Übersicht, erzählend, Junge Leser, Lieblingsbücher

John Reynolds Gardiner: Steinadler

Willys Großvater ist krank. Tag für Tag bleibt er einfach im Bett liegen, ohne sich zu rühren, ohne zu sprechen. Erst als im Auftrag des Staats Wyoming einer von den „Stadtgecken“, wie der Großvater sie immer nennt, vor der Tür steht, das Lächeln dünn, die Zigarre dick, und 500 Dollar Steuernachzahlung fordert, versteht Willy den Grund dafür. 500 Dollar, sonst ist die Farm weg, auf der sie leben, Willy, der Großvater, und die treue Hündin Spürnase.

Ein Glück, dass es Spürnase gibt. Mit ihr zusammen kann Willy die Felder der Farm umpflügen, oder zum Vergnügen stundenlang mit dem Schlitten durch den Tiefschnee Wyomings sausen, schneller als alle anderen.

Da wird in der Stadt ein Schlittenhunderennen ausgeschrieben, offen für jeden, der es sich zutraut. Preisgeld: 500 Dollar.

Wäre da nur nicht Steinadler, der riesige, schweigsame Indianer. Auch er hat sich fürs Rennen angemeldet, und auf den Farmen der Umgebung tuscheln sie, dass er bisher noch nie verloren hat … Weiterlesen „John Reynolds Gardiner: Steinadler“

Advertisements
Übersicht, Debüts, erzählend, sachlich

Amy Liptrot: Nachtlichter

Wer „Nachtlichter“ liest, macht zwei Reisen zugleich: Eine psychologische, in die Seele eines alkoholkranken Menschen, dem nach zehn Jahren der Sucht endlich der Ausstieg gelingt, und eine geographische, in den äußersten Norden Großbritanniens, auf die Inselgruppe der Orkneys.

Weiterlesen „Amy Liptrot: Nachtlichter“

Übersicht, Debüts, englisch, erzählend

Tara Westover: Educated

Zwei rote Tabletten liegen vor Tara auf dem Tisch. Ibuprofen. Seit Tagen hat sie Schmerzen im Ohr, eine Entzündung wahrscheinlich. „Jetzt nimm schon,“ sagt der Freund. Aber Tara zögert. Medikamente sind Teufelswerk. Das Gesundheitssystem kontrollieren die Illuminaten. Wer Tabletten nimmt, kann keine gesunden Kinder zur Welt bringen …

Tara Westover, die mit „Educated“ ihr autobiographisches Debüt veröffentlicht, ist als Mormonin im US-Bundesstaat Idaho aufgewachsen. In ihrer Familie wird nur akzeptiert, wer sich den Glaubenslehren bedingungslos unterwirft, auch wenn dies ein Leben jenseits aller Normalität bedeutet.

Die treibende Kraft hinter diesem Fanatismus ist Taras Vater. Erst als Studentin an der Brigham-Young-Universität, einer mormonischen Institution, wo ein eher gemäßigter Glaube gelebt wird, wird Tara verstehen, dass dessen Verfolgungswahn („Das Militär wird uns unsere Kinder nehmen und sie in staatliche Schulen zwingen! Wir müssen uns bewaffnen!“), seine unberechenbaren Launen, die stundenlangen fanatischen Predigten auf eine bipolare Störung zurückzuführen sind, die sich behandeln ließe – würde die Familie nur an Ärzte glauben.

Auch an Bildung glaubt bei Tara zu Hause niemand. Weiterlesen „Tara Westover: Educated“

Leckere Auslage in Londons nobler neighborhood.
Übersicht, englisch, erzählend, Junge Leser, Sunday's choice

Sunday’s Choice

Und wieder einmal: Meine Wahl für diesen Sonntag! Denn: Eine weitere 80-Stunden-Woche steht kurz bevor. In dieser Stunde der Not gibt es bei der Bücherflocke ausgewählte Buch-Pralinen für hungrige Leserherzen. 

Walfische! In letzter Zeit war hier häufiger von ihnen die Rede. Die folgende Auswahl versteht sich als Huldigung an diese buchstäblich kolossalen Säugetiere. Weiterlesen „Sunday’s Choice“

Übersicht, erzählend

Christine Nöstlinger ist gestorben …

… und das ist sehr traurig. Die Welt minus eine kluge Stimme aus Österreich. Kann sich dieses Land auch nicht wirklich leisten momentan.

Als ich noch vom Alter her zu Nöstlingers Zielgruppe zählte, mochte ich ihre Bücher nicht. Sie waren mir zu nah an meiner eigenen Realität, von der es schon mehr als genug gab. Ich las damals lieber Fantasie-Geschichten (keine Ahnung, ob es den Begriff „Fantasy“ damals schon gab).

Erst seit ich erwachsen bin, mag ich Nöstlingers Bissigkeit und das breite Grinsen in jedem Buch. Die Spießer, die Braven, die Eifrig-Normalen: Nöstlinger schreibt gegen sie an, unermüdlich, und das ist klasse.

Meine Lieblingstitel wären:

Das Austauschkind. Ewalds brave Eltern sind sehr besorgt ob der Englischkenntnisse ihres Sohnes. Um seine Aussprache zu verbessern, bestellen sie für die Sommerferien ein Austauschkind. Ewald hat darauf keine Lust, und seine wilde Schwester auch nicht. Bis Jasper aus England bei ihnen eintrifft. Jasper ist dick, isst Chips, redet wenig, wäscht sich nicht. Die Eltern: Entsetzt. Die Kinder: Begeistert. Nach und nach verschieben sich die Wertmaßstäbe in Ewalds Zuhause, immer weiter weg vom bürgerlichen Biedermeier – und hin zu immer mehr Verständnis für Jasper, der einige, traurige, Gründe hat, so zu sein, wie er ist …

Konrad oder das Kind aus der Konservenbüchse. Frau Berti Bartolotti macht, was sie will. Lebt alleine, schminkt sich bunt, hat einen Apotheker als Lover. Und pflegt ihre Leidenschaft, relativ wahllos aus Katalogen Dinge zu bestellen. Und eines Tages gibt es da eine Verwechslung: Die Post schickt Frau Bartolotti das Paket mit einer Konservendose. Darin sitzt Konrad, verschickt von einer Firma, die auf Bestellung perfekt brave Instant-Kinder ins Haus liefert. Konrad ist auch so einer. Und Frau Bartolotti muss ab jetzt irgendwie mit ihm klarkommen …

Wir pfeifen auf den Gurkenkönig. Fast wie in Kafkas „Verwandlung“ wird hier eine Familie aufgestört durchs Auftauchen eines Fremdkörpers – anders als bei Kafka allerdings kein Familienmitglied, das zum Käfer mutiert, sondern wirklich eine Kreatur von außen: Eine Gurke. Nein: Der König der Gurken! Er trägt eine Krone und weiße Handschuhe. Er redet sonderbar geschraubt, und er will nichts weniger, als dass die ganze Familie ab jetzt nach seiner Pfeife tanzt. Und diese bis dahin (nach außen) so perfekte Familie steht bald völlig kopf angesichts dieser gurkigen Herausforderung …

 

Debüts, englisch, erzählend

Kathryn Stockett: The Help

Der Sommer ist da, mein heimisches Kino zeigt „Feel Good Movies“. Mit dabei „The Help“, die Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Kathryn Stockett.
Interessant. „The Help“ spielt im US-Bundesstaat Mississippi, in den sechziger Jahren, und das war ganz sicher kein „Feel Good“. Weiterlesen „Kathryn Stockett: The Help“

Übersicht, erzählend

Nick Hornby: Miss Blackpool

Ach, Hornby. Mit „Miss Blackpool“ hat er sich irgendwie vergaloppiert.
Am Plot liegt es nicht: Gewohnt charmant, gewohnt britisch. Der Autor nimmt sich nämlich das fröhlichste aller englischen Phänomene vor, die „Swinging Sixties“. Weiterlesen „Nick Hornby: Miss Blackpool“

Übersicht, erzählend

Takis Würger: Der Club

Wir hören die Stimme eines Außenseiters: Der Ich-Erzähler ist ein stiller Junge, die Mitschüler quälen ihn, seine Eltern leben in einem Haus im Wald. Manchmal ist die seltsame Tante aus England zu Besuch. Der Vater bringt dem Erzähler das Boxen bei. Es wird alles ein bisschen besser. Dann sterben die Eltern, nacheinander. Das Ich muss ins Internat, zu den Jesuiten. Einziger Hoffnungsschimmer: Pater Gerald aus dem Sudan. Er boxt auch. Im Weinkeller der Klosterschule trainieren sie zusammen.

Dann das Abitur, endlich. Und aus heiterem Himmel meldet sich die Tante aus England: Willst du nicht herkommen? Ich krieg das hin, dass du in Cambridge studieren kannst.

Bis dahin also: Coming-of-Age, einigermaßen. Aber die Anfrage der Tante hat es ganz schön in sich. Ja, sie will ihren Neffen bei sich haben. Ja, sie fühlt sich schuldig, dass sie ihn im Stich gelassen hat nach dem Tod der Eltern (und das wird er ihr auch nie restlos verzeihen).

Aber vor allem geht es darum, einen Auftrag zu erfüllen. Eine geheime Mission. Weiterlesen „Takis Würger: Der Club“

Übersicht, erzählend, reihenweise

American Dreams (7): Herman Melville: Moby Dick

Um seine Depressionen loszuwerden, greift der junge Ishmael zu einem bewährten Erfolgsrezept: Raus aufs Meer, für die nächsten zwei Jahre mindestens.

Also macht er sich auf in die berühmt-berüchtigte Hafenstadt Nantucket, um dort auf dem nächstbesten Dreimaster anzuheuern, und verdingt sich schließlich auf der „Pequod“, einem Walfangschiff. Weiterlesen „American Dreams (7): Herman Melville: Moby Dick“