Freiheitsstatue
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Barack Obama: A promised land

Bovald Rump ist endlich weg, und es sieht ganz so aus, als würde sich die Obama-Ära nahtlos fortsetzen, mit seinem ehemaligen Vize an der Spitze. Da kommt „A promised land“, Obamas Rückblick auf politischen Werdegang und erste Jahre im Weißen Haus, gerade recht. Weiterlesen „Barack Obama: A promised land“

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Das frivole Museum

Von meiner Omi habe ich eine Handvoll Schmuck geerbt, zwei Fast-Biedermeier-Stühle und diese wild geblümten Overalls aus den Siebzigern. Außerdem ein schmales Bändchen mit dem vielsagenden Titel „Das frivole Museum“, fünfte Auflage 1961.

Möglich, dass das heute als ironisch-cooles Coffeetable Book durchginge. Damals fiel sowas in die artige Kategorie „Schmunzelbuch“, Zielgruppe waren die gebildeten oberen Zehntausend, und schmunzeln sollten sie darüber, dass berühmte Werke der bildenden Kunst, Gemälde oder Skulpturen, sich in Form ganz alltäglicher Sätze selbst zu Wort melden.

Also, zum Beispiel: Dürers Selbstportrait mit den auffallend langen Locken, berühmtes Statement eines selbstbewussten Künstlers, der Geist der Renaissance weht uns an. Und im Frivolen Museum steht dann drunter: „Also ich habe mit Heimkaltwelle nur gute Erfahrungen gemacht“.

Für mich atmet das die Fünziger Jahre wie nichts anderes, vor allem die obskure Heimkaltwelle, von der ich bis heute nicht weiß, was das bitte sein soll, ich stelle mir da immer eine Art mechanische Steampunk-Trockenhaube vor. Keine Fifties-Lampe oder diese mundgeblasenen Schalen oder was die Hipster sonst noch horten, kommt da ran. Und wie meine Omi war als Mensch, und wie mein alberner Großvater, der mich noch gekannt hat, aber ich ihn nicht, weil er relativ früh starb, und wie die heitere Ehe dieser beiden, und ihr High Life in den Fünfzigern, Reisen, Glamour, Parties, endlich ordentlich Geld verdienen, endlich Luxus und nobel gedeckte Tische statt hastig aus dem Rucksack fressen wie an der Front, das enthält dieses Bändchen auch, unschlagbar.

Interessanterweise zündet die Grundidee vom „Frivolen Museum“ am besten bei den wirklich berühmten, klassischen Sachen (Dürer, Michelangelo) und bei moderner Kunst (Mirò, Duchamp) irgendwie nicht so gut. Interessant auch, dass einige der frivolen Heiterkeiten natürlich auf Kosten der abgebildeten Frauen gehen. Ob die Art platter Sexismus damals wirklich niemanden gestört hat?

Wobei es mich eigentlich auch nicht wirklich stört, gebe ich zu. Zu viele Erinnerungen hängen an diesen Witzchen, zu hartnäckig folgen sie mir von Museum zu Museum. Steh ich vor der Nofretete, macht es bling! und ich denke sofort: „Mit diesem Hut steche ich sie alle aus!“ Die Laokoon-Gruppe will mich beeindrucken, aber meine innere Tagline ist schneller: „Nimm doch mal einer den Hörer ab!“

Von meiner Omi habe ich Schmuck geerbt und zwei Stühle und diese Siebziger-Overalls im unmöglichen Blumenmuster. Ich kann ihr nicht mehr sagen, dass für mich ein schmales Bändchen herzzereißender Albernheiten, aus einer anderen Zeit, aus einem anderen Land, absolut am meisten zählt. Ich schätze aber mal, sie weiß es: Spätestens in der alten Pinakothek, irgendwann wird Corona ja vorbei sein und man kann wieder hin, wenn ich Dürers Selbstportrait sehe mit den langen Locken, die Renaissance, die Entdeckung des Ich, der Stolz des selbstbewussten Künstlers, wird ein fettes Blinklicht im Jenseits leuchten bis zu mir: „Also ich habe mit Heimkaltwelle nur gute Erfahrungen gemacht“.  

 

 

 

 

 

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Was bis Weihnachten dringend passieren sollte (II)

Es ist der dritte Advent, ich bin zu fünfzig Prozent an einem Weihnachtsgeschenk beteiligt, verfüge über ein zweites, warte auf ein drittes und habe eine Idee für Nummer vier. Fehlen noch vier.

Es sollte mir jemand beantworten, wie ich in der noch verbleibenden Zeit, wo doch der Lockdown seine Schatten vorauswirft und die kleine Flocke nicht betreut werden kann, zu diesen vier Geschenken kommen soll.

Es sollten uns die Nachrichten für eine Weile verschonen mit Meldungen, in denen „seit Beginn der Wetteraufzeichnungen“ vorkommt (oder „Inzidenzwerte“, oder „Frontex“, oder „die republikanische Partei“).

Es sollte die kleine Flocke aufhören, Schleich-Tiere, Mützen, Schlüssel und Mandarinen hinter die Abdeckung auf den Heizkörper zu werfen.

Es sollten meine dunkelblauen Hosen mit der Bügelfalte sich entscheiden, ob sie auf Hüft- oder Taillenhöhe sitzen wollen, weil wiederum ich dann endlich wüsste, welche Schuhe dazu kombinierbar wären, bisher sehen die nämlich alle irgendwie komisch dazu aus.

Ja, das alles sollte dringend bis Weihnachten passieren.

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Was bis Weihnachten dringend passieren sollte

Es ist der zweite Advent, ich bin mit 50 Prozent an einem Weihnachtsgeschenk beteiligt und habe eine Idee für ein zweites. Fehlen noch acht.

Es sollten sich diese acht Geschenke möglichst bald, wunderbar verpackt, vor meiner Haustür befinden.

Außerdem sollten bis Weihnachten die braun angelaufenen Schneematsch-Häufen am Straßenrand abgelöst werden durch richtigen Schnee, im Sinne von tief, im Sinne von geschlossene Schneedecke, von romantisch, heiße Schokolade und Iglus-und/oder-Schneemänner-im-Garten-bauen.

Es sollte sich außerdem ein genau 1,5 Grad kalter Brief im Briefkasten finden, und dieser Brief sollte folgendes formulieren: „Habe gerade ein Entschleunigungsseminar besucht, das mir viel gegeben hat, werde jetzt ‚Die Entdeckung der Langsamkeit‘ lesen, Ihnen alles Gute, der Klimawandel“.

Es sollte der Weihnachtsmann bei uns vorbeikommen und die Kleine in seinem Schlitten schlafen und jedes Rentier kraulen lassen, und mein Mann und ich würden solange gemütlich Sushi essen gehen.

Es sollte Jesus von Nazareth persönlich – ach, besser nicht.

Ja, das alles sollte bis Weihnachten dringend passieren.

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Barbara Robinson: Hilfe, die Herdmanns kommen!

Ach, das Krippenspiel. Es gehört zu Weihnachten wie der immergrüne Baum. In Barbara Robinsos erfrischendem Kinderbuch, längst ein Klassiker, gerät eine nette kleine US-Kleinstadt durch verunglücktes Krippenspiel-Casting in Aufruhr. Weiterlesen „Barbara Robinson: Hilfe, die Herdmanns kommen!“

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Shaun Tan: Ein neues Land

Die Geschichte ist einfach: In einem armen Land lebt eine kleine Familie, Vater, Mutter, Kind. Der Vater hat sich entschieden, in die Fremde zu ziehen, um dort Geld zu verdienen. Wir sehen, wie er am letzten Morgen zu Hause ein Familienfoto von der Wand nimmt, es sorgsam in Papier einschlägt, es zuoberst in den abgeschabten Koffer legt.

Dann der Abschied von Frau und Tochter, die lange Fahrt übers Meer in einem riesigen, Titanic-ähnlichen Auswandererschiff.
Im neuen Land gilt es langwierige Einreise-Formalitäten zu überstehen, medizinische Untersuchungen, Formulare, Stempel. Einmal aufgenommen, steht die mühsame Suche nach einer Bleibe an, und nach Arbeit. Zum Glück gibt es noch andere Emigranten, die den Neuankömmling willkommen heißen, ihm weiterhelfen, nach seiner Geschichte fragen und ihre eigenen erzählen. Nach einem Jahr Arbeit kann er endlich Frau und Kind zu sich holen. Das letzte Bild zeigt seine fröhliche kleine Tochter, ganz offensichtlich integriert in der neuen Heimat, wie sie eifrig einer jungen Fremden, die verloren neben ihrem Koffer steht, den Weg weist. Eine Migrationsgeschichte, an deren Ende die gelungene Integration steht. Also alles gut?

Ja und nein.

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American Dreams (8)

In meinem Bücherregal herrscht Partystimmung schon seit Tagen, die amerikanischen Titel geben einen aus, Geschichtsbücher tanzen mit Wörterbüchern, Romane mit Biographien, die Kinderbücher dürfen extra länger aufbleiben, es ist großartig.

Bei dem Lärm kann ich mich kaum auf die acht Titel meiner Wahl konzentrieren, die „American Dreams“ beenden sollen – in weitaus hoffnungsvollerer Stimmung als beim Start dieser Reihe vor vier Jahren.

Dorothy Canfield Fisher: Das allerbeste Apfelmus. Betsy, bei ihren überängstlichen Helikopter-Tanten aufgewachsen, verschlägt es zu entfernten Verwandten auf eine Farm in Vermont, über die sie bisher nur Schauergeschichten gehört hat. Völlig zu Unrecht: Durch die gütige, ruhige Art von Tante, Onkel und Kusine, die Betsy einfach machen lassen und ihr vieles zutrauen, wird aus dem ängstlichen Kind eine eigenständige, starke Person. Doch dann will ihre Tante sie wieder zurückholen … Als Kind bin ich ganz zufällig an das Buch geraten und habe es geliebt, ohne zu wissen, wie berühmt die Autorin, Aktivistin, Frauenrechtlerin, beste Freundin von Willa Cather, in den USA ist. Meinen Recherchen zufolge leider nur noch antiquarisch erhältlich.

John Reynolds Gardiner: Steinadler. Ein Schlittenhunde-Rennen, in dem es um alles geht. Mit dabei: Ein kleiner Junge und seine treuer Hündin Spürnase, die mit dem Preisgeld Großvaters Farm retten wollen. Ein schweigsamer Indianer, der für sein Volk kämpft. Und beim Showdown im Tiefschnee, kurz vor der Ziellinie, entscheidet sich alles …

Curtis Sittenfeld: Eine Klasse für sich. Ach, mal wieder so ein netter Teenie-Roman – dachte ich. Sittenfelds Internatsgeschichte lässt das weit hinter sich und schildert die Geschichte von Lee aus Indiana, die an der vornehmen Prep-School an der Ostküste einfach keinen Fuß auf den Boden kriegt zwischen all den reichen, selbstbewussten, von Geburt an auf Entscheidungsträger getrimmten Kids so klug und eindrücklich, dass man hinterher weiß: Das ist es, so war es, so fühlt es sich an.

Louise Erdrich: Ein Lied für die Geister. Wie weiterleben, wenn das Schlimmste passiert ist? Landreaux Iron, ein Ojibwa, erschießt auf der Jagd versehentlich den kleinen Dusty, den Sohn der Nachbarsfamilie. In der Verzweiflung besinnen sich die Irons auf eine alte Ojibwa-Tradition und übergeben ihren eigenen Sohn der trauernden Familie: Ab jetzt soll unser Sohn euch gehören! Vor dem Hintergrund des harten Alltags in der Reservation, wo es schwer hat, wer einfach ein normales (Familien-)Leben führen will, schildert Erdrich, wie durch diese brutale Entscheidung langsam ein Heilungsprozess in Gang gesetzt wird, der es den Figuren ermöglicht, schrittweise aus der Trauer zurück ins Leben zu finden. (Leider vergriffen, meldet der Verlag. Aber Ihr-wisst-schon-wo gibt es das bestimmt).

Jonathan Franzen: Schweres Beben. Rätselhafte Beben erschüttern in Franzens Roman nicht nur die Erde, sondern auch das Familienleben einer zerstrittenen Sippe: Familie Holland verliert die Großmutter bei einem Erdbeben, und nun ist der Streit ums Erbe im vollen Gang. Ob die Liebe zwischen Louis Holland und Renée, die als hartnäckige Seismologin gefährlich nah an die Ursache der Beben kommt, vor diesem Abgrund an Habgier, Eifersucht und offenem Hass überhaupt eine Chance hat? Ein Roman aus Franzens bester Zeit (inzwischen macht er mich, inklusive „Unschuld“ und schlecht fundierten Äußerungen zur Klimakrise, eher ratlos).

Ottesha Moshfegh: My year of rest and relaxation. Schön, jung und reich ist sie, die Hauptfigur, ein Abschluss in Kunstgeschichte, ein Apartment in Manhattan. Aber die innere Leere kann sie nicht füllen. Schritt eins: Nur noch rausgehen, um Kaffee bei Starbucks zu holen. Schritt zwei: Drogen. Rund um die Uhr, um endlich mal anständig schlafen zu können. Nach einem Jahr wird dann alles besser und anders sein … Aus meiner Sicht definitv ein Schocker, der amüsanten Art zwar, aber trotzdem. Bitte dazwischen eine Pause machen und irgendwas Nettes, Normales lesen, die aktuelle „Brigitte“ vielleicht:-)

Kein Buch, aber trotzdem (und bitte kein Wort davon an meine Bücher, für die ist „Netflix“ nämlich ungeliebtes Reizwort):

Dear White People. Die Netflix-Eigenproduktion setzt sich im bewusst albernen Sitcom-Stil damit auseinander, was es in den heutigen USA heißt, schwarz zu sein – und zwar, Schock!, aus der Perspektive der Schwarzen. Auf dem Campus einer Elite-Universität löst die Radiosendung „Dear White People“ der frechen Moderatorin Samantha White heftige Debatten aus. Nicht alles, aber wirklich das meiste ist überragend gut und lustig. Die Film-Crew kriegt wohl bis heute Morddrohungen. Welcome to reality.

Übersicht

Was in dieser Woche dringend passieren sollte

Es sollte sich vor unserer Tür ein riesiger Strauß aus ganz überirdisch bunten Blumen befinden und ein zugehöriges Kärtchen mit Goldrand dies erläutern wie folgt: „Hiermit schenke ich Ihnen und Ihrem verehrten Ehemann eine Woche Extra-Zeit in einem flauschigen Hotel Ihrer Wahl, denn Liebe braucht Zeit, freundliche Grüße, Ihr Meister Hora.“

Es sollte ganz viel und noch mehr regnen, weil nämlich sich die oberen Bodenschichten deutschlandweit wohl inzwischen wieder regeneriert haben, aber die unteren, tieferen, eigentlichen Bodenschichten eben noch nicht, oder so irgendwie.

Es sollte ein Café in unserem Dörfchen aufmachen, das (noch) junge Kaffeetrinkerinnen mit Kind, also mich, als Zielgruppe begreifen und folglich ein Ambiente bieten würde ganz ohne Spielautomat, Après-Ski-Gewummer und die übliche Stamm-Säufer-Klientel, vielsagend in meine Richtung zwinkernd aus dem verrauchten Kneipen-Zwielicht.

Es sollte H. gesund werden und bleiben, nach all der Zeit.

Es sollte am Dienstag, 3. November, by God –

Ja, das alles sollte in dieser Woche dringend passieren.

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Marcus Sedgwick: My swordhand is singing

Eiskalt ist es in Sedgwicks Roman, der irgendwo weit im Osten spielt, Rumänien vielleicht, und es herrscht bitterer Winter, und es ist nicht mehr ganz das tiefe Mittelalter, aber von Aufklärung und Moderne kann auch keine Rede sein. Stattdessen Wald, schwarz-weißer Birkenwald, und tiefer Schnee, so weit das Auge reicht.

Wald kann Zuflucht bieten und im Frühling und Sommer wunderschön sein. Aber in Sedgwicks verfluchtem Winter mit der lauernden Stille zwischen den Bäumen wird er zur Todesfalle. Schon auf den ersten Seiten wird Blut in den weißen Schnee tropfen und es den ersten Toten geben. Und den ersten Untoten. Weiterlesen „Marcus Sedgwick: My swordhand is singing“