Texte

Fliegen lernen

Drei unserer vier Teppiche können fliegen und sind jede Nacht unterwegs.

Schüttle ich sie aus, fliegen mir feine, rötliche Sandkörner ins Gesicht. Wüstensand.

Der schwarz-weiße Berberteppich, noch von meiner Großmutter selig, hat sich gestern frühmorgens gerade noch so wieder ausgerollt in meinem Wohnzimmer, kurz bevor ich reinkam, und lag dann da, als wäre nichts.

Der Kleinste der drei, ein roter Kelim, war an einer Ecke nass gestern früh. Ich wrang ihn aus, und das Wasser war salzig und roch nach Teer.

Ich frage mich, warum sie immer wieder zurückkommen.

Ich frage mich, wie es um den vierten Teppich steht, den wir neulich erst gekauft haben. Kann er nicht mitfliegen? Traut er sich nicht? Lassen seine Kameraden durchblicken, dass sie ihn nicht dabeihaben wollen?

Mit Hirning Senior von Raumausstattung Hirning erörtere ich die Frage. Gerade bei neuen Teppichen sei es häufig eine Frage der Inspiration, so der Senior-Chef. Ich solle dem Neuzugang mal was vorlesen: Märchen, in denen es um fliegende Teppiche geht, ein Gedicht oder Drama mit einem Teppich in tragender Rolle.

Zu Hause durchwühle ich mein Bücherregal und stoße schließlich auf „Der Eisblumenwald“, ein wunderschönes und vor allem wunderschön illustriertes eher Kinder- als Jugendbuch, das Tausendundeine Nacht und die moderne Welt schwungvoll vermischt und in Zeiten des Klimawandels aktuell ist wie nie, und dazu entscheide ich mich noch für das Gedicht „Ein alter Tibetteppich“ von Else Lasker-Schüler.

Beides lasse ich über Nacht ganz lässig auf dem vierten Teppich liegen, wie es Hirning Senior als Alternative zum Vorlesen empfohlen hat, und erkläre meinem Mann, das sei für eine Performance. Es spricht für ihn, dass er, auch angesichts der Sache mit dem Moodboard neulich, keine weiteren Fragen stellt.

Am nächsten Morgen stehe ich früh auf und höre tatsächlich noch das diskrete Flopp-Flopp-Flopp, mit dem sich Teppich eins, zwei und drei auf ihren gewohnten Plätzen ausrollen.

Und Teppich vier liegt schief. Nicht gerade, wie noch gestern abend. Eindeutig etwas verrutscht. Und ein bisschen zerzaust. Ich trete mit einem nackten Fuß auf die weiche Fläche, und feiner Sand bleibt an meinen Zehen haften.

Unsere vier Teppiche können fliegen. Ich kämme ihnen Sahara-Sand aus den Fransen. Manchmal sind sie nass, und wenn ich sie auswringe, ist das Wasser salzig und riecht nach Teer. Sie sind jede Nacht unterwegs, aber morgens liegen sie an ihren gewohnten Plätzen und tun so, als wäre nichts weiter.

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