Übersicht, Bloß nicht!, englisch, erzählend

Matt Haig: The Midnight Library

Und dann stirbt auch noch die Katze.
Nora Seed, Hauptfigur in „The Midnight Library“, hat es wirklich nicht leicht.

Schon früh im Buch erfahren wir davon, was alles falsch g81J6APjwxlL._AC_UY436_QL65_elaufen ist bisher: Sie hätte das Zeug gehabt, Profi-Schwimmerin zu werden, Olympia und so, schmiss aber hin, weil zu viel Druck, und hat damit ihren Vater, der diese Karriere aufopferungsvoll gefördert hat, natürlich schrecklich enttäuscht. Eine Hochzeit, zwei Tage vorher abgesagt. Und die Band: Kurz vor dem großen Deal mit einem angesagten Label ausgestiegen und die anderen, darunter den großen Bruder, im Stich gelassen. Da hilft das Philosophiestudium auch nicht mehr viel, sondern macht es nur noch schlimmer, weil fatalistische Sprüche großer Denker im Zweifel nie irgendwas besser machen, und den Job zu verlieren setzt dann allem noch die Krone auf. Von Noras schwerer Depression mal ganz abgesehen.
Also beschließt Nora, sich umzubringen. Es klappt aber nicht so wirklich: Ihre digitale Uhr bleibt genau auf Mitternacht stehen, der Zeit, als ihr Leben eigentlich enden sollte. Und sie findet sich wieder in einer Art magischem Transitraum: In einer unendlichen Bibliothek, voller Bücher in unterschiedlichen Grüntönen, bewacht von einer Bibliothekarin, die jener freundlichen Mrs. Elm, damals in der Schulbücherei, zum Verwechseln ähnlich sieht.
Du bist hier, weil du noch nicht tot bist, so diese Beinah-Mrs-Elm. Dein bisheriges Leben willst du nicht mehr. Und jetzt geht es folgendermaßen weiter: Jedes Buch hier ist ein mögliches zukünftiges Leben. Du musst solange welche ausprobieren, bis du ein passendes gefunden hast. Passt es nicht, landest du wieder hier, und alles fängt von vorne an.
Nora spielt notgedrungen mit, und das Buch erzählt von einem Leben nach dem anderen: Profi-Schwimmerin, Rockstar, Polarforscherin (das endet beinahe fatal, Stichwort Eisbär), glückliche Mutter. Einmal trifft sie einen, der im Surfen von einer möglichen Existenz zur anderen seine wahre Bestimmung gefunden hat, also gar nicht mehr ankommen will, aber dieser durchaus spannende Gedanke spielt dann keine große Rolle mehr. Einmal kollabiert die Bibliothek beinahe. Und irgendwann geht es natürlich gut aus, und Nora macht im alten Leben weiter, das sie aber jetzt als so schlimm gar nicht mehr empfindet. Die Blumen in Nachbars Garten, wie wunderschön! Klavierstunden geben! Alles ganz großartig.
Warum ich so gehässig werde? Weil ich es Haig nicht abnehme, dass das mit dem Leben, und insbesondere mit der Depression, tatsächlich so einfach ist. Soweit ich diese Krankheit verstehe, kann sie durchaus mit äußeren Faktoren zusammenhängen – Missachtung im Job, eklige Kindheitserfahrungen – aber muss eben auch überhaupt nicht. Diese Schwärze, die einem die Seele verklebt, kommt von innen, einfach so. Den Job verlieren macht es nicht besser. Aber viele Depressive, die scheinbar alles haben, leiden eben einfach trotzdem, und umso mehr, weil ihnen die Umwelt ständig mit Sprüchen kommt wie: „Was hast du denn? Reiß dich doch mal zusammen!“
Vielleicht geht das einfach nicht gut, wenn man große Themen wie das innere Leiden und die Verzweiflung an der Welt, das Alleinsein, die Sorgen, auf Bestseller-Niveau abhandelt. Natürlich schafft Haig Gesprächsanlässe, kann man viel nachdenken über seine Theorie der unendlichen Möglichkeiten (wobei, ganz ehrlich: Alle Möglichkeiten haben wir doch nie, oder? Ich hätte nie im Leben Sportlerin werden können, beispielsweise, das hätte mein armes Rückgrat gar nicht mitgemacht). Aber seinem flachen, massenkompatiblen Depressions- und Verzweiflungsverständnis würde ich gerne Nick Hornby entgegensetzen, der in „About a Boy“ so viel besser darüber nachdenkt, was es eigentlich braucht, um weiterzumachen. Und die Freude am normalen Leben gibt es bei Ian McEwan so viel schöner, in „Atonement“ , als eine der Hauptfiguren, gerade aus dem Gefängnis entlassen, in einem Londoner Café sitzt und sich einfach nur wohlfühlt in dieser „Embrace of the Everyday.“ Büchereien mit wirklichen Büchern drin sind halt einfach doch das bessere Modell.

Matt Haig: The Midnight Library. (ISBN-10: ‎ 178689273, 288 S.)
http://www.matthaig.com/

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