diesen Film kehre ich in die Gegenwart zurück, in der ich ebenfalls mit dem Schreiben beschäftigt bin. Weiterlesen „Der Marquis de Sade und das Schreiben von Texten“

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Klamotten-Krise

Gerade wollte ich mir ein nettes Bio-Fischlein aufbraten, da klingelte das Telefon. Eine alte Freundin aus Berlin: „Wie schön, du kochst dir was! Gerade bei Fisch bin ich ja völlig draußen…“

„Unsinn, da kauft man halt einen halbwegs guten, taut ihn ein bisschen an, und dann muss man mit Zitronensaft..“

„Deshalb rufe ich gar nicht an…“

Der Fisch zischelte verdächtig, ich musste ihn aus der Pfanne zurück auf den nächsten Teller tun und schob noch einen Deckel darüber zur Sicherheit, die wurden sonst ganz schnell zäh. Gar nicht einfach mit einer Hand noch am Hörer. Das Wehklagen aus Berlin bildete den Soundtrack zu meinem Geklapper: „Was soll ich nur anziehen zu dieser Fakultätsfeier, früher hast du mir ja immer was geliehen, aber das scheidet ja jetzt auch aus, wo du nicht mehr hier wohnst, und vergiss mal die Feier, ich bin so völlig schlecht angezogen zur Zeit, abends gucke ich an mir runter, und ich sehe aus wie Reinhold Messner…“

Interessiert guckte ich nun meinerseits an mir runter. Ausgestellte Jeans waren endlich wieder tragbar – diesen Skinny-Unsinn hatte ich seit je nur sehr unwillig mitgemacht – und dazu hatte ich neulich ein prima Paar reduzierter Stiefel erstehen können, schön hoch, und nicht zu spitz vorne, da atmeten meine Fächerzehen auf. Links über dem Knie war ein Fleck. Wo der wohl herkam? Ich kratzte ein bisschen daran herum.

„Wie machst du denn das mit Hosen!“ rief meine Freundin währenddessen.

„Also die sind schon wichtig, da kann man auch mal was dafür ausgeben…“

Pause.

„Wieviel denn so ungefähr?“

Mit Freunden über Geld reden, hätte mein Vater jetzt gesagt, zwei Wochen Sperrzone Tschernobyl sind nichts dagegen!

Ich tastete mich vor: „Also Jeans sollten ja schon irgendwie was taugen, und du bist bei der Stadt seit zwei Jahren, und das Gehalt im öffentlichen Dienst-„

„Also bei Daldi gab es neulich wieder welche, und die sind schon immer ganz ok …“

Sperrzone, Sperrzone, schrie die Stimme meines Vaters mir ins Ohr. Mein Vater, die Luxusbirne („Schon für die Schuhe allein sollte man eigentlich in Italien leben!“).

Besorgte Frage aus Berlin: „Bist du noch dran?“

„Oh ja!“

„Jetzt sag schon, soll ich es bei Daldi versuchen oder mal ausnahmsweise schauen, was der Graushof hat? Die Eigenmarken von dem gehen glaube ich noch, so vom Preis her.“

Nun erschien mir auch noch der Geist meiner Großmutter und oszillierte sachte neben der Dunstabzugshaube. („Die großen Namen kennt man heute gar nicht mehr, Balenciaga, Borsalino…Einmal habe ich deinen Großvater überreden können, zu Borsalino zu gehen für einen Hut, und er hat ihn dreißig Jahre lang getragen…“)
Mir wurde das zuviel allmählich, und mit leerem Magen. „Geh zu Graushof!“verkündete ich.

„Ehrlich, meinst du?“

„Aber ja!“

„Ok, ich mache es!“

„Prima!“

„Mann, bin ich aufgeregt! Ich schicke dir ein Foto!“ Ein nervöses Kichern. „Wir spinnen schon total, oder? Ich meine, da haben wir beide einen Hochschulabschluss und quatschen doch nur wieder von Klamotten…

Der Geist meiner Großmutter begann zu verblassen.

„Ja, du hast recht,“ sagte ich. „Du hast recht. Wir spinnen total.“

Texte

Buchmesse, Frankfurt

Dieses Jahr war Buchmesse, und ich war nicht da. Absichtlich, eigentlich. Mir ist der Trubel zuviel, und mit begrenztem Budget ist das sowieso nix. Alle anderen am fancy China-Imbiss, und man selber drückt sich irgendwo am Eingang rum mit Wurstbrot und Karotte. Das schlägt auf Dauer aufs Gemüt.

Außerdem durfte dieses Jahr Ihr-wißt-schon-wer an der Buchmesse teilnehmen.

Wer hat denn da nicht aufgepasst. Wer hat denn da gedacht, es sei kein Geld für einen Anwalt da. Wer hatte denn da nicht genug Fantasie, um sie unter irgend einem Vorwand am Kommen zu hindern, der Brandschutz, die Sicherheit, die Technik, der Atomkrieg, mir egal. Solange sie bloß nicht dabei sind.

Denn jetzt waren sie dabei, und genutzt hat es niemandem. Also: Denen schon.

Uns nicht.

Ich will solche Leute nicht auf Buchmessen haben.

Vielleicht gehe ich nächstes Mal ja doch hin. Mit einem per Crowdfunding finanzierten Anwalt im Schlepptau.

Wer sich mir anschließen möchte: Ich bin leicht zu erkennen. Ich drücke mich irgendwo am Eingang rum. Und in der linken Hand halte ich eine Karotte.

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Nachts durch die Straßen

Ein Jahr Studium in Dublin, das war ein ziemlich teurer Spaß. Am Anfang verstörten uns die horrenden Preise – Miete, Klamotten, Bier, Toastbrot – derart, dass wir nur noch von Viertelliter-Milchtüten zu jeweils 40 Cent zu leben wagten.

Ausgehen und feiern war besonders happig: Das berühmte Guinness war nicht unter 5 Euro den pint zu haben, und für den Weg zurück ins Wohnheim gab es keine Alternative zur teuren Taxifahrt, es sei denn, man nahm eine Dreiviertelstunde zu Fuß durch irischen Regen und zweifelhafte Vorstadtstraßen in Kauf, wo Gerüchten zufolge die Drogenmafia, nach guter alter IRA-Tradition, Verrätern und/oder Konkurrenten die Kniescheiben wegschoß (Dublin, so erklärte man uns, stehe auf der Liste der kriminellsten Hauptstädte Europas auf Platz drei). Weiterlesen „Nachts durch die Straßen“

jede Menge Nagellack
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Der Weg als Frau an die Spitze

Neulich las ich ein Interview mit einer Unternehmerin namens B. aus den USA, die durch Herstellung und Vertrieb von Nagellack sehr reich geworden ist.

Leider stand das Interview in einer Frauenzeitschrift, es war also nicht mit Ratschlägen in Bezug auf eigenen Reichtum zu rechnen. Vielmehr sollte die menschliche Seite dieser Unternehmerin zum Zuge kommen, der Weg als Frau an die Spitze, so etwas. Weiterlesen „Der Weg als Frau an die Spitze“

Schatten auf der Schaukel
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Über die Angst

Angst ist wenn hinter dir im Dunkeln jemand atmet

Angst ist wenn hinter dir im Dunkeln etwas atmet

Angst ist wenn hinter dir im Dunkeln etwas atmet und nach einem Moment

weißt du genau

was das ist

und was es von dir will

Angst ist das Ziehen in den Zehen vor dem Sprung

Angst ist das Ziehen in den Zehen vor dem Sprung vom Dreimeterbrett damals mit fünf und unten am Beckenrand feixt die coole Clique deiner großen Schwester und sie rufen dir zu: „Du traust dich ja eh nicht!“

Angst ist Frau Begemann von einem Stock tiefer die vielleicht ihren Mann erwürgt hat – aber so genau weiß das keiner

Angst ist meine Eltern sind jetzt aber schon ewig weg bestimmt hatten sie einen ganz grässlichen tödlichen Autounfall und jetzt müssen meine Schwester und ich ins Kinderheim wo man immer nur kalten Hagebuttentee zu trinken kriegt und nie, nie Mineralwasser wie zu Hause

Angst ist der Schatten hinter dem Vorhang

Angst steht hinter der Hausecke

Angst ist lachen zu müssen und sonst findet es niemand komisch

Angst ist lachen zu müssen und sonst findet es einfach niemand komisch und überhaupt hat den Witz unsere Klassenlehrerin gemacht und die Parole in meiner schlimmen Klasse lautet: -Wir hassen sie-

Kinderängste! Was ist die Angst! Du wirst groß, die Angst wächst mit. Niemand entwächst ihr, wie groß deine Füße auch werden, Angst wird dir jeden Schuh anziehen sie ist die beste Schuhhändlerin der Welt denn in ihrem Laden gibt es jede Größe und ihre Schuhe gehen nie kaputt

Angst ist – allein sein

Angst ist – nicht allein sein

Angst ist nicht zu wissen ob man allein sein will oder nicht

Angst wenn du reden willst

Angst wenn du reden musst

Angst zu enden wie

– wie Virginia Woolf durch Selbstmord sie hatte Angst solche Angst

Angst den Verstand zu verlieren

Angst immer Angst zu haben

darüber das Leben zu vergessen und eines Tages holen sie dich ab und du sitzt da in deinem kleinen Zimmer vom Betreuten Wohnen der Zivi ist gegangen und du sitzt da

Du sitzt da

Und hinter dir im Dunkeln atmet etwas

Ich bin der Tod, flüstert es.

Ich bin die Träne ich bin der Tod Angst lähmte dein Leben und jetzt bist du tot doch

hab keine Angst, flüstert es.

Leben ist Angst ist Tod ist Leben ist Tod ist Leben ist Tod ist Leben ist Leben ist Leben ist eins und keine Angst ich habe dich, ich habe dich – hab keine Angst.

Hab keine Angst.

Pendler auf dem Weg zur Arbeit
Texte

Mein Leben in vollen Zügen

Eine Wohnung in der Großstadt war zu teuer für mich. Dumm nur, dass mein neuer Arbeitsplatz in der Großstadt lag. Ich hatte keine Wahl: Ich musste pendeln. Über die Risiken und Nebenwirkungen von knapp drei Stunden Zugfahrt täglich.

Es ist früh am Morgen, 6 Uhr neunundzwanzig Minuten, dunkel und so still, dass nicht nur meine Schritte in den Straßen extra laut zu hören sind, sondern auch die von gefühlt allen anderen, die sich hier jeden Wochentag in Richtung Bahnhof aufmachen.

Dieser Bahnhof wirkt wie ein Ufo mit dem grell erleuchteten Bahnsteig.

Auf der anderen Seite der Gleise, irgendwo im Dunkeln, hält sich jemand illegal Hühner im Vorgarten. Wird es dann heller, kräht dort ab und zu ein Hahn. Wir sind halt auf dem Land hier: Frische Luft und nette Streuobstwiesen. Nur die guten Arbeitsplätze sind woanders.

Dann ist es plötzlich 6 Uhr 42, der Zug donnert, im Idealfall pünktlich, heran, ein weiteres Ufo, das an einem Ufo andockt und mit apokalyptischem Fauchen seine Türen aufspringen lässt. Menschen steigen aus und wir, die Wartenden, steigen ein, versuchen einen Sitzplatz zu erwischen, ohne allzu unhöflich nach allen Seiten zu schubsen. Weiterlesen „Mein Leben in vollen Zügen“

Texte

Ich will Bass!

Musik heute ist irgendwie anstrengend. Gedankenvolle Texte. Akustik-Gitarren. Vollbärte.

Ich bin ja damals begeistert von der ewigen Klassik bei uns zu Hause zur U-Musik gewechselt, weil ich mir dachte, davon muss man nichts verstehen, da ist jeder willkommen, Niveau spielt keine Rolle, du hörst, was du gut findest (außer Modern Talking) und das ist dann okay so.
Mein Freund, der Johnny Cash und The Libertines auf der Gitarre spielen kann und Einkaufstaschen mit Bob-Dylan-Motiv besitzt, hat einiges zu leiden an meiner musikalischen Niveau-Verweigerung.
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