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Amy Liptrot: Nachtlichter

Wer „Nachtlichter“ liest, macht zwei Reisen zugleich: Eine psychologische, in die Seele eines alkoholkranken Menschen, dem nach zehn Jahren der Sucht endlich der Ausstieg gelingt, und eine geographische, in den äußersten Norden Großbritanniens, auf die Inselgruppe der Orkneys.

Die Orkneys liegen dort, wo Schottland aufhört, eine Handvoll Felsbrocken im Meer, weit, weit, noch weiter im Norden, einen Tag Zugfahrt von London entfernt. Hier ist der Himmel unendlich hoch, das Licht klar und kalt, der Wind haut einen um, und immer, überall, ist das Meer zu hören, wie es an die Steilküsten kracht.

Kann man hier leben? Hier, wo es so ländlich zugeht, dass sogar auf dem Schulhof noch alle über Traktor-Marken fachsimpeln. Wo der einzige schwarze Junge aus Liptrots Schule eines Tages plötzlich verschwindet – ein Unfall wahrscheinlich, die Steilküsten sind ja auch tückisch (Liptrot hält es dagegen für gar nicht so unwahrscheinlich, dass er den latenten Rassismus der Orkney-Bewohner einfach nicht ausgehalten und sich umgebracht hat). Auf dem Weltkulturerbe der Inselgruppe, den Steinkreisen und Festungen aus der Jungsteinzeit, turnen die gelangweilten jungen locals herum und nutzen die verlassenen Ruinen nachts zum Knutschen, Trinken und Rauchen.

Schon mit fünfzehn wollte Liptrot weg von dieser Enge. Als es Zeit wird fürs Studium, zieht sie nach London, in eine andere Welt.

Aber diese Welt bringt ihr kein Glück. Das Leben als Dauer-Party ist nichts für sie: Liptrot fängt an zu trinken. Ihre Freunde werden nach dem Studium allmählich vernünftiger, gehen nicht mehr dauernd weg, trinken weniger, arbeiten in seriösen Jobs. Liptrot dagegen hangelt sich nach der Uni von einem Großraumbüro zum nächsten, verbirgt ihren Kater vor den Kollegen, stürzt nach Feierabend sofort in den nächsten Supermarkt und kauft ordentlich Alkohol. Werden auf Parties die Drinks nicht schnell genug serviert, geht sie heim und trinkt alleine weiter. Flaschen und Bierdosen schmuggelt sie mühsam an ihren Mitbewohnern vorbei, die ihr aber trotzdem früher oder später auf die Schliche kommen, sich ein Herz fassen, „Wir müssen reden“-Mails schreiben. „Ich habe Respekt vor jedem, der versucht hat, mit mir über meine Alkoholsucht zu sprechen“, sagt Liptrot einmal.

Aber die Sorge der anderen hilft ihr nicht. Die Sucht ist stärker. Bei einem Besuch zu Hause taumelt sie betrunken von der Fähre und in die Arme der entsetzten Mutter. Entziehungskuren fängt sie an, bricht sie ab, versucht es wieder, scheitert erneut. Erst als sie auf der Straße angegriffen wird, zu betrunken, um sich zu wehren, erst als der Freund mit ihr Schluss macht, ihr die Wohnung gekündigt wird, beginnt, langsam, die Wende.

Um Abstand von London zu gewinnen, zieht sich Liptrot nach erfolgreich durchgestandenem Entzug in ihre alte Heimat zurück, zunächst nur vorübergehend. Aber die Inselwelt hält sie fest. Bald zählt sie im Auftrag der Naturschutzbehörde seltene Vögel, trifft sich mit Forschern, beobachtet den Sternenhimmel und die Bewegungen der See. Sie schließt sich einer Truppe unerschrockener Schwimmer an, die dem eiskalten Meer mit Neopren-Anzügen trotzen. Vom Alkohol hält sie sich eisern fern und entdeckt, dass der Entzug an sich der erste Schritt ist. Der zweite besteht darin, sich ein Leben aufzubauen, das auch ohne Abhängigkeit Sinn und Inhalt hat.

Mit dem Wechsel des Schauplatzes tritt das Autobiographische des Romans stellenweise in den Hintergrund und wird abgelöst von Schilderungen der wilden Landschaft der Orkney-Inseln, ihrer Geschichte und – unsicheren – Zukunft als Energielieferant für Großbritannien: Wind und donnernde See wecken die Begehrlichkeiten der Windpark-Betreiber.

Liptrot ist nicht nur Autorin, sondern auch Journalistin, und stellenweise erinnert „Nachtlichter“ auch an eine Reportage. Allerdings nicht zum Nachteil des Romans. Für den Absturz in die Sucht und das mühsame Wieder-Aufrappeln wählt Liptrot bemerkenswert offene, unaufgeregte Worte, hält eine ruhige Distanz zum Erzählten und lässt Situationen und Schauplätze anhand klug gewählter Details lebendig werden, statt auf die Tränendrüse zu drücken.

Dieser Stil zwischen Distanz und Detail lässt eine Spannung der ganz eigenen Art entstehen und verleiht „Nachtlichter“ eine besondere, beinah magische Sogwirkung. Für ihre Naturschilderungen, die analysierende Betrachtung mit poetischer Sprache verbinden, hat Liptrot 2016 den „Wainwright Prize“ erhalten.

Amy Liptrot: Nachtlichter.
ISBN: 978-3-442-71841-2
352 Seiten.
10,00 €
btb

 

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