Leckere Auslage in Londons nobler neighborhood.
Übersicht, englisch, erzählend, Junge Leser, Sunday's choice

Sunday’s Choice

Und wieder einmal: Meine Wahl für diesen Sonntag! Denn: Eine weitere 80-Stunden-Woche steht kurz bevor. In dieser Stunde der Not gibt es bei der Bücherflocke ausgewählte Buch-Pralinen für hungrige Leserherzen. 

Walfische! In letzter Zeit war hier häufiger von ihnen die Rede. Die folgende Auswahl versteht sich als Huldigung an diese buchstäblich kolossalen Säugetiere. Weiterlesen „Sunday’s Choice“

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Übersicht, erzählend

Christine Nöstlinger ist gestorben …

… und das ist sehr traurig. Die Welt minus eine kluge Stimme aus Österreich. Kann sich dieses Land auch nicht wirklich leisten momentan.

Als ich noch vom Alter her zu Nöstlingers Zielgruppe zählte, mochte ich ihre Bücher nicht. Sie waren mir zu nah an meiner eigenen Realität, von der es schon mehr als genug gab. Ich las damals lieber Fantasie-Geschichten (keine Ahnung, ob es den Begriff „Fantasy“ damals schon gab).

Erst seit ich erwachsen bin, mag ich Nöstlingers Bissigkeit und das breite Grinsen in jedem Buch. Die Spießer, die Braven, die Eifrig-Normalen: Nöstlinger schreibt gegen sie an, unermüdlich, und das ist klasse.

Meine Lieblingstitel wären:

Das Austauschkind. Ewalds brave Eltern sind sehr besorgt ob der Englischkenntnisse ihres Sohnes. Um seine Aussprache zu verbessern, bestellen sie für die Sommerferien ein Austauschkind. Ewald hat darauf keine Lust, und seine wilde Schwester auch nicht. Bis Jasper aus England bei ihnen eintrifft. Jasper ist dick, isst Chips, redet wenig, wäscht sich nicht. Die Eltern: Entsetzt. Die Kinder: Begeistert. Nach und nach verschieben sich die Wertmaßstäbe in Ewalds Zuhause, immer weiter weg vom bürgerlichen Biedermeier – und hin zu immer mehr Verständnis für Jasper, der einige, traurige, Gründe hat, so zu sein, wie er ist …

Konrad oder das Kind aus der Konservenbüchse. Frau Berti Bartolotti macht, was sie will. Lebt alleine, schminkt sich bunt, hat einen Apotheker als Lover. Und pflegt ihre Leidenschaft, relativ wahllos aus Katalogen Dinge zu bestellen. Und eines Tages gibt es da eine Verwechslung: Die Post schickt Frau Bartolotti das Paket mit einer Konservendose. Darin sitzt Konrad, verschickt von einer Firma, die auf Bestellung perfekt brave Instant-Kinder ins Haus liefert. Konrad ist auch so einer. Und Frau Bartolotti muss ab jetzt irgendwie mit ihm klarkommen …

Wir pfeifen auf den Gurkenkönig. Fast wie in Kafkas „Verwandlung“ wird hier eine Familie aufgestört durchs Auftauchen eines Fremdkörpers – anders als bei Kafka allerdings kein Familienmitglied, das zum Käfer mutiert, sondern wirklich eine Kreatur von außen: Eine Gurke. Nein: Der König der Gurken! Er trägt eine Krone und weiße Handschuhe. Er redet sonderbar geschraubt, und er will nichts weniger, als dass die ganze Familie ab jetzt nach seiner Pfeife tanzt. Und diese bis dahin (nach außen) so perfekte Familie steht bald völlig kopf angesichts dieser gurkigen Herausforderung …

 

Debüts, englisch, erzählend

Kathryn Stockett: The Help

https://www.penguin.co.uk/content/dam/catalogue/pim/editions/195/9780241978900/cover.jpg.rendition.460.707.pngDer Sommer ist da, mein heimisches Kino zeigt „Feel Good Movies“. Mit dabei „The Help“, die Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Kathryn Stockett.
Interessant. „The Help“ spielt im US-Bundesstaat Mississippi, in den sechziger Jahren, und das war ganz sicher kein „Feel Good“. Weiterlesen „Kathryn Stockett: The Help“

Übersicht, erzählend

Nick Hornby: Miss Blackpool

Ach, Hornby. Mit „Miss Blackpool“ hat er sich irgendwie vergaloppiert.
Am Plot liegt es nicht: Gewohnt charmant, gewohnt britisch. Der Autor nimmt sich nämlich das fröhlichste aller englischen Phänomene vor, die „Swinging Sixties“. Weiterlesen „Nick Hornby: Miss Blackpool“

Übersicht, erzählend

Takis Würger: Der Club

Wir hören die Stimme eines Außenseiters: Der Ich-Erzähler ist ein stiller Junge, die Mitschüler quälen ihn, seine Eltern leben in einem Haus im Wald. Manchmal ist die seltsame Tante aus England zu Besuch. Der Vater bringt dem Erzähler das Boxen bei. Es wird alles ein bisschen besser. Dann sterben die Eltern, nacheinander. Das Ich muss ins Internat, zu den Jesuiten. Einziger Hoffnungsschimmer: Pater Gerald aus dem Sudan. Er boxt auch. Im Weinkeller der Klosterschule trainieren sie zusammen.

Dann das Abitur, endlich. Und aus heiterem Himmel meldet sich die Tante aus England: Willst du nicht herkommen? Ich krieg das hin, dass du in Cambridge studieren kannst.

Bis dahin also: Coming-of-Age, einigermaßen. Aber die Anfrage der Tante hat es ganz schön in sich. Ja, sie will ihren Neffen bei sich haben. Ja, sie fühlt sich schuldig, dass sie ihn im Stich gelassen hat nach dem Tod der Eltern (und das wird er ihr auch nie restlos verzeihen).

Aber vor allem geht es darum, einen Auftrag zu erfüllen. Eine geheime Mission. Weiterlesen „Takis Würger: Der Club“

Übersicht, erzählend, reihenweise

American Dreams (7): Herman Melville: Moby Dick

Um seine Depressionen loszuwerden, greift der junge Ishmael zu einem bewährten Erfolgsrezept: Raus aufs Meer, für die nächsten zwei Jahre mindestens.

Also macht er sich auf in die berühmt-berüchtigte Hafenstadt Nantucket, um dort auf dem nächstbesten Dreimaster anzuheuern, und verdingt sich schließlich auf der „Pequod“, einem Walfangschiff. Weiterlesen „American Dreams (7): Herman Melville: Moby Dick“

Mehr Bücher
Übersicht, erzählend

Nobelpreis Goes To …

… Kazuo Ishiguro!
Also ich finds gut.
„Was vom Tage übrigblieb“, zugegeben, mag ich nicht. Aber ein heißer Tipp auch von meiner Seite ist „Alles, was wir geben mussten“. Das Grausen, das sich da auf leisen Pfoten anschleicht; dieser schiefe Winkel, man ahnt, etwas stimmt nicht mit dieser vordergründig so netten und konventionellen Internatsgeschichte. Aber was nur, was?
Zwei Tage habe ich zu essen und zu schlafen vergessen, weil es wichtiger war, herauszufinden, wie dieser Roman ausgeht.

In Sachen Nobelpreis ist „lesen statt schlafen“ aber vielleicht kein allzu belastbares Kriterium. Weiterlesen „Nobelpreis Goes To …“

Übersicht, Bücher zur Lage, erzählend, reihenweise

American Dreams (6): Graham Greene: Der stille Amerikaner

Coverbild Der stille Amerikaner von Graham Greene, ISBN-978-3-423-13129-2Die US-Geheimdienste richteten ihre Spinnenaugen unmittelbar nach der Veröffentlichung von „Der stille Amerikaner“ im Jahr 1955 auf Greene, und noch bis zu seinem Tod 1991 (!) hielten sie ihren kalten Blick auf ihn geheftet.

Er hatte, für ihren Geschmack, in der Erzählung zu viel über die Rolle der USA in Indochina preisgegeben – zu viel Schlechtes. Weiterlesen „American Dreams (6): Graham Greene: Der stille Amerikaner“

Leckere Auslage in Londons nobler neighborhood.
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Sunday’s choice

Sonntag: Die nächste 80-Stunden-Woche dräut. Gegen den bitteren Alltag verteilt Sunday’s choice ausgewählte Pralinen aus dem Bücherregal an hungrige Leserherzen.

Ian McEwan: Atonement. Nach Chrisopher Nolans Adrenalinstoß „Dunkirk“ musste ich hier wieder reinschaun. Dünkirchen, dieser merkwürdige Sieg-und-doch-nicht-Sieg des Zweiten Weltkriegs, gleich doppelt geschildert: Aus der Sicht eines englischen Soldaten, der die Flucht des britischen Expeditionsheers bis an die Küste mitmacht, und aus der einer jungen Krankenschwester, über deren Londoner Hospital die Dünkirchen-Katastrophe hereinbricht in Form von Hunderten schwerverletzter Soldaten.

Teju Cole: Every Day is for the Thief. Nach Adichies „Americanah“ eine weitere Stimme aus Nigeria: Coles Ich reist aus den USA, seiner Wahlheimat, zurück ins nigerianische Lagos. Seine Beobachtungen und Erfahrungen driften immer wieder vom Dokumentarischen ins Poetische, Literarisierende, was man mögen kann, aber nicht muss (liest sich zuweilen wie eine Paraphrase von „Ich bin ein großer Schriftsteller“). „Jeder Tag“ liefert fesselnde, häufig ziemlich üble Einblicke in den Moloch Lagos, der ebenso von Korruption und Gewalt in die Knie gezwungen wie von Kunst, Kultur und Zähigkeit am Leben erhalten wird.

Deborah Feldman: Exodus. Der zweite Roman nach dem autobiographischen „Unorthodox“, das mit der jüdisch-orthodoxen Satmarer Sekte abrechnete und der Autorin Morddrohungen einbrachte. Sehr viel weniger überzeugend, aber ich gebe dem Verlag die Schuld: Man sieht regelrecht vor sich, wie sie die junge Autorin dazu zwingen, möglichst bald nachzuliefern, solange die aus dem furchtlosen Debüt gewonnene Aufmerksamkeit noch anhält … Oder es liegt einfach an der Faustregel „zweiter Roman schwerster Roman“.

Lian Hearn: Heaven’s net is wide. Der Regen der letzten Wochen hat mich wieder auf die Spur dieses Fantasy-Titels gebracht, der eine fürs emotional eher im Hölzernen beheimateten Genre erstaunlich zarte Szene vorweisen kann: Der große Krieger und seine geheime Geliebte treffen sich in einem einsamen Tempel und lieben sich, während der Regen herabstürzt, ein silberner Vorhang, der das Paar für ein paar magische Stunden abschirmt von der Welt. „Heaven’s net“ ist das Prequel von Hearns Japan-Trilogie für junge Leser.

Und zum Schluss?

René Goscinny/Morris: Lucky Luke: Calamity Jane. Ja, beim Teutates, eigentlich bin ich im Asterix-Lager eher zu Hause als im Wilden Westen. Aber wo sich René Goscinny für den Mann, der schneller schießt als sein Schatten, ins Zeug gelegt hat, wie eben im Fall der Begegnung (fast eine Romanze, trotz Calamitys Knollennase) zwischen Lucky Luke und der ungehobelten Desperada Calamity Jane („Du hast mir das Leben gerettet, Luke … Falls noch ne Flasche heil ist, spendier ich ne Runde!“) kann schon wie im antiken Gallien nichts schiefgehen.