Debüts, erzählend, Jahrestage, reihenweise

Zum 3. Oktober (I): Irene Ruttmann: Das Ultimatum

Jenny studiert Theaterwissenschaften im grauen, noch sichtbar an Kriegsschäden laborierenden Ostberlin der ausgehenden 1950er Jahre.
In ihrer Studentenbude darf sie nichts an die Wände hängen, weil das die Uralt-Blümchentapete gefährden könnte.
Der geliebte Robert darf nicht bei ihr übernachten, weil sie nicht verheiratet sind, und sie natürlich auch nicht bei ihm – was nach jeder Liebesnacht einen mühsamen Heimweg quer durchs nachschlafende Berlin ins eigene Bett bedeutet.
Aber trotz aller konservativen 50er- Jahre-Moral lebt es sich nicht schlecht in der Hauptstadt: In der „Eierschale“ spielen sie Jazz, es gibt Kinos und Theater und die Oper unter den Linden, Ausflüge an den verwunschenen Müggelsee oder nach Potsdam in die Gärten von Sanssouci.
An der Uni hält man zusammen und lässt sich nicht von „Scharfmachern“ aus der Partei irremachen, und wer eine Pause braucht vom politischen Übereifer der jungen DDR, kann über die offene Sektorengrenze nach Westberlin fahren, die Augen ausruhen vom Braunkohlemief des Ostens, Schuhe bei Salamander kaufen oder schicke Halstücher und Nivea-Creme auf dem Ku’damm.

Oder auch mal den neusten „Spiegel“. Oder Hannah Arendts „Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft“. Sich so etwas in Ostberlin ins Bücherregal zu stellen, ist zwar ziemlich riskant, aber Jenny pfeift darauf: Bloß sich nicht das freie Denken verbieten lassen!

Und im Notfall kann man ja immer noch alle Siebensachen packen und über die Grenze nach Westberlin fliehen, ins Notaufnahmelager für DDR-Flüchtlinge, und sich von dort ausfliegen lassen ins freie Westdeutschland.
Nur: Wann ist er da, der Notfall?
Die Drohgebärden der Partei gegen die allzu freien Theaterwissenschaftler, die schamlose Bevorzugung „linientreuer“ Kommilitonen, die Angst der Studenten vor Spitzeln in den eigenen Reihen, die Farce der „freien und geheimen“ Wahlen, die Gerüchte über Verschwundene und willkürlich Verhaftete – ist das Grund genug, um in den Westen zu fliehen, in die völlige Ungewissheit, und Familie und Freunde zurückzulassen, vielleicht für immer?

Während Jenny und Robert noch zögern und die endgültige Entscheidung vor sich her schieben, tönt bedrohliches Säbelgerassel aus der Sowjetunion. Und plötzlich scheint die Tür in den freien Westen nur noch eine Handbreit offen zu stehen …

Irene Ruttmann: Das Ultimatum.
221 Seiten.
ISBN 978-3-406-47134-6
C.H.Beck
(vergriffen, aber ihr-wisst-schon-wo erhältlich)

 

 

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