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Andreas Pflüger: Niemals

In den USA haben sie das Rätsel um die Ermordung von John F. Kennedy. Hier in der Bundesrepublik haben wir das Rätsel um Uwe Barschel. Bei so traurigen krimitechnischen Voraussetzungen muss man sich also schon ziemlich ins Zeug legen, will man glaubwürdig rauskommen übers Tatort-Niveau.

Andreas Pflüger tut, was er kann. Seine Hauptfiguren sind nicht einfach nur Kommissare in Heinsburg-Duderstedt. Sie sind die härtesten unter den harten Kerlen, die Spezial-Einheit innerhalb der Spezial-Einheit, 40 Mann stark, im Team gilt die Anrede nur mit Nachnamen, sonst wird’s zu bitter bei der Beerdigung. Per Feuergefecht, Kampfsport und Scharfschützereien wehren sie unter Einsatz ihres Lebens des Bösen, das da weltweit lauert auf unsere friedliche Bundesrepublik.

Es wäre jetzt gemein, würde man Pflüger unter die Nase reiben, dass er diese Crew der extra-harten Nüsse nur erfunden hat. Darum geht es ja gar nicht. Wie gesagt, als Krimi-Autor in der BRD, da sind die Möglichkeiten rar, da muss man schon was bieten.

Außerdem kann Pflüger durchaus was.

Einmal kapiert man sehr viel mehr über die innersten Mechanismen unseres behäbigen Landes, innerhalb höchster Regierungskreise, die Intrigen, die Etikette, das ewige Gibst-du-mir-was-geb-ich-dir-was.

Man lernt beeindruckend viel – wie viele Jahre der Autor hier recherchiert hat, wage ich mir kaum auszumalen – über die Einsätze von Spezialeinheiten. Über das Training, über die Regeln, übers Kaltstellen von Gegnern, über das Wach-Sein, Vorausberechnen, wo ist der nächste Fluchtweg, wie viele Sekunden, zur Not reiß ich den Kaktus links von der Tür aus dem Topf und hau ihn der Security ins Gesicht, zwei Sekunden gewonnen.

Dass ein Schal eine tödliche Waffe sein kann (dank eingewebter Klaviersaite). Dass Scharfschützen vom ewigen Rückstoß-Abfedern so breite Schultern kriegen, dass sie sich fürs Inkognito Anzüge in Sonderanfertigung schneidern lassen müssen. Dass eine gut eingespielte Truppe dich immer um vier Uhr morgens angreift (Tiefschlafphase, da wird man besonders langsam wach). Und welche Verhör-Methoden es so alles gibt und wie leicht einen geübte Sondereinheitler durchschauen und manipulieren (ich will das auch können!).

Über die Psychologie einer solchen Truppe, die hin und wieder mal den ganzen Druck rauslassen und beim bunten Abend eine Kneipe in Trümmer hauen muss („Ziehen Sie was an, aus dem Blut und Kotze wieder rausgeht“, so der weise Rat der erfahrenen Sekretärin an die neue junge Spezial-Einheits-Chefin).

Zwei Hauptfiguren hebt Pflüger besonders hervor: Jenny Aaron, eine der beiden Frauen in der Sondereinheit, und den Scharfschützen Pavlik; unfehlbar, Familienvater, Fels in der Brandung.

Aaron (Nachname!) erleben wir nur in der ersten Szene auf der Höhe ihres Könnens, als sie jung, fit, den tödlichen Hermès-Schal um den Hals, einen Mafia-Boss ausspioniert in seiner Villa in Rom. Safe knacken mit der Haarnadel und zurück zum Dinner in 95 Sekunden. Schießereien in High Heels. Dann der Verrat, das Drama, überall Blut, Tod, Sterben. Ende erstes Kapitel.

Dann eine Lücke von mehreren Jahren. Wir erfahren, dass Aaron inzwischen blind geschossen wurde. Sich aber immer noch bewegen kann, dass es keiner merkt, und eisern im Training bleibt. Die Truppe nimmt sie wieder auf. Der Kampf geht weiter, der gleiche Gegner von damals in Rom (so in etwa) lauert schon.

Pflüger nutzt die Blindheit seiner Protagonistin für ein zum Teil beeindruckend intensives Schreiben, ein Mosaik aus all den Sinneseindrücken, aus denen die Welt besteht, wenn man sie, des Augenlichts beraubt, umso genauer ertasten, erschnuppern, erkunden muss. So wird Marrakesch, ein Einsatzort des Duos Pavlik/Aaron, zum rauschhaften Trigger-Wirbel vor allem olfaktorischer Natur, zerstäuben Schießereien in dröhnende Klangteppiche, das Hämmern von Kugeln, die Einschläge von Geschossen, das Keuchen der Getroffenen, Pulverrauch in der Nase und warmes Blut auf dem Arm.

Als Leser wird man da unmerklich auf eine ganz andere Stufe gehoben, ist plötzlich sehr viel wacher als normal, lebendiger, aufmerksamer – sozusagen auf performativer Ebene transportiert der Krimi das Lebensgefühl, das seine fiktive Elite-Truppe prägt: Das Leben lieben, gerade weil es ums Töten oder Getötet-Werden geht und es jede Sekunde vorbei sein kann. Pflüger macht dieses Gefühl erfahrbar, nachlesbar. Hut ab, ganz ehrlich.

Wobei, ach, ich muss den Hut wieder aufsetzen.

Denn eines geht mir leider ziemlich, bleiben wir im Bild, über die Hutschnur in „Niemals“, nämlich dass es Pflüger nicht lassen kann, alles so verflucht bedeutend daherkommen zu lassen.

Wir können Pflügers Roman nicht einfach lesen und spannend finden, wo kämen wir da hin. Schon der Stil macht derlei Hoffnungen zunichte. Von den oben erwähnten Kunstwerken abgesehen, findet kaum ein Schusswechsel ohne künstlerisch-metaphorische Verbrämung statt.

So sehr ich es liebe, aus dem Land der Dichter und Denker zu stammen (naja, zumindest war es mal das Land der Dichter und Denker): Wenn sich, was einfach nur spannende Unterhaltung sein könnte, pausenlos auch noch Kunst sein möchte, wünsche ich mir einen Teleporter ins Kennedy-Country, wo einem Ganoven, die lächeln „wie eine Postkarte aus dem Süden“ oder das Zwiegespräch zwischen Gewehrkugeln erspart bleiben. Wo nichts derart vor sich hin barschelt, dass man nach ihm in die Badewanne möchte.

Naja, ich höre jetzt auf. „Tatort“ fängt gleich an.

Das hier geschilderte Leseerlebnis verdanke ich einer Verlosungs-Aktion des Blogs „Zeichen und Zeiten“.

Andreas Pflüger: Niemals.
ISBN: 978-3-518-42756-9
475 Seiten
20,00 €
Suhrkamp.

 

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