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Angeline Boulley: Firekeeper’s Daughter

Ein Firekeeper hat eine wichtige Aufgabe: Während einer Zeremonie entfacht und hütet er das Feuer, dessen Rauch die Gebete der Gemeinschaft zu Schöpfer in den Himmel trägt. Und nicht nur das Feuer behält er im Auge, auch diejenigen, die sich dort versammeln: Bitte kein Alkohol, keinen Streit, kein Tratsch. Wo ein besonderes Feuer brennt, kann man negative Energie nicht brauchen.
Daunis Fontaine, die junge Protagonistin in Angeline Boulleys Debütroman, gehört zu diesen Firekeepern, aber eben nur halb: Ihr Vater war Native American, und in seiner Familie, die zur Stammesgemeinschaft der Ojibwe zählt, wird das Amt desjenigen, der das Feuer hütet, von einer Generation an die nächste weitergegeben. Daunis‘ Mutter dagegen ist weiß, stammt von einer alteingesessenen Familie französischer Herkunft ab, die hier im US-Bundesstaat Michigan an der kanadischen Grenze so etwas wie die Elite bilden. Ein gemischtes Erbe, mit dem zu leben wahrhaftig nicht einfach ist.

Daunis tut ihr Bestes, um sich zwischen ihren beiden Welten zurechtzufinden: Sie streut morgens seema, heiligen Tabak, und spricht ihre Gebete wie eine Ojibwe. Und sie spielt begeistert Eishockey, wie die meisten weißen Kids. Wenn die Weißen Sprüche ablassen wie „Ich habe keine Vorurteile, aber Indianer haben weder sozial noch intellektuell die passenden Voraussetzungen fürs College“, oder wenn ihre eigene Community in ihrer Anwesenheit ungeniert über die Zhaaganaash, die Weißen, lästert, stellt sie genervt auf Durchzug.
Gut, dass sie den Sport als Ausgleich hat. Gut, dass sie mit Lily herumalbern kann, ihrer besten Freundin. Gut, dass es Auntie Teddie gibt, ihre unerschrockene Tante mit bewegter Vergangenheit, die sie in die Schwitzhütte mitnimmt und zum Powwow, und die ihr dabei geholfen hat, ihr traditionelles Festkleid, das Jingle Dress, zu nähen, als sie vierzehn war: An jedem Tag wird der Rocksaum mit einem neuen, silbernen Glöckchen-Kegel besetzt, bis das Kleid nach einem Jahr fertig ist, gesäumt mit dreihundertfünfundsechzig dieser Glöckchen – jede für sich steht für eine der Weisheiten, die beim Annähen an die künftige Trägerin weitergegeben wurde.
Aber diese Möglichkeiten zur Teilnahme sind für Daunis auch immer ein Bis-Hierher-und-nicht-weiter. So ganz gehört sie eben doch nicht dazu – Teddie lehnt es beispielsweise kategorisch ab, Daunis zu einer blanket party mitzunehmen, einer gemeinsamen Racheaktion misshandelter Ojibwe-Frauen: Die weiblichen Angehörigen des Opfers überfallen den Gewalttäter, karren ihn in eine Decke gewickelt irgendwo in den Wald und verprügeln ihn. Besser so, besser die eigene Gerechtigkeit als darauf zu hoffen, dass Polizei und US-Justiz aktiv werden, wenn es um die allgegenwärtige Gewalt gegen Ojibwe-Frauen geht. Und überhaupt: Soll man etwa der Regierung trauen, die noch bis Ende der 1970er-Jahre indianische Kinder aus ihren Familien riß, um sie in zweifelhaften Internaten mit Gewalt zu nützlichen Mitgliedern der US-Gesellschaft zu formen? Sei du nur froh um deine helle Haut und deinen französischen Nachnamen, wirft die Tante Daunis einmal hin. Meine eigenen Kinder können von solchen Privilegien nur träumen.
Es geht eben nicht nur um Gebete und heilige Feuer und Volksfeste bei Boulley. Sie zeigt auch, und für ein Jugendbuch bemerkenswert schonungslos, die Härten eines Lebens als Anishinaabe, wie sich die Ojibwe selbst nennen. Die traumatisierten Familien. Die Herablassung und naive Bevormundung von weißer Seite. Die Drogen, Crystal Meth allen voran, das so viele Jungs aus der Rez, der Reservation, innerhalb von wenigen Wochen in hohlwangige lost boys verwandelt.
Daunis hält sich da raus. Sie will Eishockey spielen und Medizin studieren und darüber ein paar Familientragödien – der ungeklärte Tod ihres geliebten Onkels David, der abwesende Vater – endlich hinter sich lassen. Der gutaussehende Jamie, der neue Spieler in der Eishockey-Mannschaft ihres Bruders, mit seiner seltsamen Narbe im Gesicht, scheint da ein Hoffnungsschimmer zu sein.
Aber die Realität holt Daunis ein. Ein Unglücksfall bringt das FBI in ihre Heimatstadt. Und die ermittelnden Beamten wollen ausgerechnet sie dazu bringen, undercover für sie zu arbeiten …
Drogen, Traumata, Gewaltverbrechen, Missbrauch, Familientragödien, Identität und Zugehörigkeit, Liebe und Verrat – stellenweise erfüllt „Firekeeper’s Daughter“ wirklich das Klischee vom überfüllen Erstling, so viele Namen und Figuren schwirren hier herum, so viele dramatische Ereignisse überstürzen sich geradezu. Und so spannend das alles ist, irgendwann geht es halt doch zu Lasten der Glaubwürdigkeit: Wo bitte gibt es denn die Psyche, die unbeschadet all die Traumata übersteht, die die Hauptfigur hier durchleiden muss, mit ihren noch nicht einmal neunzehn Jahren? Ganz abgesehen davon, dass das Ganze für eine jugendliche Zielgruppe vorgesehen ist, die dann doch länger, als wir Erwachsenen es wahr haben wollen, an der Verarbeitung von Gewaltdarstellungen zu kauen hat.
Aber insgesamt ist „Firekeeper“, wie gesagt, so rasend spannend (Warum ist Onkel David wirklich gestorben? Warum sind zwei Mädchen verschwunden, die Daunis noch von der Schule kennt? Wer hat das neue Meth zusammengekocht? Wer ist Jamie wirklich? Wem kann noch überhaupt noch trauen?) und wird so wunderbar in Schwung gehalten vom gewitzten Erzählton, der den Humor und die sensible Intelligenz der jungen Daunis großartig vermitteln kann („Ich werde nicht warten, bis sich ein Hinweis an meinem Bein reibt und darum bettelt, gestreichelt zu werden“), dass es sich einfach nur kleinlich anfühlt, der Autorin ihren Erstlings-Übereifer anzukreiden. Für uns weiße Leserinnen ist der Roman ein Geschenk, der sehr berührende Einblicke in die Welt der Anishinaabe bereithält und auch und gerade unserem jungen Lesepublikum einige Denkanstöße liefern dürfte – denn natürlich kommt man angesichts einer Lebensweise, die traditionell auf Zusammenhalt setzt, die Natur achtet und Frauen tiefen Respekt entgegenbringt, dann doch ziemlich schnell ins Grübeln, was wir eigentlich noch haben von unseren einzelkämpferischen, leistungsorientierten, vom Patriarchat nach wie vor tief geprägten Strukturen.
Aber vergessen wir mal das weiße Lesepublikum. Angeline Boulley wendet sich vor allem an ihre eigenen Leute mit „Firekeeper’s Daughter“, und Recht hat sie: Denn mit welchen Roman- oder Filmhelden kann man sich schon identifizieren als Native American? Wie viele Romane, oder Filme, oder Serien, gibt es, die von ihnen und für sie gedacht sind? Außer dem verdienstvollen Der mit dem Wolf tanzt fallen mir ein paar Independent-Produktionen ein, die aber sicherlich über den Status des Geheimtipps nie hinausgekommen sind, und bei Romanen, gerade für Jugendliche, sieht es sicher ähnlich düster aus.
„Firekeeper’s Daughter“ will seinen Teil dazu beitragen, diese Lücke endlich zu schließen. Das Ziel der Autorin ist es, so schildert sie es im Nachwort, jungen Native Americans ein Vorbild zu geben, eine Identifikationsfigur, eine Geschichte, in der es um sie geht, um ihre Konflikte und ihr Leben. Damit hat sie offenbar einen Nerv getroffen: Wochenlang stand der Roman auf der Bestsellerliste der New York Times und ist in den USA selbst inzwischen vergriffen.

Angeline Boulley: Firekeeper’s Daughter
ISBN: 978-3-570-16601-7
560 Seiten (Hardcover)
cbj Verlag
https://angelineboulley.com/

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