englisch, erzählend

Frank McCourt: Angela’s Ashes

cvr9780684842677_9780684842677_hrIrisch, arm und katholisch ist die Kindheit und Jugend von Frank McCourt im Limerick der 1930er Jahre, und das Mörderische dieser Kombination fasst der Autor gleich zu Beginn seiner Erinnerungen in der lakonischen Bilanz zusammen: „When I look back at my childhood, I wonder how I managed to survive at all.“

Frank ist der älteste von sieben Geschwistern. Nur vier werden die harte Realität überleben: Der alkoholabhängige Vater vertrinkt das letzte Geld, die Mutter hält die Familie mit den Gutscheinen der Armenfürsorge über Wasser. Das baufällige Häuschen der McCourts mitten im Slum von Limerick ist gerade so bewohnbar, es gibt eine fleckige Matratze für alle, eine Pumpe mit eiskaltem Wasser im Hinterhof, und ein paar Häuser weiter ein Plumpsklo, das sich die ganze Straße teilt.

Alle haben hier ihre eigene Überlebensstrategie: Der Vater verbringt so viel Zeit wie möglich im Pub, wo sich alle bis zum Umfallen besaufen und patriotische Lieder über irische Freiheitskämpfer singen, die Mutter sitzt mit der Nachbarin stundenlang vor dem Kaminfeuer und raucht von Teer triefende Woodbine-Zigaretten, und Frank und seine Geschwister mogeln sich an der Kino-Kasse vorbei in den neusten James-Cagney-Film und träumen von unerreichbaren Köstlichkeiten wie Kartoffeln, Speck, Tee mit Zucker und Milch und von einer goldenen Zukunft im fernen Amerika.

Frank McCourt, das ist klar von der ersten Seite an, ist ein wunderbarer Geschichtenerzähler mit Gespür für Tempo und lakonischen Witz, ein Talent, das ihm vielleicht der unglückselige Vater vererbte, der aus dem Stegreif wilde Abenteuergeschichten für die Söhne erfand.

Doch seine Erinnerungen erschöpfen sich nicht in amüsant aus der Rückschau erzählten Anekdoten. Vielmehr beweist der Autor sein literarisches Können, indem er den kleinen Frank selbst erzählen lässt, eine tapfere Stimme aus den irischen Slums der 1930er Jahre.

Die Leser begleiten ihn dabei, wie er erwachsen wird und wie sich seine Sicht auf die elenden Lebensumstände nach und nach verändert, ein Prozess, dem Sprache und Erzählperspektive meisterhaft angepasst sind: Spricht zu Beginn ein Kind, das vieles einfach nur hinnehmen und registrieren kann, so hören wir zum Schluss einen jungen Mann, der zwar den Blick fürs Komische seiner desolaten Slum-Existenz gewahrt hat, aber dessen inzwischen erwachsenes Bewusstsein den verantwortungslosen Vater, die gottergebene, besiegte Mutter, die verlogenen Lehren der Kirche und die Schicksalsergebenheit seiner Mit-Slumbewohner nicht mehr erträgt –  und sich schließlich, wenn auch schweren Herzens, für den Neustart in den Vereinigten Staaten entscheidet.

Angela’s Ashes: Eine witzige, bittere, herzzereißende escape story irischer Prägung. Wer sich dem englischen Original nicht gewachsen fühlt, kann sich über die gelungene deutsche Übersetzung von Harry Rowohlt freuen (btb Verlag).

Frank McCourt: Angela’s Ashes. A memoir.
ISBN: 9780684842677
368 Seiten.
$17.00
Scribner

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